Oberhausen. „Europe needs nurses“  – das war der Slogan einer Kampagne in den 1970er Jahren, mit der Deutschland im Ausland um Pflegefachkräfte warb. Ein Aufruf, dem Melia Poll im Alter von 23 Jahren folgte und sich auf den Weg von den Philippinen nach Oberhausen machte. Sie kam, um als Krankenschwester in der St. Elisabeth Klinik zu arbeiten. Und sie kam, um zu bleiben.

Wenn Melia Poll über ihr bisheriges Leben spricht, dann muss der Zuhörer aufpassen, kein Detail zu verpassen. Sie hat viel zu erzählen, sie lacht offen und herzlich. Gerade über ihren Beruf redet sie gern. Ihr ist anzumerken, dass der Job ihr eigentlich schon fast zu viel Spaß macht, um jetzt im Alter von 66 und nach 43 Dienstjahren in der heutigen HELIOS St. Elisabeth Klinik damit aufzuhören. Dabei begann alles im Jahr 1973 mit einem großen Abenteuer, über dessen Ausgang sich Melia Poll anfangs nicht sicher war. Nach ihrem Pflegestudium an der Philippine Womens University in Manila fasste sie den Entschluss, als Krankenschwester fernab der Heimat in Deutschland zu arbeiten. Denn es war die Zeit, in der Deutschland auch über die eigenen Grenzen hinweg nach qualifizierten Pflegekräften suchte. Mit fünf Freundinnen belegte sie also nach dem Abschluss als examinierte Krankenschwester zunächst einen Deutschkurs und stieg dann in ein Flugzeug – im Gepäck mühsam gespartes Taschengeld und jede Menge Hoffnung auf eine gute Zukunft. Das Ruhrgebiet kannte sie bis zu dem Zeitpunkt nur aus einer Filmreportage.  Ob sie damals Angst hatte vor diesem großen Schritt? „Nein, zu keinem Zeitpunkt. Meine Mutter hat mich immer gelehrt, für alles offen zu sein“, sagt Melia Poll rückblickend. In Deutschland angekommen wurde sie von den Schwestern der Barmherzigkeit am Flughafen in Empfang genommen. Die Ordensschwestern kümmerten sich rührend um die Neuankömmlinge aus den Philippinen, halfen ihnen, sich zu orientieren und einzugewöhnen. Aber auch die neuen Kollegen in der St. Elisabeth Klinik nahmen die Frauen aus Südostasien herzlich auf. „Alle waren sehr offen und haben uns toll integriert“, erzählt Melia Poll.

Sie begann ihren Dienst auf der damaligen Wachstation der Klinik. So nannte man die Funktionseinheit, in der Patienten kurz nach ihrem operativen Eingriff überwacht wurden, die allerdings nicht künstlich beatmet werden mussten. Melia Poll schätzte seit jeher den engen Kontakt zu den Patienten, die einer besonderen Pflege bedürfen, egal aus welchem Fachbereich. Mit Herzblut stand sie ihnen zur Seite, sprach Mut zu, hielt Überwachungsmonitore im Blick.
Sie hat innerhalb der Klinik aber auch viele Veränderungen miterlebt  – die umfassende Sanierung der Stationen, die Inbetriebnahme der chirurgischen Ambulanz, Baumaßnahmen zur Vergrößerung, steigende Bettenzahlen. Ihr Credo dabei: „Sei niemals stur! Man muss sich hin und wieder auch den neuen Gegebenheiten anpassen.“ Im Jahr 1999 wurde die  Wachstation dann zur  interdisziplinären Intensivstation. Es kamen neue spannende Aufgaben hinzu. Schwester Melia kümmerte sich im Laufe der Zeit um zahlreiche Menschen mit schweren oder gar lebensbedrohlichen Erkrankungen, half ihnen so gut es ging auf dem Weg der Genesung. Was für viele vielleicht nach einem eher deprimierenden Arbeitsumfeld klingt, war für sie immer genau das Richtige. „Die Arbeit in der Intensivpflege ist sehr abwechslungsreich. Es gibt immer wieder Neues zu lernen. So bleibt man selbst fit im Kopf, auch durch die zahlreichen Fortbildungen, die einem ermöglicht werden“, sagt Melia Poll. Sie ergriff motiviert Selbstinitiative, übernahm später die stellvertretende Stationsleitung.

Neben dem Spaß am Beruf bindet Melia Poll auch privat viel an das Haus: In der Klinikkapelle fand die Hochzeit mit ihrem Mann Klaus statt, mittlerweile sind die beiden seit 40 Jahren verheiratet. „Ich habe damals schon immer gesagt, dass ich später einen blonden Mann heiraten möchte – so ist es dann auch gekommen“, sagt sie und lacht. Kennengelernt hatte sie ihn beim Karneval, näher gekommen sind sie sich ein Jahr später beim gemeinsamen Pommes-Essen. Mit ihm teilt sie unter anderem die Leidenschaft für den MSV Duisburg. Bei Heimspielen sind die beiden so oft es geht im Stadion.

Ein Job, der sie gänzlich ausfüllt, eine glückliche Ehe, viele gute Freunde – all das hat Melia Poll in Deutschland, genauer in Oberhausen, gefunden. Hierher zu kommen hat sie nie bereut. Ihr Wurzeln hat sie aber nicht vergessen. Deshalb wollte sie auch anderen Menschen die Möglichkeit geben, ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen. „Wenn du irgendwie helfen kannst, dann hilf“, so lautet ein weiterer ihrer Grundsätze. Deshalb engagiert sie sich schon lange ehrenamtlich im Deutsch-Philippinischen Verein NRW. Die Organisation unterstützt unter anderem junge Menschen in den Philippinen, deren Eltern nicht die nötigen Mittel haben, um ihnen das Studium zu finanzieren. „Denn eine gute Ausbildung ist das A und O“, ist Melia Poll überzeugt.

Nach so vielen Jahren verlässt sie die HELIOS St. Elisabeth Klinik jetzt mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Die neu gewonnene Freizeit werden sie und ihr Mann zunächst nutzen, um ihre Familie in der philippinischen Heimat  zu besuchen.  Doch so ganz vom Berufsleben trennen kann sie sich nicht. „Ich muss erst einmal herausfinden, wie sich die Rente für mich anfühlt.“ Und ihrem hilfsbereiten Wesen entsprechend ergänzt sie schnell: „Vielleicht kann ich aber auch hin und wieder zurückkommen und aushelfen.“