(Foto: Christian Voigt/LokalKlick)

Duisburg/Ruhrgebiet. Nachdem die sozialdemokratische Spitzenkandidatin zur Europawahl, Katarina Barley, und die CDU Bundesvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer Halt am Rhein-Ruhr-Delta machten, schickten nun die Bündnis 90/Die Grünen ihren Bundessprecher, Robert Habeck, zum Wahl-Stelldichein in die westliche Ruhrgebietsstadt. Gab es von AKK noch eine Frontalrede vom Podium auf dem König-Heinrich-Platz mit viel Publikumsverkehr, zogen die Grünen einen Kinosaal im UCI Kino am Hauptbahnhof Duisburg vor.

Der smarte Schriftsteller und ehemalige Stellvertretende Ministerpräsident von Schleswig-Holstein gehört neben Christian Lindner zu den wenigen Popstars der deutschen Politszene. Der aktuelle gute Trend für die Grünen sei eng mit seiner Person verbunden. Klar, dass die Grünen-Stadtverbände in Mülheim und Duisburg erfreut über Wahlkampfauftritte Habecks waren. Der Transfer vom Mülheimer Hauptbahnhof zum Auftritt im Ringlokschuppen erfolgte selbstverständlich ökologisch mit dem Fahrrad über den Radschnellweg Ruhr. Dabei fuhr Robert Habeck ohne Fahrradhelm. So scheint den Grünen die Vorbildfunktion von Politikerinnen und Politikern ebenso unwichtig, wie zuletzt SPD-Ratsmitgliedern in Moers, die sich für ihre Idee des Baus eines Bahnhaltepunktes zwischen zwei Gleisen ablichten ließen und dafür die Bildunterschrift „Die Gleisbesetzer der SPD“ wählten.

Das Regiebuch für den Wahlstreifen mit Robert Habeck und der NRW-Spitzenkandidatin Terry Reintke MdEP für den abendlichen Auftritt im UCI Kino war gut angedacht. Felix Banaszak, der aus Duisburg stammende grüne Landesvorsitzende, eröffnete ironisch mit, dass Politiker ihr Publikum solange anschreien, bis sie freiwillig ihre Stimme geben würden. Nach dieser Absage an die klassische Redeveranstaltung eröffnete zunächst Terry Reintke gefolgt von Robert Habeck mit einem kurzen Anfangsstatement ohne den Grünen nachgesagten Bevormundungsstil. Viele europäische Themenfelder wurden dabei im Schnelldurchgang mit grünen Ansichten angerissen. Auch die unstrukturierte Frage-Antwort-Runde mit den Gästen im gut besuchten Kinosaal verdichtete den Eindruck, dass es nicht vorrangig um eine sachpolitische Darstellung, Information und Überzeugung von Wahlunschlüssigen ginge. Spätestens nachdem das eigentlich erwartete Raunen zum Thema CO2-Steuer ausblieb, war klar, dass vorwiegend eigene Parteimitglieder und -funktionäre diese Veranstaltung besuchten. Die teilweise folgenden Fragen mit sehr internen Inhalten unterstrichen den Kokon-Charakter. Auch wenn die Kinotüren offenstanden, erreichte die grüne Wahlkampfveranstaltung keinen der vorbeigehenden Kinobesucher, die eher auf ihr Popcorn und ihre beginnenden Filme von Pokémon bis Monsieur Claude 2 fokussiert waren.

Während Terry Reintke mit europäischen Fachwissen aus ihrer letzten Legislaturperiode engagiert aufwartete, kamen Habecks Antworten vorwiegend routiniert, sachlich und schon etliche Male in den Polit-Talkshows der Republik heruntergespult. Letztlich reduzierten sich alle Themenlösungen auf die von den vorherigen Grünen-Generationen der Künasts, Roths, Trittins und Özdemirs seit Jahren bei Anne Will, Maischberger und Maybrit Illner vertretenen Phrase, dass schnellstens der ökologische und soziale Wandel beginnen müsse. Es gab kein Wort darüber, in welcher Regierungsbeteiligung auf Landes- und Bundesebene die Grünen schon damit hätten beginnen können. Nicht verschwiegen wurde dagegen, dass die Grünen nach ihrem Beinahe-Absturz in die außerparlamentarische Bedeutungslosigkeit durch Äußerungen zur Flüchtlingskrise und den Vorkommnissen der Kölner Silvesternacht mit anschließendem Auffangen durch die Wahlergebnisse in 2017, derzeitig von der „fridays for future“-Bewegung profitieren. Nachdem man der Kanzlerin Angela Merkel schon mehr umweltpolitisches Handeln als den Grünen nachsagte, erleben diese nun durch das Engagement einer schwedischen Schülerin den zweiten Frühling ihres eigentlichen Kernthemas.

Stellenweise wirkte es am Mittwochabend als wenn Robert Habeck angeödet während Terry Reintges Antworten Löcher in den Boden starrte. Deren zwischenzeitliche Betrachtung ihres Smartphones erinnerte an ein Foto aus dem Landtagswahlkampf 2017 der Grünen am Niederrhein. Bei der damaligen Fahrt auf einem Trecker auf einem Biohof schaute der ehemalige grüne NRW-Minister Remmel desinteressiert in der Gegend herum und die lokale auf dem sprichwörtlich „letzten Drücker angetretene“ Landtagskandidatin Gudrun Tersteegen beschäftigte sich sichtlich gelangweilt mit ihrem Akku-betriebenen Mobiltelefon. So diente schließlich die Wahlkampfreise Robert Habecks von Flensburg durch die halbe Republik ins Ruhrgebiet mehr der Anerkennung und Seelenmassage der lokal aktiven Grünen anstatt der Stimmengewinnung für die Europawahl. Hätte die grüne Abgeordnete Reintke während der letzten Legislaturperiode für mehr Präsenz und Transparenz in ihrem Ruhrgebiets-Wahlkreis gesorgt, hätte man sich die zusätzliche Belastung der Ökobilanz der habeckschen Zugfahrt über die Glyphosat bereinigten DB-Gleise sparen können.

Ein KlarKlick von Christian Voigt/LokalKlick

(Foto: Christian Voigt/LokalKlick)
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