Dr. Andrea Kuckert-Wöstheinrich, Leiterin „Forschung und innovative Projekte“ bei der St. Augustinus Gruppe (Foto: privat)

Neuss. Alexius/Josef Krankenhaus in Neuss lenkt Blick auf sexuelle Minderheiten

Eine betagte Dame wird zu Hause vom ambulanten Pflegedienst versorgt. Auf dem Tisch steht das Bild ihrer verstorbenen Partnerin. Auf die Frage der Pflegekraft, wer auf dem Foto abgebildet sei, antwortet die Dame wahrheitsgemäß: „Meine Frau.“ Kopfschüttelnd verlässt die Pflegekraft die Wohnung und weigert sich fortan, die Dame zu versorgen. Kein Einzelfall: Die überwiegende Mehrheit der homo-, bi- oder transsexuellen Menschen („LGBT+“) macht Diskriminierungserfahrungen im öffentlichen Raum und im Internet. Das Alexius/Josef Krankenhaus in Neuss arbeitet daher jetzt an einer internationalen Studie mit, die mit Blick auf medizinische und soziale Versorgung sensibilisieren soll für sexuelle Minderheiten, statt sie auszugrenzen.

„Viele Patienten, die sich einer Minderheitengruppe zugehörig fühlen, sind unglaublichem Stress ausgesetzt“, sagt Dr. Andrea Kuckert-Wöstheinrich, Leiterin „Forschung und innovative Projekte“ bei der St. Augustinus Gruppe. „In der Gruppe der lesbischen, schwulen, bisexuellen oder transgender Gemeinschaft liegt die Rate von Depressionen, Angststörungen, Selbstmordversuchen und Drogenmissbrauch deutlich über dem Durchschnitt. Das liegt auch an schlechten Erfahrungen mit dem gesellschaftlichen Umfeld“, ist Kuckert-Wöstheinrich überzeugt.

Viele Betroffene geben ihre sexuelle Orientierung nicht beim Hausarzt an, verschweigen sie beispielsweise beim Einzug in eine Wohngruppe oder meiden Präventionsangebote – immer aus Angst vor diskriminierender Behandlung. „Ärzte und Pflegepersonal haben oft bestimmte Vorannahmen und ziehen gar nicht in Erwägung, dass eine Patientin auch anders sein könnte, als heterosexuell. Das erschwert offene Gespräche“, erläutert Kuckert-Wöstheinrich. Um hier für Kenntnis und Verständnis zu sorgen, macht das Alexius/Josef Krankenhaus als einziger deutscher Partner beim internationalen Forschungsprojekt IENE 9 (Interkultural Education Nurses Europe) mit. Ziel dieses von der EU geförderten Projekts ist es unter anderem, ein inklusives Curriculum für Schulungen und die Ausbildung von Pflegepersonal sowie Lehrmethoden bzw. Online-Kurse zu entwickeln – immer mit Blick auf die besonderen Bedürfnisse von sexuellen Minderheiten. Partner des Neusser psychiatrischen Krankenhauses sind u. a. die Universitäten von Almeria (Spanien), Rom, Zypern, Kopenhagen und die Middlesex University in London.

„Bislang sind Fragen der sexuellen Orientierung in der Ausbildung von Medizinern und Pflegekräften kaum berücksichtigt“, so Dr. Andrea Kuckert-Wöstheinrich. „Dabei ließe sich schon mit einem Bewusstsein über die eigenen Annahmen, mit offenen Fragen an sämtliche Patientinnen und Patienten oder mit einem kritischen Prüfen der eigenen Einstellung ganz viel verbessern.“ Spätestens bis zum Projektende Mitte 2021 sollen den Profis in der Pflege hier neue Ansätze vorgestellt werden.

Beitrag drucken
Anzeigen