Aus "Es weihnachtet TROTZDEM sehr" von Thomas Klappstein (Foto: JEAN PETER FELLER)
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Duisburg/Rhein-Ruhr. von Thomas Klappstein, aus Duisburg und drum-herum

Es ist der dritte Advent. Frauke sitzt mit einer Kiste voller Weihnachtsschmuck, kunstvollem und kitschigem, aber ohne Mann in ihrer Wohnung. Eigentlich wäre jetzt die Zeit, in der sie ihren Weihnachtsbaum schmücken. Mit all dem kunstvollen und kitschigen Baumbehang, den sie und ihr Mann Ray in den letzten 25 Jahren gemeinsam zusammengetragen haben. Und der ihren Weihnachtsbaum so individuell und persönlich machte, dass er alle Menschen, die in dieser Jahreszeit ihre Wohnung betraten, mit einem erstaunten Lächeln im Gesicht für einen Moment innehalten ließ. Ray war Amerikaner und in seiner Heimat stellte man anstelle eines Adventskranzes den Weihnachtsbaum häufig schon zu Beginn der Adventszeit auf. So hat man länger etwas davon und er bringt schon einmal zusätzlich Licht und weihnachtliches Feeling in diese dunkle Jahreszeit, so Rays Erklärung.

Frauke aber mochte von der Tradition des Adventskranzes nicht lassen. Auch Ray gefiel diese deutsche Tradition. Aber gleich von Anfang an Adventskranz und geschmückter Tannenbaum behagte Frauke nicht so wirklich. Und so einigten sie sich, den Weihnachtsbaum erst nach der Hälfte der Adventszeit, um den dritten Advent aufzustellen und zu schmücken.

Aber dieses Jahr ist so ganz anders. Wozu soll Frauke eine Tanne schmücken, wenn doch Ray, mit dem sie 25 Weihnachtsfeste gefeiert hat, nicht mehr da ist?

Vor etwas mehr als 25 Jahren hatte Frauke ihren Ray im Sommerurlaub auf Kreta kennengelernt. Er sah unheimlich gut und attraktiv aus. Sein schon graumeliertes volles und etwas längeres Haar passte toll zu seiner von der Sonne gebräunten Haut. Der Drei-Tage-Bart war immer akkurat gestutzt. Ray war ausgestiegen aus einem fordernden Managerjob, wollte nicht mehr in den USA leben und fand Kreta passend für sich, das er bei einer seiner vielen früheren Reisen kennengelernt hatte. Hier lebte er seit zwei Jahren, als Frauke ihm in einer Taverne am Marktplatz des kleinen Fischerdorfes das erste Mal begegnete. Und ihn sofort unglaublich sympathisch fand. Alle Plätze in der Taverne waren besetzt, nur bei Ray war noch ein Platz frei. Er winkte sie zu sich und mit einer einladenden Geste bot er ihr den freien Platz ein. Bestellte beim Wirt, den er mittlerweile gut kannte, ein zweites Glas und schenkte Frauke ohne große Worte ein Glas Wein aus seiner Karaffe ein.

Die sprichwörtliche griechische Gastfreundschaft hatte Ray scheinbar bereits verinnerlicht. Sie kamen sofort ins Gespräch. Ray fand auch schnell Gefallen an Frauke. Es wurde dunkel über ihr Gespräch und am Ende waren beide die letzten Gäste, die die Taverne verließen. Recht bald war beiden klar, da ist mehr als Sympathie.

Frauke war 30, Ray immerhin schon 50. Aber man merkte damals und für viele weitere Jahre den Altersunterschied einfach nicht. Für beide war es nicht die erste Beziehung. Aber offensichtlich die Richtige. Als Paar kamen sie unheimlich gut rüber. Wo sie zusammen auftraten, waren sie schnell Mittelpunkt. Sogar geheiratet haben sie. Obwohl sie es beide eigentlich nicht mehr wollten. Und es war gut. Frauke wollte aber nicht dauernd auf Kreta leben. Hatte in Deutschland einen Job, den sie wirklich gerne machte. Ray war damit einverstanden gemeinsam in Deutschland zu leben, mit der Zusage, so oft wie möglich Zeit auf Kreta zu verbringen. Die letzten Jahre waren es dann tatsächlich nur noch zwei, drei Wochen im Jahr. Ray gefiel Deutschland und die Region, in der Frauke lebte und arbeitete. Mochte die „German Gemütlichkeit“ mehr und mehr und besonders ihre gemischte deutsch-amerikanische Advents- und Weihnachtszeittraditionen.

Und viele Jahre lief einfach alles top. Wie erwähnt, der Altersunterschied spielte keine Rolle. Die letzten Jahre allerdings, eigentlich seit seinem 70.Geburtstag, schwächelte Ray schon manchmal. Bis dahin hatte er auch seine Asthma-Erkrankung gut im Griff und war medizinisch gut eingestellt. Nun dauerte es auch immer etwas länger, einen Infekt auszukurieren. Aber insgesamt passte es noch. Und ihre Liebe und Zuneigung waren gereift.

Auch in diesem Jahr waren sie Anfang Februar wieder in Österreich, in Tirol zum Skilaufen. In ihrem Lieblingsort Ischgl. Mit allem Zip und Zap. Am Tag und am Abend. Beim Aprés-Ski legten sie gerne und immer noch eine flotte Sohle aufs Parkett.

Dann die Rückfahrt. Ray, der meistens fuhr, fühlte sich nicht gut. „Habe ich mir wohl doch eine kleine Erkältung eingefangen“, meinte er noch und bat Frauke, für eine Weile das Steuer zu übernehmen. Frauke fuhr dann den Rest der Strecke.

Zuhause legte sich Ray gleich hin. „Vielleicht doch ein bisschen heftiger“, sagte er, „vielleicht doch die Grippe“. Doch es wurde auch die nächsten drei Tage nicht besser.

Dann fing es auch bei Frauke an. Aber nicht ganz so heftig. Durch die Medien erfuhren sie dann, dass sich das Corona-Virus, von dem sie nebenbei gehört hatten, schneller verbreitet hatte als zunächst gedacht. Und das gerade Ischgl einer der Hotspots bei der Verbreitung gewesen sein sollte. Die Symptome, die ihre Körper zeigten, passten zu dem neuartigen Virus.

Frauke meldete sich bei ihrem gemeinsamen Hausarzt. Der bat sie, das Haus nicht zu verlassen und schickte jemanden vom Gesundheitsamt, der einen sogenannten Coronatest vornahm. Das Ergebnis bei beiden war positiv. Diese Nachricht war schon schockierend. Ray gehörte mit seine mittlerweile 75 Jahren ja zur Hochrisikogruppe, wie sie inzwischen wussten. Sein Zustand verschlimmerte sich zudem. Fast von Stunde zu Stunde. Ihr Hausarzt, den sie telefonisch kontaktierten, riet Ray dazu, ein Krankenhaus aufzusuchen. Er würde einen Krankenwagen schicken.

Bis zum Eintreffen unterhielten sie sich noch. Ray sagte, dass ihm klar sei, dass Leben endlich ist. Einige seiner Freunde lebten schon nicht mehr. Wenn ihm etwas passieren sollte, möchte er nicht, dass sie lange als trauernde Witwe durch die Gegend laufe. Sie sei noch jung, immer noch attraktiv und seinen Segen für einen neuen Partner hätte sie. Frauke tat das ab und sagte, er solle aufhören damit. In wenigen Wochen sei der Spuk vorbei. Sie könnten im Sommer wieder nach Kreta und dann wieder schön zusammen ihre deutsch-amerikanische Advents- und Weihnachtszeit genießen. Und im nächsten Jahr geht’s dann Ende Januar, Anfang Februar wieder zum Skilaufen nach Österreich, wo sie entspannt auf diese herausfordernde Zeit zurückblicken werden.

Im Krankenhaus wurde Ray aber sehr schnell auf die Intensivstation verlegt, fiel kurze Zeit später ins Koma und musste beatmet werden. Frauke selbst ging es nach knapp zwei Wochen schon deutlich besser und ein Test nach drei Wochen brachte das Ergebnis, dass sie coronavirenfrei sei.

Inzwischen war es kurz vor Ostern, ein sogenannter „Lockdown“ war da, das öffentliche Leben auf ein Minimum zurückgefahren und Frauke durfte nicht mehr zu Ray ins Krankenhaus und auf die Intensivstation. Angeblich zu seinem Schutz. Zu welchem Schutz, fragte sie sich. Ray kämpfte mit seinem Leben und sie durfte ihm nicht beistehen?!? Wer hatte sich so etwas ausgedacht? Ostern schließlich kam die Nachricht, dass ihr Ray es nicht geschafft hat. Ausgerechnet Ostern, am Auferstehungsfest, dachte sie. Der Abschied durfte nur in einem kleinen Kreis vor der Friedhofskapelle stattfinden.

Über ein halbes Jahr ist das jetzt her. Der Schmerz sitzt immer noch tief. Die Lücke ist jeden Tag spürbar. Aber seit einigen Wochen keimt bei Frauke auch öfters der Wunsch auf, wieder einen Partner an ihrer Seite zu haben. Zum Reden, zum Kuscheln, für Zweisamkeit. Sie ist ja tatsächlich noch jung. Gerade einmal 55.

Ab und an begegneten ihr Männer, die ihre Aufmerksamkeit erregten. Aber Frauke rief sich immer wieder zur Raison und sagte sich, das ist noch zu früh, das wäre Ray gegenüber nicht fair.

Und nun sitzt sie hier mit dem Weihnachtstannenbaumschmuck, den sie beide im Laufe der Jahre angesammelt hatten. Aber nach Weihnachtsbaumschmücken ist ihr so gar nicht. Vor allem nicht mit dem Schmuck, bei dem sie mit jedem Teil an Ray erinnert wird. Eine Tanne hat sie auch noch gar nicht besorgt. Sie erinnert sich an Rays Worte. Das er sich wünsche, dass sie sich einen neuen Partner suche. Ja – und wenn sie ganz ehrlich ist, eigentlich würde sie auch jetzt schon gerne einen Mann an ihrer Seite haben. Nur den Schmuck, den Baumbehang, will sie nicht mehr aufhängen. Am liebsten entsorgen. Aber einfach wegwerfen?

Da fällt ihr die große Tanne auf dem Marktplatz ihrer Stadt ein, die dort jedes Jahr aufgestellt wird. Nur mit einer Lichterkette versehen. Um die herum ansonsten der Weihnachtsmarkt stattfindet. Aber in diesem Jahr ist es den politisch Verantwortlichen aufgrund des nach wie vor aktiven Coronavirus zu riskant, den Weihnachtsmarkt stattfinden zu lassen. Weil sich dort aufgrund des Gedränges und Glühweinkonsums notwendige Abstände wohl nicht einhalten ließen und sich so das Virus wieder intensiver verbreiten kann. Deshalb wurde der Weihnachtsmarkt schon Mitte Oktober abgesagt. Mit großem Bedauern zwar, aber das sei jetzt einfach nicht zu verantworten, meinte die Bürgermeisterin. Verständnis war nicht bei allen Bewohnern der Stadt vorhanden für diese Entscheidung.

Irgendwann kamen pfiffige Bürgerinnen und Bürger auf die Idee eines alternativen Weihnachtsmarktes. Sie stellten Kisten mit guterhaltenen Gegenständen, die sie nicht mehr benötigten, um den Weihnachtsbaum auf den Marktplatz. Irgendwer nahm sich immer was mit. Und es gab auch einige, die sich Dinge, die dort so freigiebig zur Verfügung gestellt wurden, ansonsten gar nicht leisten konnten.

Inzwischen hatte die Stadtverwaltung auch einige Buden aufstellen lassen, aus denen sonst die Händler ihre weihnachtlichen Waren anboten. Damit die Kartons nicht durchweichten, wenn es schneite oder regnete und die Gegenstände nicht dem Dezemberwetter zum Opfer fielen. Ein großer Menschenauflauf war nicht zu erwarten. Das Risiko einer eventuellen Infektion also wirklich sehr gering.

Hier will auch Frauke ihre Kiste mit dem Weihnachtsschmuck abstellen. Nur die drei Anhänger, die sie und Ray für ihren ersten gemeinsamen Weihnachtsbaum zusammen ausgesucht hatten, will sie behalten. Die passen dann auch an den Adventskranz. Dann nimmt sie die Kiste, hievte sie ein wenig keuchend die Treppe herunter und schleppt die Kiste durch die Straße, bis sie auf dem Marktplatz vor der großen Tanne angekommen ist. Irgendwie kommt sie ihr jetzt richtig kahl vor, mit der nackten Lichterkette. Und sie fragte sich, warum die Stadt zwar Geld für einen Weihnachtsbaum aufbringt, ihn dann aber nicht noch vernünftig schmückt. Für einen Moment überlegt sie, ihn mit ihrem mitgeschleppten Baumbehang selbst zu schmücken. Aber dann hat sie eine, wie sie findet, amüsante Idee. Sie zieht einen gelben Stern aus Pappe aus ihrem Karton, kramt in ihrem Rucksack nach einem Stift und schreibt in großen Buchstaben auf den Pappstern: „Ich wünsche mir einen Mann“. Dann hängt sie den Stern an den Baum am Markplatz, betrachtet noch eine Weile ihr Werk, überlegt noch mal, ob sie ihn nicht doch wieder abnimmt und ist dann aber doch sehr zufrieden mit ihrer Aktion. Den Karton mit den restlichen Anhängern stellt sie in einer der Hütten ab und geht nach Hause.

In dieser Nacht schläft sie zum ersten Mal seit Monaten traumlos und gut. Am nächsten Tag putschert sie nach der Arbeit noch ein bisschen in der Wohnung rum, drapiert die drei ersten gemeinsamen Anhänger von Ray und ihr in den Adventskranz und fängt an in ihrem neuen Buch „Daß einer gestorben ist, heißt nicht, daß einer gelebt hat – Leben vor dem Tod“ zu lesen, das sie heute in ihrer Stammbuchhandlung entdeckt hat. Passt ein bisschen zu ihrer aktuellen Lage. Am Mittwoch hat sie sich frei genommen und besucht eine Freundin auf dem Land. Donnerstag geht sie noch einmal arbeiten, um dann am Freitag das Wochenende einzuläuten. Sie hat ihre Stunden am Arbeitsplatz reduziert und arbeitet schon seit längerem nur noch vier Tage die Woche. Als sie am Freitagvormittag zum Einkaufen gehen will, denkt sie schon gar nicht mehr an den Baum und ihren Stern. Aber als sie mit ihrem Einkaufskorb an den Marktplatz kommt, traut sie ihren Augen nicht. Der Baum! Er ist über und über mit Zetteln und ausgeschnittenen Sternen aus Pappe behängt. Rot, gelb, pink, grün, weiß. Einige haben sogar den „Bethlehem-Stern“ ausgeschnitten. Andere tatsächlich „Corona-Mund-Nasen-Schutzmasken“ drangehängt, die sie mit weihnachtlichen Motiven versehen haben. Auf den Anhängern, den Sternen, den Zetteln und Masken, haben die Leute ihre Wünsche hinterlassen. Genau wie sie. „Ich wünsche mir einen Hund, aber in unserer Wohnung dürfen wir keinen halten“, liest Frauke. Ein anderer hat darunter geschrieben: „Ich habe einen Hund. Wenn Du willst, kannst Du ihn regelmäßig ausführen.“ Daneben steht eine Telefonnummer. Das ist ja cool, denkt Frauke und schnappt sich den nächsten Zettel: „Ich möchte einmal eine Weihnachtsgans probieren. Aber sie ist zu teuer“. Frauke denkt kurz nach, holt ihren Stift aus der Tasche und schreibt dazu: „Wenn es weiter nichts ist, kommen Sie zu mir.“ Und notiert ihre Handynummer daneben. „Ich wünsche mir eine Oma“, liest sie dann auf einem anderen Pappstern. Oma bin ich ja noch nicht, denkt Frauke, aber vielleicht kann ich ja eine spielen. Eine junge Oma. „Wollen wir uns treffen?“, schreibt sie unter diesen Wunsch. „Ich spiele so gerne Skat, aber meine Mitspieler leben alle nicht mehr. Ich wünsche mir neue Freunde.“ Zwei Namen stehen bereits darunter. Es gibt Wünsche nach Skateboards, Fahrrädern, Hasen, weniger Gewicht, einem Neubeginn, nach einem Kind, nach einer eigenen Wohnung, nach einem besseren und coronafreien neuen Jahr, nach einer Zwei in Mathe, nach Frieden in der Heimat, nach belgischen Pralinen, einem Wochenende in den Bergen und an der See und vielem mehr.

Dann entdeckt Frauke ihren eigenen Stern wieder. In schwarzen Buchstaben hat jemand dazu gesetzt: „Welcher Jahrgang sind Sie? Und wie sehen Sie aus?“ Frauke juchzt erfreut auf, nimmt ihren Stift und schreibt: „Ich bin 55 und sehe blendend aus (glauben Sie, ich würde etwas anderes schreiben?)“ Dazu malt sie einen Smiley, gibt ein zweites Mal ihre Handynummer preis und stößt nochmal einen kleinen Freudenschrei aus, weil alles so aufregend ist. Lauter fröhliche Menschen stehen um sie herum. „Ist das nicht traumschön?“, lächelt eine Frau mit stylischer Pudelmütze. „Das ist besser als jeder Weihnachtseinkauf, das ist ein Weihnachtswunder. Wer das angezettelt hat, muss ein Engel sein. Ein Weihnachtsengel! Und das in dieser Zeit“. Frauke bemerkt, dass die Augen der Frau ein wenig feucht sind.

Frauke, Frauke, denkt sie, was hast Du da bloß angerichtet?

Und errötet ein kleines bisschen.

 

©2020 Thomas Klappstein

Aus „Es weihnachtet TROTZDEM sehr“, BOD Verlag Norderstedt 2020, ISBN 978-3-75266-104-0

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