Prof. Dr. med. Stefan Knecht (Foto: privat)

Düsseldorf/Meerbusch/Rhein-Ruhr. Die Corona-Infektionszahlen steigen und viele ältere Patienten sind so krank, dass sie über lange Zeit in spezialisierten Zentren unterstützt werden müssen. Die Experten der Landesarbeitsgemeinschaft Neurorehabilitation NRW schlagen Alarm: Spezialisierte Reha-Plätze werden in Nordrhein-Westfalen knapp, die Wartelisten wachsen. Laut einem unabhängigen Forschungs- und Beratungsinstitut fehlen 800 bis 1000 Neurofrühreha-Betten in NRW.

Immer mehr Patienten mit einer Corona-Infektion benötigen eine moderne Intensivbehandlung, um zu überleben. „Doch danach sind sie noch lange nicht gesund“, sagt Prof. Dr. med. Stefan Knecht, Leiter der St. Mauritius Therapieklinik in Meerbusch bei Düsseldorf und Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Neurorehabilitation in Nordrhein-Westfalen. Er erklärt, weshalb viele Betroffene eine Schwerkrankenrehabilitation in spezialisierten Zentren brauchen:

„Beatmungsmaschinen, Luftröhrenkanülen und andere Apparate in der Intensiv­medizin legen die Muskeln für Atmung, Schlucken und die Kontrolle über den Rumpf lahm. Kommen noch Entzündungen oder Stoffwechselentgleisungen hinzu, dann verkümmern die Muskeln. Selbst wenn die akute Erkrankung beherrscht ist, können daher die Apparate nicht einfach abgestellt werden.“

Einzige Chance für solche Patienten ist nach Worten von Professor Knecht eine spezialisierte Neurofrühreha: „Hier werden Patienten oft weiter intensivmedizinisch behandelt – etwa mit Beatmung oder Infusionen. Bauch- oder Blasensonden müssen angelegt oder Verschleimungen in der Luftröhre abgesaugt werden. Knecht: „Parallel dazu holen wir die Patienten aus dem Bett. Bei Schwerkranken muss man sich das trauen. Das geht nur mit viel Erfahrung, guter Kontrolle von Blutdruck und Herz­schlag sowie einfühlsamen und zugleich ehrgeizigen Therapeuten.“ Auf diese Weise können Betroffene langsam wieder von den Apparaten unabhängig werden und den Weg zurück in den Alltag finden.

Laut den Experten der Landesarbeitsgemeinschaft Neurorehabilitation NRW braucht man Reha-Zentren mit viel Erfahrung und intensivmedizinischer Ausstattung, um Patienten qualifiziert weiter zu behandeln. In integrierten Neuroreha-Zentren soll verhindert werden, dass Patienten wie früher an Apparaten in Pflegeeinrichtungen entlassen werden müssen. LAG-Sprecher Professor Knecht stellt jedoch fest:

„Nordrhein-Westfalen ist im Vergleich zu anderen Bundesländern bei Neurofrühreha ein Entwicklungsland.“ In ganz Deutschland gibt es nach einer aktuellen Übersicht über Bettenkapazitäten rund 4300 Neurofrühreha-Plätze, mehr als 3000 davon haben keine Beatmungsmöglichkeiten. Stefan Knecht: „Von den 1000 Plätzen mit Beatmungsmöglichkeiten befinden sich weniger als 50 in NRW. Dabei lebt hier ein Fünftel aller Deutschen.“ Das IGES, ein unabhängiges, wissenschaftliches Forschungs- und Beratungsinstitut für Infrastrukturfragen, konstatiert schon seit Jahren: in NRW fehlen 800 bis 1000 Neurofrühreha-Betten. Knecht: „In Bayern oder Baden-Württemberg ist die intensive Reha ein eigener Versorgungsbereich – und bei uns wachsen die Wartelisten für die wenigen Plätze.“

Patientenvertreter und die LAG fordern, dass die neue Krankenhausplanung in NRW dazu genutzt wird, die Kapazitäten aufzustocken und neue Zentren zu bilden.

Nach Meinung von Knecht könne es nicht Wille des Gesundheitsministers sein, dass Menschen mit Covid-19 oder anderen schweren Erkrankungen in NRW deutlich schlechtere Gesundungschancen erhalten als etwa in Bayern.

 

Info

Die Landesarbeitsgemeinschaft Neurorehabilitation setzt sich dafür ein, dass Patienten in Nordrhein-Westfalen eine bessere neurologische Frührehabilitation erhalten. Sie ist eine Arbeitsgruppe in Gesetzesauftrag. In ihr sind über 20 Kliniken mit 300 Experten aus Krankenhäusern und Rehabitationskliniken zu­sammen­geschlossen, die über 4000 Betten für Neuro­rehabilitaiton betreiben und sich mit Patienten- und Angehörigengruppen aus­tauschen. Weitere Informationen unter: www.neuroreha-nrw.de.

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