Aus "Es weihnachtet TROTZDEM sehr" von Thomas Klappstein (Foto: JEAN PETER FELLER)

Duisburg/Rhein-Ruhr. Eine Weihnachtsgeschichte von Menschen, die einen Lockdown ganz anderer Art erleben

 

Von Thomas Klappstein

Als Musiker hatte er Weihnachten schon in sehr, sehr unterschiedlichen Situationen verbracht: im Krankenhaus, auf Tournee, auf winterlichen Kreuzfahrten, in Jugendzentren und einmal sogar in einem Gefängnis.

Das war sicherlich sein eindrucksvollstes Weihnachten: Damals war er von einer Gruppe von Strafgefangenen, die sich um einen Gefängnisseelsorger herum gebildet hatte, mit dem er befreundet war, in einem langen und herzlichen Brief gefragt worden, ob er ihnen in der Weihnachtszeit nicht ein Konzert geben könnte. Solch eine Anfrage ist eigentlich nichts Außergewöhnliches. – Seit Anfang seiner Profession als Sänger hatte er immer wieder sogenannte Knastkonzerte gegeben – auch inspiriert von Jonny Cashs Gefängniskonzerten in San Quentin und im „Folsom State Prison“, wo dieser mit seinem Song „Folsom Prison Blues“, den er schon 1953, während seiner Zeit bei der US-Army in Deutschland geschrieben hatte, sein Konzert eröffnete. Damals wurde mitgeschnitten und dann die Aufnahme als eines seiner besten Live-Alben verkauft.

An so etwas wie einen Livemitschnitt im Knast hatte er auch schon mal gedacht, aber dann bisher doch nicht die Energie gefunden, dieses Projekt einfach mal anzugehen. Inzwischen müßte er aber in nahezu allen deutschen und etlichen  Gefängnissen im deutschsprachigen europäischen Ausland mindestens einmal aufgetreten sein.

Er mag solche Konzerte, weil sie meistens eine sehr eindrucksvolle Atmosphäre haben; die Zuhörer sind entweder geballt gegen einen, oder sie sind stark für einen. Normalerweise hatte er gerade bei diesen Konzerten sehr gute Resonanz mit den Spirituals und den Liedern, die er singt, weil in der bedrückenden Gefängnissituation dieser Freiheitsgeruch und der Ruf nach Würde jener Sklavensongs besonders deutlich wird.

In dem Gefängnis, aus dem der Brief kam, hatte er schon zweimal gesungen; einmal etwa fünf Jahre und einmal knapp ein Jahr vor jenem Brief. An einige Leute konnte er sich erinnern, an Gespräche, vor allem an jenen Pfarrer, dessen Stil und Arbeitsweise er irgendwie großartig fand. Auch deshalb hätte er sehr gerne zugesagt – aber er hatte keinen einzigen freien Termin mehr. Der gesamte Dezember war, wie auch die letzten Jahre, für eine Deutschland-Tournee mit befreundeten Musikerkollegen reserviert. Als schrieb er das den Gefangenen, zwar mit großem Bedauern, aber leider sei nichts zu ändern. Bis zum 23.12. hätte er jeden Tag ein Konzert.

Ein paar Tage später kam Rückpost – man muß dazu wissen, ein Internetzugang für die Insassen im Gefängnis ist aus Sicherheitsgründen bis heute kaum gestattet. Nur in Ausnahmefällen und manchmal als Pilotprojekt – also kam eine Rückantwort bzw. -anfrage per Brief: Ob er denn nicht eventuell und ausnahmsweise am 24. Dezember zu ihnen kommen könnte – auch wenn sie natürlich wüßten, daß diese Frage eigentlich eine Zumutung sei. Und sie würden ja auch viel lieber zu ihm kommen, in irgendein Konzert in der Nähe, aber das sei nun mal für die nächsten paar Jahre für die meisten von ihnen unmöglich, und so viele hätten beste Erinnerungen an sein Konzert vom Vorjahr, ob er denn nicht vielleicht doch …

Sensibel wie er war, bewegte ihn diese Anfrage, vor allem, weil die Gefangenen schrieben, das es bei ihnen keine Freigänger oder Leute mit Weihnachtsurlaub gäbe, wie es in etlichen anderen Strafanstalten möglich ist. Die Leute in jenem Knast gehörten generell zu einer Sicherheits-Verwahr-Stufe, wo solche Erleichterungen ausgeschlossen waren. Also fragte er per Email bei seinen sonst üblichen musikalisch-instrumentalen Begleitern herum, einige telefonierte er auch an, ob einer sich vorstellen könnte, mit ihm am Heiligabend dieses Konzert zu geben. Ein befreundeter Gitarrist war, als er ihm den Brief der Gefangenen am Telefon vorlas und dann auch noch eingescannt und zugemailt hat, nach einer kurzen Bedenkzeit bereit dazu.

Nach seiner vorweihnachtlichen Advents-Tournee war er dann eigentlich ziemlich erschöpft – es waren immerhin dreiundzwanzig Konzerte in Folge gewesen, den ganzen Dezember hindurch. Müde war er, abgespannt und heiser. Nur ein halber Tag zu Hause, angefüllt mit Wäschewaschen und In-den-Trockner-Stopfen, Post lesen, Anrufbeantworter abhören, die letzten Emails checken – dann stand sein Musikerfreund am späten Vormittag des vierundzwanzigsten Dezember mit Gitarre und Gesangsanlage vor seiner Tür. Nun denn, also los!

An der Gefängnispforte klingeln, Ausweise vorzeigen, Besucherschein unterschreiben, durch das riesige Metalltor in den Hof fahren, ausladen. Währenddessen kam der Pfarrer, dessen Stil und Arbeitsweise er irgendwie großartig fand und begrüßte sie freundlich und freudig. Er hatte zwei Gefangene dabei, die den beiden Musikern beim Tragen halfen. Ein paar Treppen hinauf mit Verstärker, Boxen, Stativen, Instrument; dann durch etliche Flure – immer wieder warten vor massiven Gittern, bis auf- und zugeschlossen war, immer wieder das stählerne Schnappen der riesigen Schlösser, das Klirren der Schlüsselbunde oder das Summen der Schließanlage, je nachdem mit welchem Sicherheitssystem die einzelnen Schließanlagen versehen waren. Jedesmal war es wieder neu deprimierend.

In der Anstaltskirche – ein grauer Bau, ramponiert und riesig hoch – stand ein mickriges Weihnachtsbäumchen herum, mit elektrischen Kerzen und ein paar Strohsternen behängt, die ihn noch erbärmlicher und armseliger aussehen ließen. Sie bauten auf, machten den Soundcheck und die beiden Inhaftierten halfen tatkräftig. Dann hatten der Sänger und sein Musiker eine knappe Stunde Wartezeit bis zum Konzertbeginn. Der Pfarrer lud sie und die beiden Helfer in sein Büro ein, machte Kaffee, hatte sogar einen Teller mit Spekulatius besorgt. Das Programm wurde besprochen und der Pfarrer berichtete aus seiner Arbeit. Die beiden Helfer erzählten, daß eine große Erwartung unter den Kollegen herrschte, und eine Menge Freude, daß er, zusammen mit seinem Musikerfreund, es wirklich wahr gemacht hat und sie zusammen gekommen seien. Und es gäbe eine Überraschung – nein, was für eine Überraschung, wollten sie noch nicht verraten, sonst sei’s ja keine Überraschung mehr, aber auf alle Fälle wär’s eine größere Sache … Nun wurde er, der Sänger ziemlich neugierig, der Gitarrist begann, Witzchen zu machen: Vielleicht käme die Überraschung nach dem Konzert, daß man die beiden nicht wieder herauslassen würde … Naja!

Auf einmal Schritte auf dem Gang, Rufe, Schlüsselklirren: „Jetzt lassen die Beamten die Jungs in die Kirche“, sagte der Pfarrer, „warten wir noch einen Moment, es dauert immer ein bißchen, bis die vom anderen Haus hier sind!“ Der Musiker stimmte nochmal seine Gitarre, der Sänger räusperte sich und sang sich die Kehle frei, dann verschwand der Pfarrer für einen Moment. „Der macht’s aber heute geheimnisvoll“, murmelte der Gitarrist – eine Minute später war der Pfarrer wieder da, grinste breit und sagte: „So, nun können wir gehen!“

Er ging voraus, zwei Türen – sein Büro war direkt neben der Kirche -, dann standen die beiden Musikder in der Kirche, starr vor Staunen, schauten um sich herum, hörten vor Verblüffung nicht einmal das Klatschen und Johlen der etwa vierhundert Inhaftierten:

Die gesamte Kirche schwamm regelrecht in Blumen und Kerzen – Blumen auf den Altartreppen, Blumen auf den Bankseiten, gefüllte Vasen im Mittelgang, Blumen neben den Boxen – und überall dazwischen Konservendosen, mit Wachs oder Stearin gefüllt, hell brennend. Dazu sollte man wissen, daß Wachs in allen Gefängnissen der Welt hochbegehrt ist, weil man mit selbstgebastelten Kerzen, Brotresten und abgezweigtem Zucker verbotenerweise, aber eifrig Alkohol, Fusel herstellen kann. Wenn also die Gefangenen hier für dieses Konzert so viele Kerzen hergestellt und angesteckt hatten, dann war das wirklich eine ganz, ganz  große Sache, dann verzichteten sie auf eine Menge an selbstgebranntem Schnaps.

Einer der Gefangenen aus der ersten Reihe stand auf und schrie über den Begrüßungslärm hinweg: „Eih, Ruhe im Bau!“ und sagte dann, an die beiden Musiker gewandt, die immer noch starr vor Erstaunen rumstanden: „Also, wo ihr das letzte Mal hier ward, da hast du, Andy, gesagt, daß du Blumen magst. Und du weißt ja, paar von uns arbeiten hier inner Anstaltsgärtnerei; und da hat uns der Chef erlaubt, daß wir nach Feierabend bißchen rumgärtnern, um in den letzten drei Monaten diese Blumen hier für euer Konzert zu pflanzen und zum Blühen zu kriegen, auf zwei freien Beeten im Gewächshaus. Die sind alle hier aus der Anstalt, und wir hoffen, daß es euch ‘ne Freude macht!“

Er, Andy hatte einen Riesenkloß in der Kehle, während die beiden Musiker nach vorne zur Bühne und zu ihren Mikrofonen gingen; rumgärtnern nach Feierabend hatte der Sprecher der Gefangenen gesagt – im Gefängnis drücken sich doch die meisten vor der Arbeit, soweit das nur irgendwie möglich ist, weil die Bezahlung so schlecht ist, daß die Gefangenen den Eindruck haben, es lohne sich überhaupt nicht. Wenn ich er sich nun aber die Menge der Blumen betrachtete, Astern, Dahlien, sogar einige Rosen, die auf ihren Barhockern lagen, wenn er das alles sah, dann wußte er, wieviel Arbeit das gemacht haben muß, um diese ganze Pracht im Dezember zum Blühen zu bringen.

Nun stand er vor seinem Mikrophon, hatte die Rosen von ihren Barhockern in die Hand genommen, damit sein Mitmusiker sich setzen und die Gitarre auf den Schoß nehmen konnte und wollte etwas sagen, um seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Er wollte in die Gesichter der Männer hineinschauen, die ihn erwartungsvoll anschauten, diese jungen und alten Gesichter, die vernarbten, harten, weichen, tätowierten Gesichter, wollte ihnen erklären, wie wunderbar und wie unerwartet das alles für ihn sei – aber er bekam kein Wort raus: Lachen und Weinen saßen ihm gleichzeitig in der Stimme.  Soviel hatte er zu sagen, daß er gar nichts sagen konnte. Da rettete der Gitarrist die Situation: Ohne einen Blick auf ihr sorgfältig überlegtes Programm zu werfen, schaute er auf die Rosen in der Hand seines Sangeskumpel, griff einen sanften Akkord und zupfte die Einleitungstöne eines großen alten Weihnachtsliedes. Er, Andy, schloß die Augen und begann zu singen. Spürte diese Gefängnisrosen in seiner Hand, spürte die Wärme der Sträflinge, spürte die Harmonie der Gitarre und sang dieses Lied, wie er noch selten in seinem Leben ein Lied gesungen hatte. Bei der zweiten Strophe begannen einige mitzusummen, immer mehr, dann erinnerten sich einzelne an den Text, fielen mit ihren rauhen Stimmen ein, sangen, als wären sie zurückversetzt in ihre Kindheit, vor all den Entgleisungen ihres Lebens, vor Straftaten und Gefängnis. Seitdem ist ihm dieses Lied ein besonderes, ein sehr geliebtes und heiliges:

„Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart; wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art: Und hat ein Blümlein bracht, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht.“

Text: Thomas Klappstein © 2019

 


Veröffentlicht in:

Thomas Klappstein
Es weihnachtet TROTZDEM sehr

12 Geschichten, Texte und Impulse für eine besondere Zeit des Jahres
BoD Verlag, Norderstedt 2020
Paperback, 110 Seiten

Preis: € 9,99 (als E-Book € 4,99 / als Sonderaktion kurze Zeit noch für € 0,99)
ISBN 978-3-7526-6104-0

 

und

Frank Bonkowski * Thomas Klappstein * Mickey Wiese
WEIHNACHTEWUNDERZEIT – Kleine Geschichten zum großen Fest
Trio Infernale Edition
BoD, Norderstedt 2019
160 Seiten, Preis: € 9,99 (als E-Book € 4,99)
ISBN 978-3-74948-337-2


Thomas Klappstein kommt aus Duisburg, ist aber geboren und aufgewachsen im Großraum Hamburg. Gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann, studierter Theologe, studierter Diplom-Verwaltungswirt. Derzeit freiberuflich aktiv als (Buch)Autor,  Redner (Hochzeiten und Trauerfeiern), Presse- u. Öffentlichkeitsarbeiter und Prediger. Zudem gestaltet er mehrmals im Jahr Medienbeiträge, meist Radiosendungen.

Als ordinierter Pastor im Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden (MVFEG), ist er für diesen u. a. Delegierter in der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Nordrhein-Westfalen (ACK-NRW).

Er lebt heute mit  seiner Familie im Duisburger Süden, nahe der 6-Seen-Platte.


Zu hören ist diese Geschichte von Thomas Klappstein auch am 2.Weihnachtstag 2020 (26.12.2020) im Radioprogramm ERF Plus der hessischen Rundfunkanstalt ERF. Ab 11 Uhr wird sie, vom Autor selbst gelesen, in einer 45 Minütigen Sendung ausgestrahlt. ERF Plus ist  über Digitalradio DAB +, Satellit und über Kabel zu empfangen. Zusätzlich sind die Sendungen auch im Livestream im Internet unter www.erf.de durch wenige Klicks zu finden.

Im Nachtprogramm des ERF, jeweils um 1 Uhr  und 5 Uhr wird der Beitrag wiederholt.

Nähere Informationen zum Medienunternehmen ERF gibt es ebenfalls unter der genannten Internetadresse.

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