(Foto: privat)
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Mönchengladbach. Auf ihrem Schreibtisch steht ein Becher Tee. Der Aufdruck ist interessant: Ich kann beides, die Schöne und das Biest. Ob das ihre Jobbeschreibung ist? Schwester Elli lacht: „Das ist in der Tat so als Stationsleiterin. Manchmal muss ich auch unangenehme Entscheidungen treffen.“ Dies gelte vor allem für die Aufstellung der Dienstpläne. Sie versuche zwar, möglichst alle Wünsche zu berücksichtigen, „mir ist tatsächlich die Kollegin mit Hund genauso wichtig, wie die Kollegin mit ihrer Enkelin. Aber – am Ende muss eine den Dienst übernehmen. Im Zweifelsfall müssen die beide das untereinander klären.“

Im Augenblick ist die erfahrene Pflegekraft auf der Covid-Station des Eli eingesetzt. Bei einer Belegung von zum Beispiel dreißig Patient*innen bedeute dies, „dass ich die Arbeit in den drei Schichten auf mehr als zwanzig Kolleginnen und Kollegen verteilen muss.“ Dies verlange eine Menge Telefonkontakte und Gespräche. Das schütze aber nicht vor ungewöhnlichen Situationen, auf die es dann schnell und flexibel zu reagieren gilt: „Die Lage kann am Morgen noch derart entspannt sein, dass ich Beschäftigte heim schicken kann, um ein paar Überstunden anzubauen, und dann kommt völlig unerwartet ein Schwung Patientinnen und Patienten, so dass ich am Nachmittag das Gefühl habe, die acht Pflegekräfte in der Schicht sind immer noch zu wenig. Wirklich planbar ist gar nichts.“

Dieses ständige `stand by´, immer flexibel auf die aktuelle Coronasituation reagieren müssen, verlange von allen viel ab. Die psychische Belastung sei enorm. Aber das Team sei großartig. Fragen wie „Möchtest du nach Hause gehen? Würdest du zum Nachtdienst wieder kommen? Hast du Lust morgen auszuschlafen? Magst einen Zwischendienst machen?`“ seien daher in aller Regel schnell geklärt.

Schwester Elli ist auf der Covid-Station für ein Team verantwortlich, das zusammengewürfelt ist, erzählt die Mutter eines erwachsenen Sohnes: „Viele kommen aus der Geriatrie, andere von der Station sechs, der Kurzliegerstation, wieder andere aus der Abteilung Ambulantes Operieren.“ Dies sei auch nötig gewesen, um die Herausforderungen der Covid-Station meistern zu können: „Wir müssen ja alles abdecken, die Kardiologie genauso wie die Innere, die Urologie, oder auch die Betreuung von Schwangeren. Außerdem liegen bei uns mittlerweile alle Altersgruppen.“ Eines hat sie festgestellt: „Die jeweilige Verweildauer ist länger als noch im vergangenen Frühjahr, weil die Verläufe schwerer sind.“

Das wichtigste Thema zu Beginn der Arbeit auf dieser speziellen Station sei daher die Teambildung gewesen. Obwohl aus dem gleichen Haus, seien die Erfahrungen und das Wissen der Kolleg*innen aus den verschiedenen Fachabteilungen naturgemäß sehr unterschiedlich: „So kannten die Geriater zum Beispiel die Gepflogenheiten der Urologen nicht.“ Auch der Wissensstand um Corona sei sehr verschieden gewesen. Die einen hätten zunächst Angst gehabt, anderen sei die mögliche Gefahr egal gewesen, wieder andere hätten einen großen Gesprächsbedarf gehabt. „Es ging in meinem Büro zeitweise zu wie in einem Taubenschlag“, erinnert Schwester Elli sich.

Über die Monate und Wochen sei aber das Team fest zusammen gewachsen. Dies liege auch daran, dass von Beginn an alle offen miteinander umgegangen seien: „Wir sind abends müde heim gegangen, morgens hundemüde zum Dienst erschienen, aber wir haben stets gesagt, wir lernen voneinander. Nach dem Dienst haben wir oft zusammengesessen und über unsere Ängste, Sorgen und Nöte gesprochen. Egal wie fremd wir uns waren. Und wir lachen viel, trotz allem.“ Die Arbeit sei hart: man müsse sich völlig mit Schutzkleidung sowie Gesichts- und Mundschutz einpacken und könne auch nicht mal eben wieder das Zimmer verlassen, um etwas zu holen: „Wir müssen uns dann komplett umziehen. Gerade im Sommer war das mit der isolierenden Kleidung schlimm.“

Corona bedeute aber nicht nur isolierende Kleidung: „Die ist unangenehm, jedoch unser geringstes Problem. Corona ist Einsamkeit, Angst, Unsicherheit, Informationsdurst seitens der Patienten und der Angehörige. Und neben den Diensten fangen die Mitarbeiter auch das bravourös, freundlich und empathisch auf. Kurz: sie sind meine wahren Helden des Alltags.“

Nun wünsche sie sich zwar, dass Corona bald Geschichte ist, andererseits wolle niemand aus dem Team, und da schließt sie die Mediziner ausdrücklich ein, den anderen missen: „Es hat Spaß gemacht zuzugucken wie das Team zusammengewachsen ist.“

Schwester Elli hat einen beeindruckenden beruflichen Werdegang hinter sich. Das bekennende `Kohlenpottgewächs´ hat als gelernte Kaufmännische Angestellte bei der Telekom gearbeitet, danach war sie als Steuerfachangestellte tätig. Schließlich hat sich die gebürtige Ungarin in Duisburg zur Gesundheits- und Krankenpflegerin ausbilden lassen. Seither hat sie einige Zusatzqualifikationen erworben. Ans Eli ist sie 2016 gekommen: „Ich hab mich damals beworben, um mal auszutesten, ob ich überhaupt noch berufliche Chancen habe. Und prompt bin ich hier Stationsleiterin geworden.“

Die verschiedenen Schicksale auf der Covid-Station lassen sie natürlich nicht unberührt. Aber sie geht professionell damit um, bekennt sie freimütig: „Wenn ich vom Eli auf die Autobahn Richtung Heimat fahre, legt sich bei mir im Kopf schon der Schalter um. Dann überlege ich, was ich daheim anstellen kann.“

Darunter versteht sie nicht nur Kochen, oder einfach nur Schlafen, weil sie erschöpft ist. Sie werkelt auch gerne: „Ich könnte alle drei Monate die Wohnung umkrempeln.“ Das zumindest verschiebt sie derzeit aber eher auf die Zeit nach Corona.

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