Dr. Dorian Recker und Andreas Willems präsentieren die Exponate in der Praxis (Foto: Simon Erath)
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Krefeld. Manchmal schluckt man einen regelrechten Medikamentencocktail, um wieder auf die Beine zu kommen. Andere benötigen ihn regelmäßig bedingt durch langwierige, komplexe Krankheitsverläufe oder chronische Beschwerden. Dank intensiver Forschung und hoher Investitionen helfen uns pharmazeutische Produkte: Sie heilen Krankheiten, verringern Schmerzen, unterstützen unsere Gesundheit, verbessern unsere Lebensqualität und steigern mitunter unser Lebensalter. Attribute, die mittlerweile als selbstverständlich erscheinen. Gehen wir wertschätzend damit um? Welche Nebenwirkungen erzeugen wir selbst? Ist uns bewusst, dass allein in Deutschland im Jahr Medikamente und deren Verpackungen im Wert von geschätzten fünf Milliarden Euro auf dem Müll landen? Sogenannter Pharma-Müll.

Diesen negativen Befund möchte der Internist und Kardiologe Dr. Dorian Recker näher ins Bewusstsein rücken. Geboren in den USA, aufgewachsen in Bayern, studiert an den Universitäten Lyon und Mainz ist er seit 1996 in Krefeld niedergelassen in der Gemeinschaftspraxis für Innere Medizin, Kardiologie und Ernährungsmedizin an der Uerdinger Straße 62. „Schon seit langer Zeit beobachte ich die Verschwendung von Ressourcen – insbesondere bei Medikamenten“, bekundet der Mediziner. „Letztendlich hat mich meine Frau inspiriert. Als Apothekerin brachte sie eines Tages einen großen Müllbeutel mit nach Hause – prall gefüllt mit angebrochenen Tabletten-Packungen und Spritzen. Und alles wäre noch sehr lange Zeit verwertbar gewesen.“

Bis 2009 wurden Medikamente über Apotheken und spezielle Firmen entsorgt. Heutzutage sind Apotheken nach einer Novellierung der EU-Verpackungsordnung nicht mehr dazu verpflichtet. Regional unterschiedlich regeln das Kommunen und Gemeinden entweder über den Hausmüll und an bestimmten Recyclingstandorten.

Pharmamüll, der als Mahnmal weiterwirkt

Doch wie sensibilisiert man Menschen noch eindringlicher für diese Thematik? Durch seinen Vater, der als freischaffender Künstler und Restaurator tätig war, hatte Recker von Kindheit an eine enge Anbindung an Kunst und Kultur. So entwickelte er schließlich die Idee, aus Pharmamüll Kunstwerke zu kreieren. Mit außergewöhnlichen Perspektiven und ästhetischer Ausstrahlung. Um Aufmerksamkeit zu schaffen, zu emotionalisieren und dadurch tiefer ins Bewusstsein zu dringen.

Für den weiteren kreativen Prozess bis hin zum gemeinsamen Kunstprojekt stand Grafik-Designer Andreas Willems, Absolvent der ehemaligen Werkkunstschule Krefeld und professioneller Fotograf, zur Seite. Seit 17 Jahren als Patient vertraut, wuchs über die Jahre eine freundschaftliche Beziehung durch das gemeinsame Interesse an Kunst und Fotografie. „Ich war sofort begeistert, die Installationen und Collagen aus unzähligen Medikamenten und Verpackungen mitzugestalten und fotografisch in Szene zu setzen und digital ausdrucksstark zu retuschieren.“ Entstanden sind detailreiche Bildmotive, die überwiegend auf großformatige Alu-Dibond-Platten produziert wurden. Die Kunstwerke zeigen alltägliche Szenen, die Geschichten erzählen. Sie laden ein, einzutauchen, zu ergründen und zu entdecken. Durch die nahblickende Makrofotografie wird unsere Welt regelrecht auf den Kopf gestellt: Die installierten und collagierten Medikamente und Verpackungen wirken überdimensional groß. Miniaturfiguren verstärken den Kontrast effektvoll.

So zeigt das Kunstwerk „PHARMA-CITY“ aus Blister und Miniaturen senkrecht aufgestellte und eng aneinandergereihte Pillen-Verpackungen wie Wolkenkratzer, Skylines, anonym, kalt und uniform. Dazwischen bewegen sich winzige Menschen – erdrückt und einsam. Die Stadt wirkt unnahbar, kühl und leblos. Ein Leben in Anonymität, wo jeder auf sich selbst gestellt ist.

Oder das Kunstwerk „FRIEDHOF“ aus Blister, Fliesenkreuzen aus dem Baumarkt und Miniaturen erinnert an die endlosen Soldatenfriedhöfe, wo vielfach grade junge Menschen einem sinnlosen und menschenverachtenden Krieg zum Opfer gefallen sind.

Das Kunstwerk „CORONA-BEACH“ thematisiert die momentane Pandemie – so Recker: „Die unterschiedlichen Blau- und Farbtöne der Schutz-Masken zu Beginn der Pandemie erweckten bei mir spontan die Assoziation zu Meer und Karibik, nicht wissend, dass kurze Zeit später der Sommerurlaub zum Reizthema werden würde. Menschen wünschen sich das Schöne, Vertraute, die Sorglosigkeit und Unbekümmertheit. Im Unterbewusstsein spüren wir aber die Zäsur. Nichts wird mehr so sein wie zuvor. Corona Beach steht als Mahnmal der Pandemie.“

Zukunftsorientierte Rezeptur: Demut, Respekt und Wertschätzung

Wie aber findet man einen Ausweg aus den Missständen? Welche pragmatischen Lösungen können helfen? „Pharmaindustrie und Krankenkassen sind an Verordnung von Großpackungen interessiert, zumal es kaum einen wirtschaftlichen Unterschied zwischen einer 50-er und einer 100-er Packung besteht.“ Der Facharzt ergänzt: „Ein großes Problem stellt die sogenannte Therapietreue dar. Man geht davon aus, dass chronisch Kranke nur in 50 % der Fälle auf Dauer die vom Arzt verordnete Medikation einnehmen – insbesondere bei dementiellen Beschwerden, wo es schlicht vergessen oder unterschiedlich eingenommen wird. Leider fehlt oftmals die Zeit für Aufklärung und Kontrolle. In keinem Fall sollten Medikamente über Toilette oder Waschbecken entsorgt werden. Empfehlenswert ist immer ein intensives Gespräch über die Medikation mit dem behandelnden Arzt.“ In einem gemeinschaftlichen Statement schreiben Recker und Willems: „Wir wollen für das Problem Pharmamüll sensibilisieren, das symbolisch für viele Probleme unserer Konsumgesellschaft steht. Wir wollen nicht anklagen, sondern wir wünschen uns mehr Demut, Wertschätzung und respektvollen Umgang mit den Dingen, die wir geschaffen haben. Zusammen ließe sich an künftigen Verbesserungen und gemeinsamen Lösungen arbeiten.“

Unter dem Akronym DRAW (dt. zeichnen) präsentieren beide Künstler ihre Werke aktuell in der Gemeinschaftspraxis Recker, Krater, Fahlenbrach auf der Uerdinger Straße 62 und auf der Website: www.awi-design.de sowie Kontaktaufnahme: drdrecker@aol.com.

Über den Verkauf der Kunstwerke sollen Organisationen unterstützt werden, die ähnliche Intentionen verfolgen (foodsharing, sirplus, action medeor).

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