Dr. Hülya Pustu freut sich mit ihrem Doktorvater und Chef Prof. Gernot M. Kaiser über ihre erfolgreiche Promotion (Foto: SBK/Jeitner)

Kamp-Lintfort. Ein ganz aktuelles Thema hatte sich die Ärztin
Dr. Hülya Pustu für ihre Doktorarbeit ausgesucht: „Frauen in der Chirurgie – Karrierechancen und Chancengleichheit“. Antworten dazu erhielt sie durch eine Umfrage unter Viszeralchirurginnen in Nordrhein-Westfalen zu ihrem persönlichen und beruflichen Umfeld.

„Das ist ein überaus aktuelles Thema in der Medizin“, erläutert sie. Hülya Pustu ist als Fachärztin in der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie des St. Bernhard-Hospitals in Kamp-Lintfort tätig. Ihr Chefarzt dort, Prof. Dr. Gernot M. Kaiser, befürwortete das Promotions-Thema sofort und stand ihr auch als Doktorvater beratend zur Seite.

Promotion bei voller Berufstätigkeit

„Ich bin sehr stolz auf Frau Dr. Pustu. Sie hat ihre bemerkenswerte Promotion in knapp vier Jahren abgeschlossen – und das parallel zur vollen Berufstätigkeit“, erzählt Gernot Kaiser. Dass er „seine“ Ärztin bei ihrer Promotion begleitet und unterstützt hat, ist für ihn selbstverständlich.

Den Vorteil der Tätigkeit im St. Bernhard-Hospital macht Gernot Kaiser deutlich: „Unser Haus ist nicht Mitten im Zentrum des Ruhrgebietes, sondern die Region eher ländlich und die Arbeitszeit-Belastung dadurch anders. Bei uns ist eine Vereinbarkeit von Familie und Karriere durchaus gegeben.“ Das stellt er durch einen nahezu gleichen Anteil von Ärzten und Ärztinnen in seiner Klinik unter Beweis. „Wir haben zwei Oberärztinnen (von vier) und drei Assistenzärztinnen (von sieben)“, zeigt er auf.

Hülya Pustu wollte schon immer Viszeralchirurgin werden. „Deshalb habe ich ja Medizin studiert“, lächelt sie. „Und ein Doktortitel gehört für mich einfach dazu.“

Erst seit rund 100 Jahren möglich

Seit gerade etwas über 100 Jahren, seit 1908, dürfen Frauen in Deutschland Medizin studieren. Die erste deutsche Chirurgin war Elisabeth H. Winterhalter, sie hatte allerdings im Ausland studieren müssen. Auch wenn der Frauenanteil im Medizinstudium seit dieser Zeit stetig anstieg und in den 1990er Jahren erstmals die 50-Prozent-Marke übersprang, entschieden sich Ärztinnen überwiegend für nicht-operative Fächer, vor allem für die sogenannten „Frauenfächer“ wie zum Beispiel Anästhesie, Kinder- und Jugendmedizin, Frauenheilkunde und Dermatologie. In der Chirurgie beträgt der Frauenanteil 2019 (so die Bundesärztekammer) noch unter 20 Prozent.

Warum Entscheidung für Chirurgie?

Diese Diskrepanz hat Hülya Pustu im Rahmen ihrer Doktorarbeit erforscht. Sie wollte wissen, warum sich Frauen für oder gegen das Berufsfeld Chirurgie entscheiden. Was ist erforderlich, um mehr Frauen für die Viszeralchirurgie zu gewinnen? Wie klappt es mit der Vereinbarkeit von Karriere und Privatleben? Was sind die Karriereziele? Welche Hindernisse gibt es im Hinblick auf einen möglichen Kinderwunsch? Was ist der Grund, dass es in 203 Krankenhäusern 2018 nur zehn viszeralchirurgische Chefärztinnen in Nordrhein-Westfalen gibt?

Hohe Rücklaufquote

Hülya Pustu hatte 2017 mit der Vorarbeit zu ihrer Promotion begonnen und 203 Kliniken sowie 306 E-Mail-Adressen der dort tätigen Chirurginnen in Nordrhein-Westfalen ermittelt. Sie wurden von ihr mit der Bitte angeschrieben, online den anonymen Fragebogen zu beantworten. 31 der 33 Fragen waren Multiple-Choice-Fragen und zwei waren offen. Über 40 Prozent der angeschriebenen Ärztinnen antworteten, was die Aktualität des Themas deutlich machte.

Vereinbarkeit von Karriere und Familie ist sehr wichtig

„Eines wird durch meine Arbeit deutlich: Frauen sind mit dem chirurgischen Ausbildungsstand zufrieden und empfinden keine Benachteiligung im Operationssaal. Sie wollen eine Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Dazu müssen Strukturen geschaffen oder verändert werden, die dies ermöglichen. In Universitätskliniken wurde das erkannt, beispielsweise durch Kinderbetreuung rund um die Uhr“, berichtet die junge Ärztin.

So gern Chirurginnen in der ländlichen Region arbeiten wollen, sie entscheiden sich auch deshalb scheinbar für eine Tätigkeit in der Großstadt.

Viele Ärztinnen wollen gern Karriere machen, ob sie nun Kinder haben oder nicht. Sie sehen sich (zukünftig) durchaus in einer Führungsposition. Auch distanzieren sie sich von der klassischen Rollenverteilung. Besonders Chirurginnen sehen sich stark unter Druck gesetzt und glauben, größeren Einsatz, Belastbarkeit und Engagement zeigen zu müssen, damit sie neben den männlichen Kollegen nicht als schwächeres Teammitglied wirken. Auch wenn es aktuell als Chirurgin unrealistisch scheint, so wünschen sich doch nahezu alle Befragten eine geregelte Arbeitszeit.

Gleichstand erst in über 30 Jahren

Ärztinnen sind in der Chirurgie immer noch deutlich unterrepräsentiert, wobei sich ihr Anteil in den letzten drei Jahren von 10 auf 13 Prozent erhöht hat. Ein Gleichgewicht wird bei dieser Geschwindigkeit (und unveränderten Strukturen) erst in 32 Jahren erwartet. (Studie an 35 Universitätskliniken in Deutschland, die durch den „Deutschen Ärztinnenverbund“ zuletzt 2019 durchgeführt wurde).

Da das Fach „Chirurgie“ zudem an Attraktivität verliert und als „nicht frauenfreundlich” empfunden wird, entscheiden sich deutlich weniger Studentinnen dafür. Studien belegen, dass Ärztinnen zum Beispiel weniger Kinder haben als ihre männlichen Kollegen, da es diesen durch das klassische Rollenverhältnis besser gelingt, Beruf und Familienplanung zu vereinbaren.

Strukturwandel ist notwendig

Hülya Pustu hat mit ihrem Promotionsthema aufgezeigt, wie sich die Strukturen verändern müssen, um Frauen eine gleichberechtigte Möglichkeit der Berufsausübung in Verbindung mit einer ausgeglichenen Work-Life-Balance zu bieten. „Grundsätzlich ist ein gesellschaftlicher als auch politischer Strukturwandel unabdingbar“, macht sie in ihren Schlussworten deutlich.

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