Spannende Einblicke in die soziale Arbeit in der Region Kempen-Viersen erlebten die Teilnehmer der Caritas-Sommertour, von denen einige mit dem Fahrrad unterwegs waren (Foto: Caritas)
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Kreis Viersen. Die Abgeordneten des künftigen Deutschen Bundestages müssen sich mit hoher Priorität der Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pflege widmen. Das fordern der Caritasverband für die Region Kempen-Viersen und der Caritasverband für das Bistum Aachen bei ihrer gemeinsamen Sommertour mit Bundestagskandidaten im Kreis Viersen.

Fünf Bundestagskandidaten nahmen an der ganztägigen Sommertour teil: Rene Heesen (Grüne), Britta Pietsch (Die Linke), Dr. Martin Plum (CDU), Eric Scheuerle (FDP) und Udo Schiefner MdB (SPD). Am Vormittag stand das Thema Alter und Pflege im Fokus. Die Vertreter der Caritas sowie die Kandidaten besuchten zunächst die Caritas-Tagespflege in Dülken, in der sie mit Gast Christa Bergs sowie Leiterin Janine Strömer sprachen. Janine Strömer berichtete, dass im Alter Einsamkeit ein Problem für viele Menschen sei. Dem könne die Tagespflege entgegenwirken. Angebote wie Ausflüge, Besuche auf dem Wochenmarkt oder Biografiearbeit würden gut angenommen. Der Tagespflege sei es wichtig, in enger Kommunikation mit den Angehörigen zu stehen. Christa Bergs, die im Haus über der Tagespflege im betreuten Wohnen der Caritas lebt, besucht zweimal pro Woche die Einrichtung. Für pflegende Angehörige biete sie ein hohes Maß an Entlastung, sagte sie.

Anschließend ging es mit dem Fahrrad weiter zum Paulus-Stift nach Viersen. In dem Altenheim mit insgesamt 89 Plätzen diskutierten die Teilnehmer über die Arbeitsbedingungen in der Pflege. Dabei schilderten die Leitungskräfte Petra Möllecken und Stefanie Testroote, Pflegefachkraft Sandra Himmels sowie die beiden Auszubildenden Sonja Manca und Michaela Schucht ihre Erfahrungen. Pflegedienstleiterin Stefanie Testroote sagte, sie wolle keinen anderen Beruf ausüben als den in der Pflege. „Was an Wärme von den Bewohnerinnen und Bewohnern fließt, ist das, was uns oben hält“, sagte sie. Wohnbereichsleiterin Sandra Himmels ergänzte, dass es in der Pflege an Fachkräften, aber auch an Hilfskräften fehle. Die Politik und alle anderen Beteiligten sollten sich darauf konzentrieren, die Situation zu verbessern.

Die Auszubildende Sonja Manca schilderte, dass der Alltag in der Pflegeinrichtung ein stetiges Ausbalancieren zwischen den Bewohnern sei. Alle Pflegekräfte hätten das Ziel, den Bewohnern ein gutes Gefühl zu geben. Doch dabei kämen die Fach- und Hilfskräfte an Grenzen. Michaela Schucht, ebenfalls Auszubildende im Paulus-Stift, berichtete, dass ihre 15-jährige Tochter ursprünglich auch in die Pflege gehen wollte. In der Corona-Zeit habe sie aber gesehen, wie hoch die Belastung der Pflegekräfte sei. „Dann hat mir meine Tochter gesagt: Nein, ich kann das nicht. Du tust mir leid, die Bewohner tun mir leid“, sagte Michaela Schucht weiter und ergänzte, dass sie in der Pflegeschule manchmal im Unterricht sitze und nur an die Arbeit denke, weil sie wisse, dass sie nun ihren Kolleginnen und Kollegen bei der praktischen Arbeit nicht helfen könne. Einrichtungsleiterin Petra Möllecken sagte, sie sei davon überzeugt, dass genügend Geld im System sei, es werde nur an den falschen Stellen ausgegeben. Der Dokumentationsaufwand in der Pflege sei zu hoch, das Begutachtungswesen müsse deutlich vereinfacht werden. Die Prüfungssituation bei der Einstufung von Pflegegraden empfinde sie vielfach als menschenunwürdig.

Auch Peter Babinetz, Vorstand des Caritasverbandes für die Region Kempen-Viersen, mahnte nachhaltige Verbesserungen in der Pflege an, zollte der Politik aber auch Anerkennung. „Wir begrüßen es ausdrücklich, dass sich die Politik darauf verständig hat, dass nur noch diejenigen Pflegeanbieter Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten, die sich bei der Bezahlung der Mitarbeiter an einem geltenden Tarifvertrag oder den Arbeitsvertragsrichtlinien der Kirchen orientieren“, sagte Babinetz bei einer Pressekonferenz zum Abschluss der Sommertour. Das sei ein erster Schritt in die richtige Richtung. „Nun müssen sich aber auch die Arbeitsbedingungen in der Pflege wesentlich verbessern“, so der Caritas-Vorstand weiter. Das betreffe zuallererst die Personalbemessung. Denn die zu geringe Personalausstattung gehe seit vielen Jahren zu Lasten der Pflegekräfte. Dies fördere nicht das Image des Altenpflegeberufes.

„Die Caritas ist davon überzeugt, dass durch bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege dringend benötigte neue engagierte Pflegekräfte gewonnen werden können“, sagte der Viersener Stephan Jentgens, Diözesancaritasdirektor im Bistum Aachen. Die Politik habe im kürzlich beschlossenen Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung eine Grundlage für einen sowohl qualitativ als auch quantitativen angemessenen Personaleinsatz für die vollstationäre Pflege geschaffen. „Das begrüßt die Caritas ausdrücklich“, sagte Jentgens und fuhr fort: „Ein solches Instrument zur Personalbemessung muss aber nach Auffassung der Caritas auch zwingend – möglichst gleichzeitig – für die ambulante Pflege entwickelt und eingeführt werden.“

Wie knapp das Personal auch in der ambulanten Pflege bemessen sei, habe er in der vergangenen Woche bei einem Besuch im Überflutungsgebiet in der Eifel festgestellt. Dort seien auch viele ambulante Pflegekräfte des regionalen Caritasverbandes von den Folgen der Überschwemmungen betroffen, weil sie zum Teil Haus und Hof verloren hätten und zurzeit an alles denken könnten, nur nicht ans Arbeiten. „Also fehlten dort kurzfristig Pflegekräfte, Engpässe, die der regionale Caritasverband nicht aus eigener Kraft ausgleichen kann. Ich bin daher sehr dankbar, dass Pflegekräfte aus anderen Regionalverbänden im Bistum Aachen, auch hier aus dem Caritasverband für die Region Kempen-Viersen und darüber hinaus sich bereit erklärt haben, dort auszuhelfen“, sagte Jentgens weiter.

Was die Ausbildung der Pflegefachassistenzkräfte angeht, appellierte Peter Babinetz an die Bundestagskandidaten, auf die Landespolitiker in Nordrhein-Westfalen einzuwirken, damit die geplante Refinanzierung der Ausbildung nicht – wie vorgesehen – über die Vergütungssätze erfolgt. „Nach Auffassung der Caritas dürfen die Ausbildungskosten für die Pflegefachassistenzkräfte nicht einseitig den Bewohnerinnen und Bewohnern und Patientinnen und Patienten aufgebürdet werden“, sagte Babinetz. Wenn sich daran nichts ändere, seien Einrichtungen und Dienste, die nicht ausbilden im Vorteil, fügte Diözesancaritasdirektor Stephan Jentgens hinzu. „Sie müssten anders als ausbildende Dienste und Einrichtungen keine höheren Vergütungsforderungen in Rechnung stellen. Das schafft, gerade, wenn es um Ausbildung geht, völlig falsche Anreize.“

Im Hinblick auf die in Deutschland im Jahr 2020 eingeführte generalistische Pflegeausbildung, die die einst unterschiedlichen Ausbildungsgänge der Altenpflege, Krankenpflege und Kinderkrankenpflege in einer Ausbildung bündelt, sollten bei der Auswertung des ersten Ausbildungsganges nach drei Jahren auch die Träger der praktischen Ausbildung angehört werden, also Altenpflegeheime, Pflegedienste und Kliniken. Das forderte Christian Schrödter, Vorstand des regionalen Caritasverbandes. „Das Gesetz sieht eine Evaluation vor; die Träger der praktischen Ausbildung sind aber bislang zur Beteiligung nicht vorgesehen. Aus Sicht der Caritas ist aber genau das erforderlich, damit nicht nur die Erfahrungen der Pflegeschulen und statistische Werte in die Evaluation einfließen“, sagte Schrödter.

Der zweite Teil der Sommertour führte den Tross der Caritas ins frühere Haus der Region am Hildegardisweg in Viersen, wo die Caritas-Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche Viersen, der Sozialdienst katholischer Frauen Viersen (SkF) und der Sozialdienst katholischer Männer Kreis Viersen (SKM) ihren Sitz haben. Dort kamen die Vertreter der Caritas und ihrer Fachverbände mit den Politikern unter anderem über das neue Betreuungsrecht ins Gespräch.

Der SKM Kreis Viersen ist ein anerkannter Betreuungsverein, vor allem im Amtsgerichtsbezirk Viersen. Wenn ein erwachsener Mensch auf Grund von Krankheit oder Behinderung Hilfe bei der rechtlichen Besorgung seiner persönlichen Angelegenheiten benötigt, bekommt er vom Amtsgericht einen gesetzlichen Betreuer zur Seite gestellt, in aller Regel Familienangehörige oder ehrenamtliche Betreuer. Sofern notwendig, kann die Betreuung beruflich, zum Beispiel von fachlich geeigneten Mitarbeitern der Betreuungsvereine, geführt werden. Diese sind es auch, die ehrenamtliche Betreuer fachlich begleiten.

SKM-Geschäftsführer Stephan Fiedler begrüßte, dass das neue Betreuungsrecht die Perspektive des Betreuten an erster Stelle setze. In diesem Zusammenhang komme auf die Betreuungsvereine, deren hauptamtliche Mitarbeiter selber Klienten betreuen, aber auch ehrenamtliche Betreuer begleiten, ein erheblicher Aufwand zu. Betreuungsvereine müssten daher ausreichend unterstützt werden. Es wäre wünschenswert, wenn die Zahl der Betreuten pro Betreuer deutlich sinken würde, sagte Fiedler weiter.

Stefan Hoffmanns und Achim Wolters, die Leiter der Katholischen Beratungsstellen für Eltern, Kinder und Jugendliche in Viersen und Kempen, sowie Geschäftsführerin Astrid Samuel vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Viersen, berichteten, wie sich ihre Arbeit vor und während der Pandemie verändert habe. Der häufigste Anlass für eine Beratung sei die Trennung oder Scheidung der Eltern, erläuterte Achim Wolters. „Leider kommen die Eltern oft erst dann, wenn sie so zerstritten sind, dass die Kinder massiv darunter leiden“, fügte er hinzu. Sein Kollege Stefan Hoffmanns schilderte, wie sich die Corona-Pandemie bereits jetzt auswirke: „Viele junge Menschen wenden sich mit psychischen Problemen an uns – das ist eindeutig auf die Lockdowns zurückzuführen.“ Auch Astrid Samuel beobachtet, dass die Familien seit Beginn der Pandemie viel stärker belastet seien. Misshandelte Frauen hätten sich oft erst spät an den SkF wenden können, weil sie während der Lockdowns kaum eine Möglichkeit gehabt hätten, unbemerkt von ihren Partnern Hilfe zu suchen.

Alle Bundestagskandidaten aus dem Kreis Viersen, die bei der Caritas-Sommertour dabei waren, begrüßten es, wenn es weitere Gespräche zu sozialpolitischen Fragestellungen geben würde. Udo Schiefner, SPD-Bundestagsabgeordneter, sagte, er habe Respekt vor den Leistungen der Pflegekräfte. Ihm sei sehr bewusst, dass in der kommenden Legislaturperiode das Thema Pflege breiten Raum einnehmen werde. Die Zukunft und der Zusammenhalt der Gesellschaft würden unter anderem sehr davon abhängig sein, wie sich die Pflege pflegebedürftiger Menschen weiterentwickele.

Dr. Martin Plum, Bundestagskandidat für die CDU im Kreis Viersen, sagte, die Sommertour habe ihm einmal mehr gezeigt, dass gute Politik nur dann gelinge, wenn Politik mit den betroffenen Menschen, den Verbänden und Einrichtungen im Dialog sei. Es müsse im künftigen Deutschen Bundestag darum gehen, mehr für gute Ausbildung und gute Arbeitsbedingungen in der Pflege zu tun. Denn Berufe in der Pflege seien Berufe, die hohe seelische und körperliche Anforderungen stellten.

Britta Pietsch, Kandidatin für Die Linke im Kreis Viersen, sagte, in ihren Augen sei es Staatsversagen, wenn es einer Gesellschaft, „die stinkreich ist“, nicht gelinge, die Schwächsten adäquat zu versorgen. Die Botschaft des Tages – „Tut was!“ – sei angekommen.

Rene Heesen, er kandidiert für die Grünen bei der Bundestagswahl, sagte, Pflegekräfte täten eine vielfach unsichtbare, aber doch wichtige menschliche Arbeit. Er habe den Eindruck gewonnen, dass die Pflegekräfte wüssten, was sie tun. Ihm sei sehr deutlich geworden, wo die Stärken und die Schwächen des Systems lägen. Gute Pflege könne nur dann erbracht werden, wenn die Einrichtungen personell und finanziell gut ausgestattet seien.

Eric Scheuerle, Bundestagskandidat für die FDP, sagte, die Entbürokratisierung der Pflege sei wichtig. Wenn zu viel Zeit, die für die Pflege da sein sollte, mit bürokratischem Aufwand verbracht werde, sei das ein Ansatzpunkt, an dem Entlastung geschaffen werden könnte. Zudem sei es wichtig, die Pflegeversicherung auf breitere Füße zu stellen. Zusätzlich seien private und betriebliche Pflegeversicherungen notwendig.

Die Caritas-Sommertour ist eine gemeinsame Aktion von regionalen Caritasverbänden im Bistum Aachen und dem Caritasverband für das Bistum Aachen als Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege. Sie greift das Motto der Caritas-Dachkampagne 2021/2022 auf „Das machen wir gemeinsam“. Nach den Herausforderungen der Corona-Pandemie kommt es nach Auffassung der Caritas nun auf „Neue Normalität gestalten“ an. So lautet eine Aktion der Caritas zur Bundestagswahl, in der sie in einen breiten Dialog eintreten möchte, unter anderem mit Männern und Frauen, die für den Deutschen Bundestag kandidieren. Die Herausforderungen der Zukunft sind nur gemeinsam zu bewältigen, so die Caritas.

Politische Forderungen der verbandlichen Caritas im Bistum Aachen finden sich im Internet unter www.caritas-ac.de/positionen-zur-bundestagswahl.

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