von links: OB Thomas Westphal, Mirja Düwel (AWO), Hannah Rosenbaum (Bezirksbürgermeisterin Innenstadt-Nord), Andreas Koch (GrünBau gGmbH) und Magdalena Birnitzer (Foto: Dortmund-Agentur, Anja Kador)
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Dortmund. Edelweißpirat und unermüdlich für die politische Bildung im Einsatz

In der Nordstadt wurde gestern „Edelweißpirat“ Kurt Piehl und sein Einsatz gegen die Hitler-Jugend und die Polizei im Dritten Reich in besonderer Weise im Stadtbezirk gewürdigt. Oberbürgermeister Thomas Westphal und Bezirksbürgermeisterin Hannah Rosenbaum weihten nach einem Beschluss der Bezirksvertretung Innenstadt Nord feierlich den Kurt-Piehl-Platz ein – vormals der nördliche Teil der Flensburger Straße/Ecke Brunnenstraße.

Anwesend waren auch Vertreter der Initiatoren der Platzbenennung. Dabei handelt es sich um das übergreifende Bündnis „NOrdstadt gegen Nazis“, das im August 2020 der BV Innenstadt-Nord eine entsprechende Eingabe zur Platzbenennung vorgelegt hat. Neben Mitgliedern der Bezirksvertretung nahmen auch Markus Günnewig und Dr. Stefan Klemp von der Mahn- und Gedenkstätte an der offiziellen Einweihung teil.

Nach den Grußworten und der Enthüllung des Straßenschildes führte die Theatergruppe „Löwenherz“ eine szenische Lesung auf (Auszug aus: „Edelweißpiraten – Ein lesender Annäherungsversuch an mutige, heute fast vergessene junge Menschen“).

Kurt Piehl ist im Dortmunder Stadtbild präsent als Ikone des Jugendprotests gegen die Nationalsozialisten. An der Geschwister-Scholl-Straße 28 und an der Schleswiger Straße erinnern Fassadenbilder an ihn und die „Edelweißpiraten“. Jetzt wurde der Platz am nördlichen Ende der Flensburger Straße auf Antrag des Bündnisses „Nordstadt gegen Nazis“ als Kurt-Piehl-Platz benannt. Die Bezirksvertretung Innenstadt Nord hatte die Neubenennung einstimmig beschlossen, um die Verdienste Kurt Piehls zu würdigen.

Kurt Piehl trat nicht nur vor 1945 als „Edelweißpirat“ für seine Überzeugungen ein. Nach 1945 hat er als Romanautor und Zeitzeuge zur Aufarbeitung der lokalen NS-Geschichte beigetragen. In den 1980er Jahren engagierte er sich für den Erhalt der Steinwache und sammelte Unterschriften für eine Ausstellung im ehemaligen Polizeigefängnis. Unermüdlich hat er politische Bildung gemacht. Regelmäßig stand er Schülern Rede und Antwort über seine Aktivitäten vor und nach 1945. Er selbst ist Bestandteil der Ausstellung in der Steinwache.

Die öffentliche Wahrnehmung Kurt Piehls beruhte vor allem auf den Romanen, die autobiographische Elemente enthalten, die aber zu einem erheblichen Teil Fiktion sind. Dr. Stefan Klemp hat für die Steinwache recherchiert und dabei neue Erkenntnisse zur Biographie Piehls gewonnen. Dazu hat vor allem seine Cousine und Wegbegleiterin Magdalene Birnitzer beigetragen, aber auch die Auswertung seines Nachlasses. Die neuen Forschungen belegen: Seine echte Biographie ist spannender als die Romane. Sie wird hier erstmals auszugsweise vorgestellt.

Steinwache online (dortmund.de)

Hintergrund: Kurt Piehl
Kurt Piehl wurde am 6. Januar 1928 in Dortmund geboren. Er wuchs ohne Vater auf. Mit seiner Mutter lebte er an der Holsteiner Straße. Kurt Piehl wurde von drei Frauen erzogen. Von seiner Oma und von zwei Anthroposophinnen: Seine Mutter Minna, kaufmännische Angestellte bei der Firma Union Brückenbau, und Tante Hanna. Hanna wanderte nach dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft 1935 in die Schweiz aus. Minna Piehl gehörte der anthroposophischen Christengemeinschaft an. Die wurde noch nicht verboten.

Kurt Piehl besuchte ab 1934 die Luisen-Schule. Er bekam durchweg gute Noten und wurde immer versetzt. Als Zehnjähriger ging er zum Jungvolk. Zum Leben in der Nordstadt sagte er 1981 im Interview mit der Neuen Arbeiterpresse: „Es war eine rauhe, ruppige Umgebung und bei uns 10 bis 11jährigen herrschte das Faustrecht. Wir bildeten Meuten und prügelten uns mit Kindern von den anderen Straßen.“

Im Juni 1941 hatte Kurt Piehl den ersten Zusammenstoß mit der Gestapo. Im Zuge einer „Aktion gegen Geheimlehren“ durchsuchte die Polizei die Wohnung der Piehls. „Tante Minna (…) hat Steiner gelesen, sie haben die Bücher bei uns versteckt“, sagt Magdalene Birnitzer. Kurt hatte 60 Kilo Bücher rechtzeitig zu Familie Birnitzer nach Brechten geschleppt. Die Gestapo fand nichts Belastendes mehr. Die Familie seiner Mutter spielte eine wichtige Rolle in seinem Leben. Regelmäßig hat Kurt die Familie besucht. Magdalene und Kurt sind zusammen aufgewachsen, bis der Krieg für eine Unterbrechung sorgte.

1942 flog er wegen „Aufsässigkeit“ von „Horst-Wessel-Knabenmittelschule“. Kurt Piehls wilde Jugendjahre begannen. Er machte eine Betonbauerlehre bei Wiemer und Trachte. Dort lernte er Fritz Geismar junior (im Roman Fritz Giesser) kennen, den Sohn eines verstorbenen SA-Führers, der ebenfalls zu den Edelweißpiraten gehörte.

Verhör durch die Gestapo
„Die Edelweißpiraten waren keine politische Bewegung in dem Sinne. Was wir gemeinsam hatten, war die Abneigung gegen die Hitlerjugend“, sagte Kurt Piehl im Interview mit der Neuen Arbeiterpresse. „Die Prügeleien mit der Hitler-Jugend waren für uns mehr ein Spaß als eine politische Aktion.“ Im Oktober 1943 änderte sich die Situation. Die Polizei ermittelte gegen Kurt Piehl, weil er nicht zum Dienst in der Hitlerjugend ging. Das war ein Verstoß gegen die gesetzliche „Jugenddienstpflicht“, die zur Inhaftierung ohne Gerichtsverfahren führen konnte. Prügeleien mit der Hitlerjugend wurden als „gefährliche Körperverletzung“, „Sachbeschädigung“, „Mißachtung einer nationalsozialistischen Uniform“ gewertet. Die Gestapo lud Kurt das erste Mal zum Verhör nach Hörde. Dort machte er Bekanntschaft mit dem brutalen Heinz Schmitz, genannt „Buschmann“. Kurt, Spitzname „Curry“, wurde in die Marine-HJ eingewiesen, ging aber nicht zum Dienst.

Nach weiteren gewalttätigen Zusammenstößen mit „Streifen-HJ“ und Polizei bei Razzien zur „Erfassung“ von Jugendlichen wurde ihm der Boden in Dortmund zu heiß. Gemeinsam mit seinem Kumpel „Tönne“ wollte er zu Tante Hanna in die Schweiz fliehen und das erhoffte Kriegsende dort abwarten. Aber sie wurden am 9. September 1944 in Pforzheim geschnappt. Laut Gerichtsakten wurden sie wegen „Arbeitsvertragsbruchs“ verhaftet. Nach sechs Wochen Haft wurden sie in Handschellen nach Dortmund zurückgebracht und einem Richter vorgeführt. Die von ihm verhängten Jugendstrafen waren bereits verbüßt.

Haft in der Steinwache
Anfang Dezember 1944 erhielt Kurt Piehl einen Gestellungsbefehl für ein Marine-Wehrertüchtigungslager an der Ostsee. In Hamburg setzte er sich ab und fuhr nach Dortmund zurück. Hier versteckte er sich in Luftschutzbunkern, bei Verwandten und Bekannten. Fritz Geismar junior gewährte Kurt Piehl einige Tage Unterschlupf. Am 21. Januar 1945 verhaftete die Polizei Kurt Piehl in der Gaststätte Alting an der Münsterstraße. Kurt Piehl wehrte sich und verletzte den Gestapobeamten Franz Lisson mit dem Messer („Plotte“) am Oberschenkel. Die Polizeibeamten überwältigten ihn und lieferten ihn in die Steinwache ein.

Als Grund trug die Polizei in die Haftbücher ein: „pol. Bandenbildung Verdacht der Diebschaft schwere Körperverletzung“. Kurt Piehl verbrachte einen Monat in der Steinwache, wo er schweren Misshandlungen ausgesetzt war, und weitere vier Wochen im Gerichtsgefängnis „Lübecker Hof“. Am Montag, 19. März 1945, entließ ihn der Gefängnisdirektor in die Freiheit. In Dortmund herrschte Chaos, die Stadt lag in Trümmern. Er machte sich auf den Weg nach Brechten. Magdalene Birnitzer war 13, als Kurt Piehl Ende März 1945 wieder auftauchte. „Die Haare weg. Er hatte rote Narben im Gesicht.“

Piehl fuhr zur See
Am 15. April 1945, nur drei Tage nach der Befreiung Dortmunds, wurde er von Polizeibeamten des 8. Reviers an der Lortzingstraße erneut verhaftet und wegen „Plünderns“ in die Steinwache eingeliefert. Nach fünf Tagen wurde er auf Anordnung der Alliierten entlassen. Schon am 2. Mai 1945 verließ Kurt Piehl Dortmund. Bis Frühjahr 1946 wanderte er durch die drei Westzonen. Danach fuhr er zur See. Unter falschem Namen gehörte er von März 1946 bis Ende 1947 als Obergefreiter einem Minenräumkommando der Deutschen Kriegsmarine in Cuxhaven an. Er gab sich als Stephan Brinkhof aus, war Mathematikstudent, Freidenker, geboren 1925 in Amsterdam, ledig und hatte als besonderes Kennzeichen eine Narbe über dem rechten Auge. Die gab es wirklich.

Im Juni 1949 kehrte er als Kurt Piehl nach Dortmund zurück. Hier wurde er nach wie vor von der Polizei gesucht. Er wurde verhaftet und wegen des Messerstichs gegen Franz Lisson wegen „Widerstand gegen die Staatsgewalt in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung“ angeklagt. „Ich blieb 2 Wochen in Haft. In dem Prozess vor dem Jugendgericht im November 1949 wurde ich dann wegen Notwehr freigesprochen“, schreibt Kurt Piehl.

In den 1960er Jahren begann er, seine Geschichte aufzuschreiben. Zusammen mit Professor Hans Müller von der Geschichtswerkstatt machte er daraus in den 1980er Jahren drei Romane. Kurt Piehl selbst schreibt dazu im handschriftlichen Lebenslauf am 3. Oktober 1994: „Die näheren Umstände meiner Verhaftung und die nachfolgende Haft in der Steinwache, auch „Hölle von Westdeutschland“ genannt, habe ich in meinem Roman Latscher, Pimpfe und Gestapo ziemlich genau beschrieben. Im Roman habe ich die Verhaftung meiner Hauptperson Wolfgang Kramer in den Spätsommer 1944 gelegt. Das bedingte einige Abweichungen.“

Eine wichtige Quelle
Trotz der fiktiven Elemente sind die Bücher eine ganz wichtige Quelle, denn Kurt Piehl beschreibt die Verhältnisse in der Steinwache haargenau. Ab 1984 kämpfte er dafür, dass der Widerstand der Dortmunder Edelweißpiraten anerkannt wird. Eine schubladenmäßige Einordnung ist nicht einfach, aber: Weder waren die jugendlichen „Edelweißpiraten“ reine Schlägertrupps, noch waren sie „Widerstandskämpfer“ nach herkömmlichem Verständnis, die staatsgefährdende Aktionen unternommen hatten. Sie haben sich nicht angepasst, nicht dem NS-Staat untergeordnet, und sie haben sich direkt und auch unter Gewaltanwendung gegen Nationalsozialisten gewehrt.

Wenn man eine bewusste Ablehnung des Nationalsozialismus zum Kriterium macht, dann hat Kurt Piehl Widerstand geleistet. Eine grundlegende wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas Edelweißpiraten in Dortmund fehlt.

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