In der Öffentlichkeit sollte das Thema Stammzellenspende mehr besprochen werden, wünschen sich Justin Kröll (mi.), Stammzellenspender Peter Fuhrmann (re.) beim Video-Dreh mit Petra Verhasselt. Den Film dazu gibt es auf www.krebskinder-krefeld.de (Foto: Förderverein zugunsten krebskranker Kinder Krefeld / Nadia Joppen)
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Krefeld. Warum Aufklärung über die Stammzellenspende wichtig ist

„Du gehst mir ja schon über die Schulter…!“ – Dieser Satz ist eigentlich ganz normal, wenn ein Erwachsener ein Kind nach einem längeren Zeitraum wiedersieht. In diesem Fall steckt aber eine ganz besondere Beziehung hinter der Bemerkung: Peter Fuhrmann aus Neumarkt in der Oberpfalz (geb. 1973) begrüßt so Justin Kröll aus Krefeld, 15 Jahre und Fuhrmanns „genetischer Zwilling“. Diese ungewöhnliche Zusammenstellung ist der glückliche Ausgang einer Geschichte, die vor allem dem Jungen viel abverlangt hat. Denn 2013 erkrankte der bis dahin kerngesunde siebenjährige Justin an Leukämie (Blutkrebs) und musste sich einer Chemotherapie unterziehen. 2015 kam ein Rückfall und die Ärzte sahen in einer Stammzellenspende die einzige Chance für den Jungen.

Justin erinnert sich noch gut an den Beginn seiner Krankheit: „Als ich die Diagnose bekam, habe ich es nicht verstanden. Meine Eltern kamen aus dem Arztzimmer und weinten“, erzählt er. Die Therapie sei eine große Belastung gewesen: „Meine Haare fielen aus, mir war übel und ich durfte wegen der Ansteckungsgefahr meine Freunde nicht sehen“. Schön seien die Besuche von Judith Förster aus der Spielabteilung gewesen. In einer Phase durfte er das Krankenhaus mit Mundschutz verlassen, „dann sind wir einen Tag zur Nordsee gefahren.“

Justins Spender Peter Fuhrmann, Geschäftsführer einer Firma für Telematik-Lösungen wurde im Juli 2015 über einen Abgleich in der DKMS (Deutsche Knochenmarkspenderdatei) gefunden. Dort war er 2013 dank eines Weihnachtsgeschenkes einer Freundin registriert worden und wurde letztlich zum Lebensretter. „In der Firma von Susi war eine Typisierungsaktion gemacht worden und es waren Teststäbchen übrig. Sie hat es mir in den Mund gesteckt, ein bisschen gerührt und dann weitergeleitet“. Er habe ein Registrierungsschreiben der DKMS bekommen, aber „ich habe nicht daran geglaubt, dran zu kommen.“ Als dann 2015 die Anfrage kam, habe er sich bewusst für die Knochenmarksentnahme aus dem Beckenkamm entschieden, „man hatte mir gesagt, dass die Zelldichte höher ist und die Chancen für den Empfänger besser sind. Dann habe ich entschieden, es richtig zu machen“, erzählt er.

Am 20. Oktober 2015 vormittags wurde Peter Fuhrmann das Knochenmark entnommen. Die Operation sieht er im Nachhinein unproblematisch: „Die Entnahmestelle war über einige Monate empfindlich und tat bei Berührungen weh.“ Peters Spende wurde per ICE und Taxi in die Uni-Klinik Essen gebracht, wo Justin acht Wochen in strenger Quarantäne verbracht und sich einer mehrtägigen Chemo- und Strahlentherapie (Kopf und Körper) unterzogen hatte: Sein Immunsystem musste auf 0 heruntergefahren werden, um eine Abstoßung zu verhindern.“ Der Transplantationstag war Justins „Tag 0“ – und nach drei Wochen war im Blutbild erkennbar, dass das Immunsystem wieder arbeitete. Seit dem 25. Oktober 2020 gilt Justin als geheilt.

Zwei Jahre nach der Transplantation entstand der Kontakt zu Familie Kröll, Justin hatte die Initiative ergriffen. Er hatte im Krankenhaus ein Bilderbuch über sein Leben in der Krankheit gemalt – mit Bildern, die den „Chemokasper“ oder die Auseinandersetzung der guten und bösen Blutzellen zeigen. Das hat Justin seinem Spender geschenkt, „damit er auch etwas von mir hat.“ Denn über die Stammzellenspende hat Justin die Blutgruppe seines Spenders erworben.

Das erste Treffen am 25. Mai 2018 habe ihn sehr berührt, erinnert sich Peter Fuhrmann: „Ich war bisher nicht so emotional, aber dann bin ich nach Krefeld gekommen und habe von Justins Leidensweg über Jahre erfahren.“ Heute habe er einen vierjährigen Sohn und einen 15-jährigen genetischen Zwilling, „ich vergleiche die beiden und bekomme Demut vor dem Leben. Im Laufe der Zeit wird Einem bewusst, worum es geht.“

Trotz Corona kam es im Sommer zu einem dritten Treffen zwischen dem Teenager und seinem Lebensretter – in der „Villa Sonnenschein“ des Fördervereins zugunsten krebskranker Kinder Krefeld. Dabei zeigt sich, was das Thema bis heute für Fuhrmann bedeutet: Er hat alle Unterlagen über die Stammzellenspende sorgfältig in einem Ordner aufbewahrt – vom DKMS-Registrierungsschreiben über das Krankenhaus-Bändchen bis hin zu den Essenszetteln während des Krankenhaus-Aufenthaltes. Für Justins Eltern Stefanie und Stephan Kröll ist der Kontakt zu dem Lebensretter ihres Sohnes eine Herzenssache: „Wir sind so erleichtert, dass es Justin gut geht. Wir schreiben uns viel und freuen uns, wenn ein Besuch möglich ist.“ In der Villa wurde außerdem ein Kurzfilm für die Internet-Seite des Fördervereins gedreht, um noch mehr Aufklärung für das Thema „Krebs bei Kindern“ und die Stammzellenspende überhaupt zu leisten. „Je mehr man darüber spricht, desto mehr Menschen verlieren hoffentlich die Angst vor dem Thema und lassen sich in der DKMS registrieren“, wünschen sich Justin Kröll und Peter Fuhrmann.

Den fertigen Film gibt es auf www.krebskinder-krefeld.de unter dem Punkt „Vereinsmeier“.

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