„Vor den ehrenamtlich tätigen Bürgerinnen und Bürgern, die sich für Schwelms Tafelladen engagieren, ziehe ich meinen Hut!" sagt Bürgermeister Stephan Langhard. Einen Vormittag lang hat er an der Seite von v.l. Wolfgang Pagel, Sonik Avdoyan, Angelika Beck, Angelika Stiens, Christiane Sartor, Heike Bortz und Monika Kadelka mit vollem Einsatz mitgeholfen und erfahren, wie sich die Abläufe gestalten und wie sehr sich das Team für einen „Einkauf in Würde“ ins Zeug legt (Foto: Stadtverwaltung Schwelm / Heike Rudolph)
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Schwelm. „An Margarine sind wir häufig knapp, und Schokolade gibt es nur zu Weihnachten“

„An Margarine sind wir häufig knapp“, erklärt Angelika Beck Bürgermeister Stephan Langhard, der an diesem Tag zum Helfen in den Schwelmer Tafelladen gekommen ist. Dort wird er zusammen mit dem Team der Ehrenamtlichen die angelieferten Lebensmittel sortieren und später auch die Ausgabe an die Kund/innen begleiten.

Stephan Langhard schaut nicht mal eben so vorbei, sondern hat sich angemeldet, um einen Vormittag lang mitanzupacken. Dabei gewinnt er Eindrücke, stellt Fragen, macht sich ein Bild von der wichtigen ehrenamtlichen Arbeit des Schwelmer Tafelladens, der im Mai 2006 die Arbeit aufgenommen hat.

Als Frau der ersten Stunde erläutert Angelika Beck, von welchen Schwelmer Supermärkten und Discountern Lebensmittel, die an der Grenze zum Ablaufdatum sind, gespendet werden, und nach welchem Prinzip die Ausgabe funktioniert.

„Wie viele Kunden haben Sie?“, möchte Stephan Langhard wissen. „Es sind 120 in der Woche“, antwortet Angelika Beck, „jeder Kunde hat einen bestimmten Ausgabetag, Montag, Dienstag oder Mittwoch“. Am heutigen Tag sind 39 Personen angemeldet, die ab 11 Uhr im 5-Minutentakt bedient werden. Alle Kund/innen können sich amtlich als bedürftig ausweisen. Auf der Kund/innenkarte ist vermerkt, wie viele Personen im anspruchsberechtigten Haushalt wohnen; danach richtet sich die Befüllung des Korbes, auch z.B. die Größe des Brotlaibs oder des beigefügten Blumenkohlkopfs. Bei muslimischen Kund/innen sieht die Warenzusammenstellung teilweise anders aus. Jeder Kunde bezahlt seinen Einkauf mit einem Euro.

Tafelläden, die es auch in anderen Ländern gibt, wurden vor bald 30 Jahren als Reaktion auf faktische Armut eines Teils der Gesellschaft gegründet; es ließ sich nicht von der Hand weisen, dass das Einkommen mancher Bürger/innen nicht ausreicht, um sich (bzw. die Familie) angemessen unterhalten zu können. Wurden Tafelläden bis zum Jahr 2006 mitunter noch als vorübergehendes Phänomen eingestuft, sind sie heute fester Bestandteil einer Realität, die ist, wie sie ist.

„Unsere Kundschaft ist ganz gemischt“, erläutert Angelika Beck, „wir haben deutsche Kund/innen und Kund/innen mit Migrationshintergrund, die oft mehrere Kinder haben“. Sie erzählt z.B. von älteren Menschen mit sehr schmaler Rente und weiß auch von deutschrussischen Rentner/innen, bei denen es zuweilen amtliche Probleme bei der Auszahlung der russischen Rente in Deutschland gibt.

„Wir haben uns in den 16 Jahren unseres Bestehens immer wieder verändert, haben vieles umorganisiert“, sagt Angelika Beck, die mit ihrem Team für pragmatische Lösungen steht, auch und gerade in der Coronazeit. „Wir haben gute und weniger gute Zeiten“, beschreibt sie die Wechselfälle der Einrichtung in der unteren Wilhelmstraße. Um über die Runden zu kommen, braucht es Unterstützung, auch in Form von Spenden, denn neben Miete, Strom und Reinigung müssen jedes Jahr auch 1000 € für die Entsorgung von Biomüll gezahlt werden. Außerdem stehen immer wieder auch Materialkosten an, früher für Regale und eine Kühlung, heute eher für Handschuhe, Abfalltüten u.a. Da war man schon sehr froh, z.B. aus Spenden eine Anrichte kaufen zu können, die gut abwaschbar und desinfizierbar ist, denn natürlich sind auch Auflagen des Gesundheitsamtes zu erfüllen. Ermöglicht wurde und wird das durch Spenden, z.B. von der Grünewald-Stiftung, über die Reihe „Freude schenken“ des Curanums am Ochsenkamp, durch die Stadtsparkasse, die Rotarier, Rotaract, den Lions Club, heimische Unternehmen. „Ganz viel helfen auch Bürgerinnen und Bürger, die Geld spenden oder uns eine Tasche vollgepackt mit Grundnahrungsmitteln vorbeibringen!“ Kostenfrei ist allein die Arbeit der 20 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer des Tafelladens, bei dem der Caritasverband Ennepe-Ruhr und die Diakonie Mark-Ruhr zusammenarbeiten.

Während der Bürgermeister an diesem Tag mit den Team-Mitgliedern die Warenkörbe mit Salatköpfen und Brot bestückt, sieht er auch, wie sorgfältig das angelieferte Obst und Gemüse geprüft wird, damit nur gute Ware abgeben wird – da ist viel handverlesene Arbeit zu leisten. Anbieten kann der Tafelladen vornehmlich Obst und Gemüse, Brot und Waren aus der Kühlung wie Wurst und Joghurt – Lebensmittel – und auch das gehört zur Wahrheit -, die sonst ohne Not vernichtet würden, worüber es ja auch schon eine gesellschaftlich relevante Debatte gibt.

Darüber hinaus werden aber immer auch die Grundnahrungsmittel benötigt, „Mehl, Öl, H-Milch, Reis und vor allem Nudeln sind immer gefragt“, weiß Angelika Beck. Und dann fällt ihr ein, was auch wichtig ist, nämlich „Fertiggerichte und Dosensuppen oder -eintöpfe, denn wir haben auch bedürftige Alleinstehende, die keinen eigenen Herd besitzen und sich dann das Essen auf einer Kochplatte warmmachen können“. Ein paar Gläser gespendeter Babynahrung stehen auch im Regal.

Und was ist mit Produkten, die sich gemeinhin in fast jedermanns Küchenschrank finden und dort auch oft auf Vorrat wie Schokolade und Kaffee? „Schokolade und Kaffee sind, ebenso wie Duschgel, Zahnpasta eher Waren, die fast nur zu Weihnachten ausgegeben werden können“, erfährt das Stadtoberhaupt.

Für Schwelms Bürgermeister sollte der Tafelladen „jeden von uns angehen, denn trotz sozialer Sicherungssysteme ist niemand davor gefeit, in eine existenzielle Notlage zu geraten. Auch wenn ich mir wünschte, es wäre anders: Tafelläden werden gebraucht und erfüllen eine wichtige Aufgabe, auch in Schwelm!“ Er dankt den Lebensmittel spendenden Geschäften und ganz besonders den ehrenamtlich tätigen Teams, vor denen er „seinen Hut zieht!“

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