Tätigkeiten wie der Einbau von Rauchmeldern werden bei den Handwerklichen Diensten erledigt (Foto: Gratz/Esser)
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Neukirchen-Vluyn. Unzählige Engagierte beleben Kultur, Sport und Freizeit und praktizieren Fürsorge

Am 5. Dezember wird jedes Jahr international der Tag des Ehrenamtes gefeiert und so freiwilliges Engagement in der Gesellschaft geehrt. Auch Neukirchen-Vluyn verfügt über unzählige Ehrenamtliche, die sich in Gruppen, Vereinen, freien Zusammenschlüssen oder individuell für andere und damit die Stadtgesellschaft einsetzen. Die Stadt Neukirchen-Vluyn sagt dafür ganz herzlich „Danke“. Ein besonderer Dank gilt in diesem Jahr auch den zahlreichen Menschen in dieser Stadt, die sofort und entschlossen Hilfe geleistet haben nach der Flutkatastrophe.
„122 Menschen in unserer Stadt verfügen derzeit über die sogenannte Ehrenamtskarte“, berichtet Bürgermeister Ralf Köpke. „Das sind Menschen, die mindestens fünf Stunden in der Woche ehrenamtlich aktiv sind und mit der Karte Vergünstigungen z. B. im Handel erhalten. Ich bin mir aber sicher: Das ist nur die Spitze des Eisbergs. In unseren vielen Vereinen, Initiativen, der Freiwilligen Feuerwehr, kirchlichen Gruppen oder Nachbarschaftshilfen passiert so viel, was die Stadtgesellschaft lebendig macht und sie zusammenhält. Das ist unbezahlte und unbezahlbare Arbeit zugleich, die man gar nicht genug wertschätzen kann.“

Dabei können Ehrenamt und Ehrenamtliche ganz unterschiedlich aussehen:
Michelle Jochems ist 26 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Moers. Sie lebt seit 2019 in Neukirchen-Vluyn, war aber schon vorher Mitglied der KG Blau-Weisse Funken. „Ich habe seit meinem 3. Lebensjahr in Moers getanzt, wollte dann aber etwas Anderes machen. Eher durch Zufall kam ich zu den Blau-Weissen“, erzählt Jochems. Zuerst tanzte sie selbst in der Garde, bis der Zufall vor knapp drei Jahren wieder zuschlug und sie erst zur Betreuerin und dann zur Trainerin der Garde- und Showtanzgruppe wurde, gemeinsam mit einer weiteren Kollegin. 20 Erwachsene ab 16 Jahren tanzen in beiden Gruppen, jede trainiert einmal pro Woche. „Bis vor kurzem gab es auch Männer dabei, im Moment sind wir aber nur Frauen. Das darf sich gerne wieder ändern!“ Zahlreiche Auftritte haben die Gruppen während der Session – in Zeiten von Corona müssen diese teilweise entfallen. „Zu Beginn der Pandemie haben wir das Training pausiert, man musste ja erstmal schauen, was passiert. Dann haben wir uns online getroffen, das war schon sehr gewöhnungsbedürftig“, blickt Michelle Jochems zurück. „Später haben wir draußen getanzt. Jetzt sind wir in der Winterpause und hoffen, dass nächstes Jahr wieder Training möglich sein wird.“ Geld bekommt Michelle Jochems für ihre Arbeit als Trainerin keines. „Wir haben als Gruppen viel Spaß und Freude am Tanzen. Im ganzen Verein geht es sehr familiär zu, es ist ein großes Miteinander. Wir sind stolz auf das, was wir gemeinsam schaffen und vorführen können.“

Eine ganz andere ehrenamtliche Tätigkeit übt Olaf Boldt aus. Der 52-Jährige lebt seit sechs Jahren in Neukirchen-Vluyn und kam sozusagen auf Empfehlung zu seinem Ehrenamt: Der Tafel. Ein Freund hatte davon erzählt und ermutigt, den Kontakt zu suchen. „Aus gesundheitlichen Gründen bin ich Frührentner“, erläutert der gelernte Zierpflanzen- und Landschaftsgärtner. „Aber nur rumsitzen ist nichts für mich, ich will mich einbringen.“ Seit rund fünf Jahren ist er bei der Neukirchen-Vluyner Tafel als Fahrer dabei und holt Lebensmittelspenden in Supermärkten ab, die dann an Bedürftige ausgegeben werden. „Im Moment fahre ich zwei Mal pro Woche und helfe zusätzlich als Springer aus, wenn Not am Mann ist. Wir haben zu zweit eine feste Tour in Neukirchen-Vluyn und Krefeld.“ Zu Beginn der Pandemie war die Tafel vorübergehend geschlossen, inzwischen arbeitet man mit einem Hygienekonzept im normalen Umfang. Als belastend empfindet Boldt die Arbeit, auch unter diesen Bedingungen, nicht: „Wir ergreifen die nötigen Schutzmaßnahmen. Und wenn ich zwischendurch Pausen machen muss, weil ich nicht mehr kann, hat jeder Verständnis. Wir sind alle keine Profis und machen freiwillig mit, jeder im Rahmen der eigenen Möglichkeiten.“ Eine Aufwandsentschädigung erhält niemand. „Die Arbeit soll vom Herzen kommen“, sagt Boldt. „Wir fahren auch zu Kunden nach Hause, die nicht mobil genug sind, Lebensmittel bei uns abzuholen. Da erfährt man viel Dankbarkeit. Ich helfe gerne, mir ist aber auch die gegenseitige Wertschätzung wichtig. Noch schöner wäre es natürlich, wenn es gar keine Tafeln in Deutschland geben müsste. Aber das steht wohl auf einem anderen Blatt.“

Auch im hohen Alter noch aktiv ist Jürgen Gratz. Er ist einer von aktuell 12 Männern, die „Handwerkliche Dienste“ leisten und als „Senioren-Technik-Botschafter“ älteren Menschen Unterstützung bieten. Er ist seit der ersten Stunde mit dabei. Seit über 30 Jahren lebt er in Neukirchen-Vluyn und hat die „Handwerker“ vor zehn Jahren mitbegründet. Organisatorisch verankert sind die Gruppen bei der Grafschafter Diakonie. „Handwerkliche Dienstleistungen bedeutet, dass wir kleinere Arbeiten im Haushalt erledigen für Menschen, die das selber nicht mehr können, zum Beispiel eine Glühbirne auswechseln, Scharniere ölen, eine Schublade kleben, Lampen aufhängen, Insektenschutztüren reparieren”, erklärt der Rentner. „Bei niederschwelligen Tätigkeiten am PC, am Fernseher oder Telefon helfen unsere „Technik-Botschafter.“ Ältere oder körperlich beeinträchtigte Menschen können sich bei der Diakoniestelle „Treff 55“ melden, die die Anfrage an uns weiterleitet. Jeder kann frei entscheiden, ob er einen Auftrag annehmen möchte. Aufgrund der Pandemie erhalten wir zurzeit weniger Anfragen.“ Der Großteil der Mitarbeiter ist zwischen 60 und 80 Jahren alt, einige wenige sind jünger. „Wir helfen auch Menschen, die sich einen Handwerker nicht leisten können, wie beispielsweise Sozialhilfeempfänger. Arbeiten, die durch Fachbetriebe ausgeführt werden, Renovierungen, Schneeräumen, und andere größere Aufgaben leisten wir nicht”, so Gratz. „Unsere Arbeit ist kostenlos für den Kunden.“ Eine Garantieleistung können die Ehrenamtlichen dafür nicht geben. Ein Mitarbeiter hilft außerdem bei der Kleiderkammer der Evangelischen Kirche. Warum Gratz sich engagiert? „Zuerst waren wir nur zu zweit, dann kamen weitere Männer hinzu, die alle Interesse an Technik haben, unkompliziert helfen wollen und sich über die Dankbarkeit unserer Auftraggeber freuen.“

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