v.l. Dr. Jörg Geerlings MdL mit Ministerin Ina Scharrenbach (Foto: privat)

Neuss. Innenstädte stehen in Zukunft vor großen Herausforderungen. Dabei sind die Corona-Pandemie und ihre Folgen nur die Spitze des Eisbergs. Vor allem ein Abwandern der Kunden zum Online-Handel droht, Leerstand macht schon heute viele Innenstädte unattraktiv.

Bauministerin Ina Scharrenbach, die der Landtagsabgeordnete Dr. Jörg Geerlings als Hauptrednerin zum „Talk am Pegel“ eingeladen hatte, machte deutlich, dass Innenstädte sich zukünftig vor allem durch gute Erreichbarkeit, Sicherheit und Sauberkeit auszeichnen müssten. Die Aufenthaltsqualität werde immer mehr an Bedeutung gewinnen. Am wichtigsten sei jedoch, dass jede Innenstadt ihre Einzigartigkeit herausarbeite. Viele Kommunen würden genau das nicht tun, sondern ein überall ähnliches, austauschbares Angebot machen.

Auch Neuss fehle ein Alleinstellungsmerkmal, bedauerten mehrere Teilnehmer. Es gebe hier zwar viele Einzelmaßnahmen, aber keine Gesamtstrategie. „Kosmetik trägt nicht zur nachhaltigen Innenstadtentwicklung bei“, bemerkte ein Gast, „es fehlt ein Gesamtplan“, beklagte die Innenstadt-Stadtverordnete Natalie Goldkamp. Sie schlug vor, Neuss zu einer familienfreundlichen Innenstadt zu entwickeln. Viele Familien wohnten in der Innenstadt, es gebe bereits Kitas, Spielplätze und Jugendzentren. Dieses Potenzial müsse die Stadt nutzen, die Angebote gezielt ausbauen.

Dass auch die Restaurants und Kneipen einen Beitrag zu einer lebenswerten Innenstadt leisten, machte Gastwirt Michael Bott deutlich. Er beklagte starre und unverständliche Regeln der Stadt Neuss zur Außengastronomie und wünscht sich flexiblere Regelungen für Öffnungszeiten nach 22 Uhr.

Größtenteils kritisch gesehen wurden lokale Online-Plattformen, auf denen Händler ihre Produkte im Internet anbieten. Die Erfahrung mit ersten Pilotprojekten zeige, dass Kunden eher nach einem bestimmten Produkt suchen und nicht nach einem bestimmten Händler. Jan Kaiser vom Handelsverband sprach als Alternative an, lokale Händler bei hybriden Geschäftsmodellen zu unterstützen, also dabei, ihre Produkte generell auch online anzubieten. Dies werde durch sogenannte Digitalcoaches unterstützt.

In der Diskussion der rund 60 Gäste kamen viele weitere Aspekte zur Sprache, so etwa der Dauerbrenner Straßenbahn, die Gestaltung von Fassaden und die Bedeutung des Wohnens in der Innenstadt. Die Teilnehmer aus Einzelhandel und Politik konnten viele Anregungen mitnehmen. Auch Ministerin Scharrenbach sagte zu, Hinweisen aus dem Publikum weiter nachzugehen.

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