(Foto: privat)

Kleve. „Applaus allein reicht nicht“ ist wohl eine der häufigsten genutzten Aussagen, wenn plakativ und bildhaft auf Fachkräftemangel, die Belastungen der Corona-Pandemie und die fehlende Wertschätzung im Gesundheits- und Pflegesystem hingewiesen wird.

Die Lage in den Bereichen Gesundheit und Pflege ist problematisch. Aber auch schon vor der Corona-Krise wurden Personalmangel und schlechte Arbeitsbedingungen bemängelt. Die Pandemie zeigt in aller Deutlichkeit, wie wichtig die Gesundheitsversorgung ist und wie groß auch die Defizite sind.

Auch die SPD-Landtagskandidatin Christin Becker weiß, dass ein Umdenken in der Gesundheits- und Pflegepolitik notwendig ist. Aber welche Probleme sind denn Jene, die an der Basis, vor Ort in den Arztpraxen zu den größten Herausforderungen zählen?

Um sich ein echtes eigenes Bild machen zu können, hat Christin Becker ein Tages-Praktikum in einer hausärtzlichen Gemeinschaftspraxis in Kleve-Rindern absolviert. In der hausärztlichen Gemeinschaftspraxis der Praxisklinik Kleve behandeln und begleiten 6 Ärzte/Ärztinnen zusammen mit den medizinischen Fachkräften, sowie einer Büroangestellten und der Praxismanagerin seit mehr als zwei Jahrzehnten eine Vielzahl von Patienten und Patientinnen in Kleve-Rindern. Seit Herbst 2021 impft die Praxis zusätzlich als hausärztlich geführtes Impfzentrum an drei Standorten in Kleve, Bedburg-Hau und Kranenburg. Alleine in den vergangenen 3 Monaten hat das Impfteam ca. 13.000 Dosen verimpft und damit maßgeblich das Angebot an Booster-Impfungen vor Ort neben den Impfangeboten des Kreises Kleve gestärkt. „Wir haben auch um die 250.000 Seiten Papier dafür ausdrucken müssen“, ergänzt Praxispartner Dr. Kroll.

Die Landtagskandidatin bekam vor Ort persönliche Eindrücke von den täglichen Herausforderungen, mit denen die Ärzte und Arzthelferinnen zu kämpfen haben. Auf Christin Beckers Frage an Dr. Kroll, was er denn als erstes verändern würde, bekam die Landtagskandidatin ohne Umschweife die Antwort: „Bürokratie abbauen!“. Auch die Aussagen der Arzthelferinnen lassen tief blicken auf die Mängel in unserem Gesundheitssystem. „Ich habe schon länger nicht mehr das Gefühl, dass ich als Arzthelferin den Job machen kann, für den ich mich entschieden habe“, bekommt Becker als Antwort auf die Frage hin, was eine Ursache sein kann, dass sich immer weniger junge Menschen für die Ausbildung als Arzthelfer*in bzw. medizinische Fachangestellte*r entscheiden. „Wenn wir nicht so ein tolles Team wären, wüsste ich nicht, ob ich den Job bis zur Rente machen möchte“ erzählt eine weitere medizinische Fachangestellte der Landtagskandidatin, bevor sie eine Rückfrage des 60. Anrufers an diesem Vormittag beantwortet.

Praxismanagerin Melanie Awater gibt Becker einen Einblick in die Herausforderungen der Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Vereinigung und Rankings zur Wirtschaftlichkeit von Arztpraxen. Ein Brief der kassenärztlichen Vereinigung erreichte die Praxis am 20.01.2022 mit dem Hinweis, dass rückwirkend ab dem 1.1.2022 andere Vorgaben zur Abrechnung einzuhalten sind. Da dies nicht nachträglich zu korrigieren ist, können diese erbrachten Leistungen nicht für die Praxis erstattet werden. Dr. Kroll erklärt, dass solche Vorgänge zu Lasten der Praxen keine Seltenheit sind. Generell kritisiert er: „Ein Sozialsystem, das mehr Geld für die Verwaltung von Beiträgen seiner Versicherten ausgibt als für deren hausärztliche Versorgung, muss reformiert werden.“ Ernüchtert stellt Christin Becker fest, dass dieses Zitat aus einer Veröffentlichung von Dr. Kroll aus 2012 stammt.


Ein Blick in das Sozialgesetzbuch bestätigt die Berechtigung der kritischen Aussage: § 12 SGB V Wirtschaftlichkeitsgebot

(1) Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten. Leistungen, die nicht notwendig oder unwirtschaftlich sind, können Versicherte nicht beanspruchen, dürfen die Leistungserbringer nicht bewirken und die Krankenkassen nicht bewilligen.


Die aus 1982 stammende Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) wurde zuletzt am 09.02.1996, also vor mehr als 25 Jahren angepasst. Auf der anderen Seite steigen die Kosten und Belastungen, die eine Hausarztpraxis zu tragen hat, stetig: die Lebenshaltungskosten haben sich seit 1996 um fast 50% erhöht.

„Wir können doch unsere Hausärzte nicht nur an ihrer Wirtschaftlichkeit messen. Wer zudem einen Landarzt mit vielen älteren Patienten und langen Anfahrtswegen mit einer Arztpraxis in einer Großstadt vergleicht, kann auch Äpfel mit Birnen vergleichen“, bezieht Becker kritisch Stellung zum Ranking von Hausarztpraxen.

Im SPD-Regierungsprogramm zur Landtagswahl gehört das Thema einer besseren und zukunftsfesten Gesundheits- und Pflegeversorgung zu den Schwerpunktthemen. Dazu gehört für Becker vor allem: „Wir müssen wieder die Menschen in den Mittelpunkt stellen. Dazu zählen Patienten, Ärzte und alle Menschen, die im Gesundheits- und Pflegesystem arbeiten.“ Dass diese Forderung auch finanzierbar sein muss, ist Becker bewusst. Aber aus ihrer Sicht muss sich der Blick und die Perspektive zunächst ändern, um nachhaltige Lösungen zu finden.

Gefragt, was sie denn antreibt, ein Tagespraktikum vor Ort zu machen antwortet die 40-jähtige SPD-Kandidatin: „Die Eindrücke, die ich heute in den echten Gesprächen bekommen habe, kann keine theoretische Diskussion ersetzen. Ich bin der Praxisklinik Kleve mit ihrem großartigen Team sehr dankbar dafür.“

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