Sandra Franz, Leiterin NS-Dokumentationsstelle, Hans-Jörg Richter, Leiter Hannah-Arendt Gymnasium, Oberbürgermeister Frank Meyer und Katharina Richter, Lehrerin und Organisatorin (Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, Dirk Jochmann)

Krefeld. Schüler des Hannah-Arendt-Gymnasium gedenken

Der 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. An diesem Tag wurde 1945 das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von sowjetischen Soldaten befreit. Mehr als eine Million Tote in Auschwitz, etwa sechs Millionen ermordete Juden insgesamt, dazu hunderttausende Sinti und Roma, Homosexuelle, kranke und behinderte Menschen, Zwangsarbeiter und weitere Opfer, die als „minderwertig” oder als „unwertes Leben” galten, wurden in den Konzentrationslagern getötet. Schüler des Hannah-Arendt-Gymnasiums haben sich unter dem Titel „Ich will verstehen!” zum Gedenktag für die Opfer von Krieg, Diktatur und Gewalt intensiv mit dem Thema beschäftigt und die Gedenkstunde vorbereitet. Sie richteten ihren Blick dabei auch auf Vertreibung und Diskriminierung in der Gegenwart. Oberbürgermeister Frank Meyer erinnerte an die Wannsee-Konferenz, die vor 80 Jahren in Berlin stattfand.

Frank Meyer: “Sie hätten erkennen müssen, dass sie ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf den Weg brachten.”

„Am 20. Januar 1942 kommen 15 hochrangige Vertreter des nationalsozialistischen Regimes in einem Konferenzraum zusammen: In einer Villa am Wannsee planen sie in ruhiger, sachlicher Atmosphäre die sogenannte „Endlösung” – die systematische Vernichtung aller Jüdinnen und Juden in Europa”, so Frank Meyer. Zu diesem Zeitpunkt werden bereits Menschen massenhaft getötet, unter anderem bei Erschießungen von den Einsatzgruppen hinter der Ostfront. Bei der nur gut 90-minütigen Wannsee-Konferenz wurde dann ein neuer organisatorischer Rahmen gesteckt. „Wer die Protokolle dieser Konferenz liest oder den bemerkenswerten aktuellen Fernsehfilm des ZDF sieht, der glaubt, dem Bösen in Menschengestalt direkt ins Auge zu blicken: Wir stehen fassungslos vor so viel Kaltblütigkeit. Und doch wirken die 15 Männer, die fast genau vor 80 Jahren zusammentrafen, nicht wie Psychopathen, nicht wie Monster – monströs ist das, was sie sagen und tun”, sagt der Oberbürgermeister. Die Männer, die damals den Plan zur „Endlösung” entwickelten, waren Täter der schlimmsten Sorte. „Sie hätten erkennen müssen, dass sie ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf den Weg brachten”, so Frank Meyer.

Albert Behr aus Krefeld

Ein Opfer dieses verbrecherischen Plans wurde Albert Behr aus Krefeld. Die Schüler des Hannah-Arendt-Gymnasiums widmeten sich in der Gedenkstunde besonders seiner Biographie. Er wuchs bei seinen Großeltern in Krefeld auf, die Eltern sind früh verstorben. Als Schüler besuchte er das spätere Fichte-Gymnasium, heute Teil des Hannah-Arendt-Gymnasiums. Bei seiner Anmeldung 1934 zur Reifeprüfung, dazu mussten die Schüler einen handschriftlichen Lebenslauf verfassen, schrieb er, dass er Ingenieur werden wolle, es jedoch schwierig sei, als Nicht-Arier eine Ausbildung in Krefeld zu bekommen. Er nahm dann bei Verwandten in Leipzig eine Stelle an. Von dort wurde er zunächst in das Konzentrationslager Theresienstadt und später nach Auschwitz deportiert. Mit 28 Jahren wurde er 1943 dort ermordet. Es existiert kein Foto von ihm. Schüler haben einen Stolperstein für Behr gestiftet, der am Ostwall 147 ins Straßenpflaster eingelassen wurde, seinem letzten Wohnort in Krefeld.

Hannah Arendt

Neben der Biographie von Albert Behr beschäftigten sich Schüler unter anderem mit dem Thema Vertreibung in einem Kunstkurs. Ein Leistungskurs Geschichte setzte sich mit dem Eichmann-Prozess auseinander. Da es sich bei der Gedenkstunde um die erste größere Veranstaltung des neuen Hannah-Arendt-Gymnasiums (Zusammenschluss von Fichte- und Arndt-Gymnasium) handelte, widmeten sich die Schüler auch dem Leben der Namensgeberin. Sie wurde vor allem durch ihre Berichterstattung über den Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem bekannt. Ihr Zitat „Ich will verstehen” aus einem Gespräch mit dem Journalisten Günter Gaus in der TV-Sendung „Zur Person” (1964) wählten die Schüler als Leitsatz der Gedenkstunde aus.

Beitrag drucken
Anzeigen