v.l.: Essens Kulturdezernent Muchtar Al Ghusain, TUP-Geschäftsführerin Karin Müller, die designierten Intendantinnen Selen Kara und Christina Zintl sowie TUP-Aufsichtsratsvorsitzende Barbara Rörig (Foto: © Volker Wiciok)

Essen. Erstmals zwei Intendantinnen als Doppelspitze am Essener Sprechtheater

Selen Kara und Christina Zintl werden in einer gleichberechtigten Doppel-Intendanz neue Intendantinnen am Schauspiel Essen. Die Entscheidung für dieses Leitungsduo traf der Aufsichtsrat der Theater und Philharmonie Essen (TUP) einstimmig in seiner heutigen Sitzung. Kara und Zintl treten im Sommer 2023 die Nachfolge von Christian Tombeil an, der dann das Schauspiel Essen 13 Jahre lang geleitet hat. Der Vertrag von Kara und Zintl läuft fünf Jahre bis zum Ende der Spielzeit 2027/2028. Selen Kara ist erfolgreiche freischaffende Regisseurin (u. a. Schauspielhaus Bochum, Nationaltheater Mannheim) und hat einen Schwerpunkt auf transkulturelle Projekte. Christina Zintl ist erfahrene Dramaturgin mit Leitungsfunktion an großen Theaterhäusern (u. a. Staatstheater Nürnberg, Düsseldorfer Schauspielhaus), aktuell am Staatstheater Darmstadt. Viele Jahre war sie beim Berliner Theatertreffen als Leiterin des Stückemarkts und Dramaturgin für die Programmentwicklung des Festivals tätig.

Beide Intendantinnen verantworten als gleichberechtigte Doppelspitze die Leitung des Schauspiel Essen künstlerisch wie organisatorisch gemeinsam. Die Zuständigkeiten innerhalb des Hauses werden so geteilt sein, dass sich Selen Kara vornehmlich um den Produktionsbereich und Christina Zintl mehr um Dramaturgie und Verwaltungsbelange kümmern wird.

Die Suche nach einer neuen Intendanz hat ein sechsköpfiger Arbeitsausschuss aus dem Aufsichtsrat der TUP unterstützt.

„Mit der Entscheidung, zwei junge und erfahrene Theatermacherinnen als gleichberechtigte Intendantinnen zu berufen, gehen wir in Essen neue Wege“, freut sich Barbara Rörig, die Vorsitzende des TUP-Aufsichtsrates, über die Wahl von Selen Kara und Christina Zintl. „Beide repräsentieren in idealtypischer Weise die zeitgenössische Entwicklung des Theaters und verfügen über bereits umfangreiche Erfahrungen und überregionale Anerkennung in der deutschen Theaterlandschaft. Beide legen Wert auf einen dialog- und beteiligungsorientierten Führungsstil und suchen die Kooperation mit den anderen Sparten der Theater und Philharmonie Essen. Theater für Kinder- und Jugendliche, die sozialen Herausforderungen einer Ruhrgebietsstadt, die Anforderungen an Digitalität und Nachhaltigkeit sind Teil ihrer Konzeption und sollen im Dialog mit der Stadtgesellschaft entwickelt und gestaltet werden.“

„Die Vorstellungen von Selen Kara und Christina Zintl von Öffnung und Diversität sowie die interessanten Regisseur*innen, die sie engagieren wollen, versprechen spannende Perspektiven für das Schauspiel in Essen“, erläutert der Essener Kulturdezernent Muchtar Al Ghusain.

„Wir freuen uns sehr auf unsere neue Aufgabe an diesem traditionsreichen und besonderen Theater. Essen ist eine Stadt, die uns vertraut ist und uns mit ihrer Vielfalt und Dynamik im Wandel fasziniert. Wir fühlen uns geehrt, als Teil der TUP-Familie an der Weiterentwicklung der Stadtgesellschaft in Zukunft künstlerisch mitwirken zu können“, so Selen Kara und Christina Zintl nach der Entscheidung des Aufsichtsrates.

Ausgehend von der Frage „Für wen machen wir Theater?“ haben Kara und Zintl eine gemeinsame Vision für das Schauspiel Essen entwickelt. Sie heißt: „EIN NEUES DEUTSCHES THEATER – DAS GRILLO FÜR ALLE“:

„Wir wollen für ein Theater einstehen, das das Bestehende erweitert – mit diversen Künstler*innen, Stücken, Themen und Orten, so dass sich die vielfältige Essener Stadtgesellschaft mit ihren Geschichten und Perspektiven repräsentiert und gemeint fühlen kann. Zum klassischen Kanon, der weiterhin wichtiger Teil des Spielplans sein soll, kommen neue Geschichten und Perspektiven dazu, die für uns im deutschsprachigen Theater noch nicht ausreichend gezeigt werden. Wir möchten ein neues gesellschaftliches ‚Wir‘ befördern, indem wir Vielheit als Selbstverständlichkeit behandeln. Die neuen, vielfältigen Geschichten kommen vor allem durch verschiedene Perspektiven auf die Bühne: diverse Künstler*innen, zeitgenössische Dramatik, Roman- und Filmbearbeitungen, aber auch Geschichten, die wir recherchieren, u. a. in Projekten im Stadtraum. Hierfür planen wir ‚Artists in Residence‘- Programme.

Wir wünschen uns, dass wir in drei Jahren durch das Theaterfoyer gehen und ein Publikum begrüßen dürfen, das ebenso divers ist wie die Stadtgesellschaft.

Zugänglichkeit herzustellen wird zentral sein für unsere Arbeit und wir wollen sowohl unseren musikalischen Schwerpunkt als auch Fragen der Digitalität und der Nachhaltigkeit immer wieder unter diesem Aspekt betrachten.

Wir möchten nicht nur die Geschichten vielfältiger gestalten, sondern auch neue Räume für das Schauspiel Essen erschließen und das Theater zur Stadt hin öffnen. Mindestens ein großes partizipatives Projekt im Stadtraum wollen wir dazu pro Spielzeit durchführen.

Neben den neuen Geschichten und Perspektiven glauben wir an ein starkes Ensemble, mit dem wir einen engen Austausch in der Programmplanung führen möchten. Wir suchen gemeinsame Theaterarbeit auf Augenhöhe mit allen am Theater Beschäftigten. Wir begreifen das Theater als ‚Schule der Empathie‘ und sehen die faire, demokratische Aushandlung von pluralen Perspektiven als DIE Aufgabe der Zukunft. Wir suchen auch hier Synergien in der Vielfalt und glauben daran, dass dadurch ein Theater entstehen kann, das mutig und spielerisch ist, die Gegenwart in ihrer Komplexität annimmt und sich mit den Fragen der Zukunft auseinandersetzt.

Bei der Diversifizierung des Theaters ist uns ein junges Publikum besonders wichtig – wir planen die Erweiterung des Kinder- und Jugendtheaters, insbesondere wollen wir dabei am Abbau von Sprachbarrieren arbeiten. Aus eigener Erfahrung wissen wir, wie wichtig der Erstkontakt mit dem Theater ist.

Wir sehen unsere Arbeit als Weiterentwicklung des Bestehenden innerhalb eines gesamtgesellschaftlichen Strukturwandels. ‚Practice, what you preach‘ ist dabei unsere Maxime. Das wollen wir auch nach innen umsetzen: Stärke erreichen wir durch Vielfalt und respektvolle Kommunikation. Unser Anspruch ist es dabei in flachen Hierarchien intersektional gerecht zu agieren und aktiv gegen strukturelle Diskriminierungen anzugehen. Unsere Doppel-Intendanz steht genau dafür: Wir glauben daran, dass man gemeinsam und in Aushandlungsprozessen bessere Ergebnisse erzielt als allein.

Unsere Arbeitsweise basiert auf Austausch, Transparenz, Wertschätzung und gemeinsamer Weiterentwicklung. Wir wollen auf Augenhöhe mit der gesellschaftlichen Entwicklung sein. Aus unserer langjährigen Erfahrung im Theater glauben wir an kooperative Prozesse und können hierfür ein großes Netzwerk in der Theater- und Kulturszene nutzen. Wir sind eine gleichberechtigte Doppelspitze, das heißt, dass wir alle Entscheidungen als Team gemeinsam treffen und verantworten. Dabei haben wir in unseren Bereichen Regie und Dramaturgie unterschiedliche Schwerpunkte, auf die wir uns in der täglichen Arbeit konzentrieren.“

 



Selen Kara
, erfolgreiche Regisseurin, ist bekannt für transkulturelle Projekte für verschiedene Publikumsschichten. Sie arbeitet regelmäßig an renommierten Theatern wie dem Theater Bremen, dem Nationaltheater Mannheim und dem Schauspielhaus Bochum, wo sie gemeinsam mit Torsten Kindermann Projekte wie „Istanbul“ und „Mit anderen Augen“ erfolgreich entwickelt und inszeniert hat. Ihre Inszenierung „I love you, Turkey“ am Staatstheater Nürnberg wurde 2020 zum Regie-Nachwuchs-Festival RADIKAL JUNG am Münchner Volkstheater eingeladen. Seit 2021 ist Selen Kara Mitglied in der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste.
Mit Essen ist Selen Kara familiär verbunden. Ihre Großeltern kamen als Gastarbeiter*innen in den frühen 60ern aus der Türkei nach Essen Katernberg.

Das Grillo-Theater hat für sie einen besonderen Stellenwert, da es das erste Theater war, das sie als Schülerin besuchen und erleben durfte. Hier ist bei ihr die Motivation entstanden, ihre familiäre Welt mit dem Theater zu verbinden und die deutsche Kulturlandschaft mitzugestalten.

 

Christina Zintl, geboren und aufgewachsen in Bonn, war langjährige Künstlerische Leiterin des Stückemarkts und Dramaturgin des Theatertreffens (Berliner Festspiele). Sie ist erfahrene Dramaturgin und arbeitete an bekannten Theaterhäusern, u. a. am Düsseldorfer Schauspielhaus, am Bayerischen Staatsschauspiel und am Staatstheater Nürnberg; an diesen Häusern hat sie in unterschiedlichen künstlerischen Positionen und Leitungspositionen gearbeitet, u. a. als Geschäftsführende Dramaturgin/Mitglied der Schauspielleitung des Staatstheaters Nürnberg. Aktuell arbeitet sie als Dramaturgin und Mitglied des Leitungsteams in einem Langzeitprojekt zur Diversifizierung am Staatstheater Darmstadt. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Zeitgenössische Dramatik sowie die Öffnung der Institution Stadttheater hin zur Stadtgesellschaft – insbesondere durch den Abbau von Barrieren und Ko-Kreationsprozessen.

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