Carlo Stockheim (Foto: Heike Herbertz)

Korschenbroich/Neuss/Neukirchen-Vluyn. Carlo Stockheim absolvierte die Abschlussklasse 10 der Kardinal-von-Galen-Hauptschule in Neuss als Jahrgangsbester. Dass er sich dann entschloss, „Bauarbeiter“ zu werden, stieß in seinem Bekanntenkreis auf viel Unverständnis – „aber es war die richtige Entscheidung, diesen Weg zu gehen, da mir der Beruf immer noch sehr viel Spaß macht. Ich persönlich liebe es, Baustellen zu leiten, Personal zur richtigen Zeit am richtigen Ort einzusetzen, Material passend liefern zu lassen und Probleme beim Bauen zu lösen.“

Seine Ausbildung begann er 1992 bei der Firma Holstein Tiefbau in Düsseldorf. Parallel „baute“ er in Abendschule sein Fachabitur. Und damit nicht genug: Es folgte 1999 die Fortbildung zum Geprüften Polier, 2012 die Fortbildung zum Zertifizierten Bauleiter und dann 2018 die Straßenbaumeisterschule bei der HWK Düsseldorf. Und das alles mit einer starken Frau an seiner Seite und fünf Kindern. Ganz nebenbei baute er selber noch ein Haus für sich und seine Familie – vom Kelleraushub bis zum Dachdecken. Energie pur.

Dennoch: Die Meisterschule in Abendform neben Arbeit und Familie hat Carlo Stockheim als eine große Herausforderung empfunden. Die Pandemie hat ihn dann zusätzlich belastet. „Wir hatten fünf Kinder in Homeschooling – und dann mich auch noch im Homeschooling. Die Belastung für alle war extrem bis grenzwertig hoch. Die Ehrenurkunde müsste meine Frau bekommen, für ihren Einsatz und ihr Durchhaltevermögen in dieser schweren Zeit.“

Seine praktische Meisterprüfung, die drei Tage dauerte: der Bau einer Verkehrsinsel. Der durch den Online-Unterricht viel schwerer vorzubereitende Teil der Prüfung bestand darin, eine Straße umzuplanen, am Computer zu zeichnen, ein Leistungsverzeichnis aufzustellen, Preise zu kalkulieren und ein Angebot abzugeben, welches in der mündlichen Prüfung erläutern werden musste. Die Prüfungsanforderungen wurden trotz der widrigen Umstände nicht abgesenkt. „Aber alle Beteiligten, die Klasse und die Dozenten, haben nicht aufgegeben, und so haben wir auch dieses Kapitel erfolgreich beendet.“

Und was denkt der Bestmeister über die Nachwuchsproblematik? „Junge Menschen verbringen leider nicht mehr so viel Zeit in der Natur. Alles muss online gehen. Viele können ihre Interessen nicht entdecken, da sie gar nicht wissen, dass es diese gibt. Arbeiten mit Sand, Steinen, etwas Dauerhaftes herzustellen – das müsste in den Schulen deutlich mehr gefördert werden. Die Freude zu erleben, auf einer gepflasterten Terrasse zu stehen, ist etwas ganz Besonderes und im Büro nicht zu bekommen.“

Aktuell ist Carlo Stockheim bei der Firma Wilhelm Fenners beschäftigt und versucht dort, so viel wie möglich von seinen erworbenen Kompetenzen einzubringen. Die Zukunft „seines“ Handwerks sieht er mit gemischten Gefühlen. „Zum einen besteht überall Bedarf an Straßenbauern, zum anderen gibt es aber seit Jahren keinen Nachwuchs. Diese Lücke an Fachkräften wird auf Kosten der Qualität durch nicht geschultes Personal gefüllt.“

Wie in seiner gesamten Laufbahn hat der Neusser immer Projekte neben seinem Beruf gestartet. Und das soll auch so bleiben. „Es gibt noch so vieles, das ich erreichen möchte. Ich denke, das nächste Projekt kommt bestimmt. Welches genau, wird sich noch zeigen – es wird auf jeden Fall interessant.“

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