Sprödentalplatz um 1930 (Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation)

Krefeld. Vor fast 100 Jahren mussten Besucher noch Eintritt zahlen

Die Kirmestradition in Krefeld reicht weit zurück, und vor dem Sprödentalplatz gab es andere beliebte Festplätze in der Stadt: Der Karlsplatz, die Hochstraße, der Friedrichsplatz, die Carl-Wilhelm-Straße und der Ostwall. Mit der Erlangung der Stadtrechte 1373 durften in Krefeld auch Jahrmärkte veranstaltet werden. Noch bis 1817 wurde von drei solcher alt hergebrachten Märkte berichtet: zu Lichtmeß am 2. Februar, dem früheren Ende der Weihnachtszeit, zu Christi Himmelfahrt und der Lampenmarkt am 21. September. Diese Tradition verschwand zwischen 1858 und 1893. Dafür gab es neue Kirmesfeste und -plätze. Zwischen der Hochstraße und dem Friedrichsplatz konnten die Krefelder bis 1828 Karussell fahren oder wilde Tiere wie eine „Boa Constricor” bestaunen, die als der „Erwürger von Senegal” beworben wurde. Warum sich das Kirmestreiben dann auf die Carl-Wilhelm-Straße verlagerte, ist nicht klar. Die reizvolle Lage vor dem Stadtschloss, dem heutigen Rathaus, zog jedenfalls die Bevölkerung an. Bis 1861 wurden dort die Verkaufsbuden und Fahrgeschäfte aufgebaut. Neben Waren aus Paris und Berlin faszinierten Degen- und Feuerschlucker das Publikum. Schließlich siedelte die Stadt das Jahrmarktsvergnügen auf dem Karlsplatz an, auf dem sich heute das Kaiser-Wilhelm-Museum befindet. Der Karlplatz diente fortan in Krefeld als zentraler Veranstaltungsplatz: Zirkusse, Wochen- und Jahrmärkte bauten dort ihre Zelte und Buden auf.

Aufregende Vorabgeschichten in Krefelder Zeitungen

Die Krefelder Zeitungen begleiteten die Jahrmärkte häufig mit aufregenden Vorabgeschichten, was das Interesse der Bevölkerung bereits beim Aufbau der Jahrmärkte entfachte. So hämmerten und sägten 1859 Schausteller an einer „Arche” auf dem Karlsplatz mit Affen und anderen exotischen Tieren. Das Publikum konnte 1892 den „original Englische Edison-Phonographen” ausprobieren: Die Besucher bekamen Gummischläuche in die Ohren gestopft und hörten dann das Londoner Sinfonieorchester. Gegen einen kleinen Geldbetrag durfte man auf eine Wachsrolle seine Stimme aufnehmen und sich diese anschließend anhören. Nach dem Tod Kaiser Wilhelms I. entbrannte um den Karlsplatz ein heftiger Streit zwischen den Kirmesbefürwortern und der Fraktion, die dort zur Ehre und Erinnerung an den Monarchen ein Denkmal samt Museum errichten wollten. Die Stadtverordnetenversammlung entschied sich mit einer namentlichen Abstimmung bei 16 zu zehn Stimmen für das Museum.

Von 1894 bis 1924 gab es ein Verbot von Kirmesverstanstaltungen in Krefeld

Mit dem Bau des Museum 1894 endete vorerst die Kirmestradition in der Samt- und Seidenstadt. Dazu kam von 1894 bis 1924 ein Verbot von Kirmesveranstaltungen in Krefeld. Ein einheitliches Verbot existierte im Rheinland zwar nicht, dennoch gab es auch in anderen Städten eine solche Vorgabe. Erst 1924 wurde der Sprödentalplatz für derartige Vergnügen hergerichtet. Der Platz lag einst vor den Toren der Stadt, ein sumpfiges Areal, in das auch die Abwässer der Krefelder floss. Dr. Josef Olivier Massot, Rechtsanwalt, Poet, Sprachlehrer und Gartenfreund, erwarb Anfang des 19. Jahrhunderts das Areal. Dort ließ er einen Park mit Fischweihern angelegen, in dem er unter anderem Spargel und Wein anbaute. Die Bezeichnung „Sprödental” soll übrigens auf ihn zurückgehen. Die als Damm aufgeschüttete Uerdinger Straße wurde erst 1811 durch dieses Gebiet gebaut. Mit seinem Tod versumpfte das Gebiet wieder und konnte erst mit der Kanalisation 1874 trockengelegt werden.

Seit 1924 ist die Kirmes am Sprödentalplatz

Als Veranstaltungsort wurde der Platz 1911 erstmals genutzt. Dort fand für zwei Monate eine Gewerbe-, Industrie- und Kunstausstellung statt – seit 1924 die Kirmes. Dass die Generation der Ur-Großeltern für das Spektakel auf dem Sprödentalplatz noch Eintritt zahlen musste, sorgte 1931 für einen heftigen Streit: Eine totale Mondfinsternis war das Ereignis in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1931 am Krefelder Nachthimmel. Manche Kirmes-Wahrsagerin hätte dieses kosmische Himmelschauspiel durchaus als ein schlechtes Omen prophezeiten können, angesichts der dramatischen Umstände einige Tage später auf dem Sprödental-Kirmesplatz. Denn zwischen der städtischen Verwaltung und den Schaustellern eskalierte während des Volksfestes ein Streit um die Eintrittsgelder. Die Buden- und Fahrgeschäfteinhaber begannen einen Streik. Die Stadt drohte mit der sofortigen Schließung der Kirmes und stellte ihnen ein Ultimatum. Dabei fing alles ganz harmlos an, mit einer Anzeige in der Schaustellerzeitschrift „Komet”.

Abnormalitäten-Show auf dem Sprödentalplatz

Die Akten im Stadtarchiv Krefeld über die Organisation der Frühjahrs- und Herbstkirmes zeichnen sich Jahr für Jahr durch Routine aus. Formblätter, Kassierer- und Kontrolleurslisten, Standpläne, Einnahmen aus Eintrittsgeldern und Standgebühren sowie Anzeigentexte. Standardisiert warb die Stadt im Mai 1931 im „Komet” für die Herbstkirmes: „Es werden nur einwandfreie und erstklassige Schaugeschäfte zugelassen. […] Von der Zulassung sind ausgeschlossen: Glücksspiele aller Art, ferner Ausspielungen von Geld einschl. Spielautomaten, Fahrrädern, Lebensmitteln, Genussmittel wie Schokolade, Zigaretten usw. sowie lebender Tiere und Taschenuhren.” Bald erreichten die Stadt entsprechende Angebote. So durften sich die Besucher freuen auf eine Abnormitäten-Show, mit den kleinsten und dicksten Menschen, exotische Tiere, eine magische Attraktionen-Schau, ein Original Kölner Hänneschen-Theater sowie eine Rodelbahn, ein Hippodrom sowie ein „Tanz-Zelt mit großem Orchester”. Insgesamt 49 Schausteller aus Krefeld, Düsseldorf, Köln, Ruhrgebiet und Erfurt bauten dann im Herbst ihre Buden an der Ecke Grenz- und Uerdinger Straße auf.

Damit die Kirmes auch auf einem ordentlichen Platz stattfinden konnte, hatte die Stadt schon für die Frühjahrkirmes die Wege befestigen lassen. Der Krefelder Generalanzeiger vom 25. September 1931 berichtete: „Mit nicht geringen Kosten hat man den Messeplatz am Sprödental einer gründlichen Erneuerung unterzogen, die es möglich macht, dass nunmehr einwandfreie Wege selbst bei schlechter Witterung vorhanden sind, was bisher zu manchen Unzuträglichkeiten Veranlassung gegeben hat. […] Es ist nicht daran zu zweifeln, dass trotz allen wirtschaftlichen Nöten, das Volksfest wieder einen lebhaften Zuspruch aus den Kreisen der Bevölkerung erhält, umso mehr, als man sich dort für wenig Geld einige angenehme Stunden verschaffen kann.” Denn Eintritt mussten die Besucher trotz Weltwirtschaftskrise an allen Tagen bezahlen. Die Einnahmen gingen an die Stadt, die vorab 50.000 Eintrittskarten für diese Herbstkirmes drucken ließ.

Harte Zeiten für die Frühjahrkirmes während der Weltwirtschaftskrise

Dass die Zeiten auch für die Schausteller hart waren, lässt sich bereits an der Frühjahrskirmes vom 3. bis 11. Mai 1931 absehen: Für dieses Volksfest ließ die Stadt zwar noch 100. 000 Eintrittskarten drucken. Der Eintritt wurde von 20 auf zehn Reichspfennige gesenkt, Kinder unter 14 Jahren hatten freien Eintritt. In den Akten finden sich einige Bitten von Schaustellern, Anzahlungen für die Standgebühr erst später zu bezahlen. Und die große Attraktion auf der Sprödental-Kirmes, die Gropengießer Achterbahn, erteilte sogar eine Absage: Die Geschäftslage sei augenblicklich derartig schlecht, dass man nicht einmal die Frachtkosten von rund 4.000 Reichsmark einnehmen werde. Für eine 90 Quadratmeter Fläche blieben somit noch Plätze frei, so dass zwei Krefelder Beamte eine Dienstreise nach Essen antraten, um Schausteller auf der dortigen Kirmes zu werben. Einen Ersatz für die Achterbahn fanden sie jedoch nicht.

10 Pfenning kostete der Eintritt

Die Herbstkirmes 1931 begann wie vorgesehen. Doch am Mittwoch, 30. September, erschienen Schausteller bei der zuständigen Gewerbepolizei, um wegen der Stand- und Eintrittsgelder zu verhandeln. Es gebe aber nichts zu verhandeln, so Vertreter der Stadt, weil man schon im Frühjahr mit den Eintrittsgeldern von 20 auf zehn Pfennige entgegengekommen sei. Ein Stadtbeamter notierte, dass die Schausteller mit einer Versammlung auf dem Sprödentalplatz drohten. „Sie ließen hierbei deutlich durchblicken, dass unter Umständen die Geschäfte nicht aufgemacht würden”, steht in der Akte. Der Beamte ermahnte die Schausteller, dass für einen Streik der Mittwoch, der Kindertag, der wohl ungeeignetste Tag sei. Und der Beamte drohte seinerseits, dass die Stadt bei einem Streik das Volksfest absagen und den Verlust die Schausteller tragen müssten.

Streik auf der Kirmes

Die verhärteten Fronten ließen es an diesem Tag auf eine Eskalation ankommen. Eine erste Versammlung der Schausteller fand statt, und kein Geschäft öffnete um 14 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt schlenderten bereits rund 1.000 Besucher in den Gassen zwischen den Buden, und deren Stimmung verschlechterte sich von Minute zu Minute. Die Leute verlangten inzwischen ihr Eintrittsgeld zurück, wurden gegenüber städtischen Bediensteten auch handgreiflich. Die Zugänge ließ die Stadt nun sperren, vor denen sich dann immer mehr Menschen ansammelten. Dann erhielten die städtischen Vertreter auf dem Festplatz die Nachricht, den Schaustellern ein Ultimatum zu stellen: Binnen zehn Minuten sollten alle Geschäfte öffnen, sonst würde die Kirmes komplett abgebrochen.

„Meine Mitteilung ließ die Schausteller völlig kalt, sie lachten vielmehr darüber”, berichtete ein Beamter. Sie verlangten vielmehr eine 50-prozentige Ermäßigung auf ihre Standgelder. Doch nach einer weiteren Versammlung der Kirmesleute kam endlich Bewegung in die Sache. Untereinander waren sich die Geschäftsinhaber längst nicht mehr einig, so dass die Fahrgeschäfte sowie Buden mittags um 16.30 Uhr doch geöffnet wurden. Der Streik war beendet, und rund 7.300 Besucher strömten auf den Platz, gut 75 Prozent davon Kinder. Der Krefelder General-Anzeiger berichtete über den Streik: Die Schausteller hätten für den Mittwochnachmittag den Verzicht auf Eintrittsgelder verlangt. Die Stadt wollte jedoch nicht auf den Eintrittsgroschen verzichten, „indem dass die angespannte Finanzlage der Stadt gebieterlich den Eingang dieser Eintrittsgelder zur Erfüllung der unbedingt erforderlichen Aufgaben erfordere”, steht es in dem Zeitungsartikel. Und: „Später haben die Budenbesitzer den Laden wieder aufgemacht, weil sie doch was verdienen mussten.”

Das Thema „Eintrittsgeld” verschwand allerdings nicht vom Tapet. Nach einem Schaustellerschreiben im Frühjahr 1933, seitens der Stadt ganz auf die Eintrittsgelder zu verzichten, wurde zumindest verfügt, dass nur noch am Sonntag, Mittwoch und Donnerstag zehn Reichspfennige Eintritt bezahlt werden mussten. Alle übrigen Tage seien frei. Seit wann genau kein Eintritt mehr verlangt wurde, ist noch offen. Weitere Informationen über die aktuelle Kirmes gibt es auf www.krefeld.de/sproedentalkirmes.

 

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