(Foto: uw/jo)

Duisburg. Vulkanstein-Muttergottes steht für Nähe zu begrabenen Kindern

„Die moderne Madonna mit dem Kind ist mit ihrem Sockel sicher 600 Kilo schwer. Diabas-Vulkangestein hat eben sein Gewicht.“ Über eine Bau-Rampe fährt Steinmetzmeister Martin Rötter via Spezial-Sackkarre die sorgsam befestigte Marien-Plastik am Hamborner Abteifriedhof auf ihren Sockel. Vier Männer, seine Kollegen vom Steinmetzbetrieb Georges, umarmen jetzt die neue Muttergottes vom Abteifriedhof. Die Steinmetze wissen, warum. Das schwere, vom Rheiner Künstler Joseph Krautwald geschaffene Werk soll optimal ausgerichtet und kontrolliert auf den Speis am Sockel gleiten. Das Vulkangestein-Bildnis wurde der Pfarrei für den im ältesten Teil neben der Kirche mehr als 1000 Jahre alten Friedhof gespendet.

Jetzt steht sie an dem neuen Gräberfeld für Kinder. Passend zum Kinder-Grabfeld legt die Maria liebevoll ihren Arm um ihren kleinen Sohn, dessen Kopf sie zugleich an ihre Wange drückt. Nahe der Muttergottes, die ihren Sohn hält, liegen auf dem Friedhofs-Feld schon zwei höchst jung verstorbene Kinder.

Jetzt sollen weitere Eltern die Gelegenheit haben, sie nach dem schlimmen Verlust nahe der Friedhofskapelle zu beerdigen. Liegen können hier auch kleine Menschen, die schon vor ihrer Geburt starben. Alle Eltern haben eins gemeinsam: Sie mussten sich zu früh von den jüngsten Familienmitgliedern verabschieden.

Ein Baum am Rand des Feldes trägt alu-farbene Sterne. Hier ist der Platz für die „Sternenkinder“ genannten Kleinen. Am Baum wehen die Sterne leicht im sommerlichen Wind. Sie erinnern an viel von dem, was kindliches Leben ausmachte und was es für die Eltern der Verstorbenen jetzt noch ist. „Unser Baby wurde still geboren“, schreibt ein betroffenes Paar im Internet. Seine Begleiter ergänzen: „In der Trauerarbeit kann es wichtig sein, in Gedanken und Gesprächen das Kind mit einem Namen anzusprechen.“

Verbindungen, die bleiben und bleibende Liebe symbolisiert das  Krautwald-Kunstwerk in Hamborn. Hildegard Fiebig und ihr gerade verstorbener Mann entschlossen sich vor über einem Jahr, die zunächst auf dem Neumühler Fiskusfriedhof beheimatete Madonna der Hamborner Pfarrei zu spenden. „Das Grab meiner Eltern in Neumühl wurde im Mai nach Ablauf der vereinbarten Liegefrist geräumt“, berichtet die 85-Jährige. Jetzt freut sie sich über die neue Verwendung des Grabbildes ihrer Eltern. „Eltern sehen sie jetzt. Und vielleicht finden sie in ihrer schwierigen Situation Trost.“

Durch die Vorkriegs-Bekanntschaft mit Familie Kuchler, deren Sohn nach 1945 Pastor in Neumühl war, bekamen Fiebigs Eltern näheren Kontakt zu Kuchlers Freund Krautwald. Die Duisburger Maria des Holz- und Stein-Bildhauers entstand in dessen 1951 eröffneten Atelier in Rheine. Bis zu seinem Tod 2003 schuf Joseph Krautwald deutschlandweit Werke für Kirchen und Kapellen sowie Grabsteine.

Am neuen Ort vermittelt die fast lebensgroße Marienfigur Nähe. „Der Bildhauer hat hier bewusst auch die Beziehung von Eltern und Kindern schöpferisch gestaltet“, sagt Abt Albert Dölken, Pfarrer von St. Johann. Das neue Kinderfeld soll auch ein Ort zum Verweilen und zum stillen Gebet werden. „Hier kann sich so mancher in Freud und Leid der Gottesmutter Maria wiederfinden.“

Trauernde und Hinterbliebene haben heute recht individuelle Vorstellungen von der Gestaltung eines Grabes. So wird es im neuen Kinderfeld Gräber zur Selbstpflege geben, sowohl auf begrenzte Zeit (Reihengrab), als auch mit der Möglichkeit zur Verlängerung (Wahlgrab). Zu Füßen der Madonna werden pflegefreie Gräber angelegt, um die sich die Kirchengemeinde kümmern wird. Hier sind sternenförmige Grabsteine vorgesehen, zwölf an der Zahl – „von zwölf Sternen umgeben“ wie es in der Offenbarung des Johannes im Neuen Testament (Offb 12, 1-6) heißt. Das kleine Feld unmittelbar hinter der Kapelle ist bereits für still geborene Kinder angelegt worden, die „Sternenkinder“.

Der Abt: „Bei aller Trauer und allem Leid soll hier auch ein Ort neuer Hoffnung entstehen.“ Die Pflanzen hier sollten an Maria erinnern: die Rosen an ihren Gang durch den Dornwald zu ihrer Kusine Elisabeth, die ebenfalls guter Hoffnung war. „Da haben die Dornen Rosen getragen“ erinnert ein Lied. Lilien erinnern an Unschuld, die sie mit den Kindern in besonderer Weise verbindet. Und künftig duftende Kräuter an das Fest Mariä Himmelfahrt, das Katholiken mit der Kräuterweihe am 15. August feiern.

Sternenkinder

Offene Trauergruppen für betroffene Eltern, An- und Zugehörige bietet der Duisburger Sternenkinder e.V. monatlich an; dazu Trauergruppen für Eltern, die eine Folgeschwangerschaft erleben und Austausch suchen. Auch treffen sich Eltern, deren Verlust bereits länger her ist, zwei- bis dreimal im Jahr, um ihrer Trauer und Leben wieder Raum zu geben. Je nach zeitlicher und personeller Möglichkeit bietet er auch Einzelberatungen, Paarberatungen und Familienberatungen an. Im Büro (Kontakt: www.sterenkinder-duisburg.de) kommt wöchentlich mindesten s eine Anfrage nach Todesfällen junger oder ungeborener Kinder, auch aus dem ganzen Bundesgebiet, an.  Bundesweit starben im vergangenen Jahr 2368 Kinder im ersten Lebensjahr, es gab zudem 3422 still geborene Kinder. Der Sternenkinder e.V. ist Engagement Gewinner 2021 der Stiftung Engagement und Ehrenamt. Särge für die gemeinsame Bestattung der Föten (Babys, unter 500 Gramm) werden würdevoll ehrenamtlich vor einer Bestattung bemalt.

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