(Foto: privat)

Emmerich am Rhein. Der ein oder andere mag es schon erblickt haben, das neue Wandgemälde am Steintor 3. Die Wand, die bis vor einiger Zeit noch unscheinbar leer war, zeigt heute ein Motiv aus der Hansezeit mit dem Schriftzug „Hansestadt Emmerich am Rhein“. Emmerich war bereits vor Ende des 14. Jahrhunderts eine Hansestadt und lebte durch den Handel mit den Städten an Rhein und Ijssel. Sie ist Mitglied des internationalen Hansebundes, dem 190 Hansestädte aus 16 Ländern angehören. Zur Hansezeit trug Emmerich am Rhein den glorreichen Beinamen „embrica decora – das prächtige Emmerich“. Von der prächtigen Vergangenheit der Stadt ist heute leider nicht mehr viel zu sehen, denn im Zweiten Weltkrieg wurde Emmerich am Rhein zu 97% zerstört.

Aus diesem Grund versucht die Wirtschaftsförderungs- und Stadtmarketing Gesellschaft seit Jahren die Hanse in Emmerich wieder aufleben zu lassen und sichtbar zu machen, damit die geschichtsträchtige Vergangenheit der Stadt nicht in Vergessenheit gerät. Gemeinsam mit den Städten Kalkar mit Grieth am Rhein, Wesel und Neuss wurde daher 2009 die Rheinische Hanse gegründet. In diesem Städtebund werden verschiedene Projekte zur Sichtbarmachung der Hanse geplant und realisiert. Man präsentiert sich gemeinsam auf den internationalen Hansetagen und gegenseitig auf Hansefesten. Aus diesem Städtebündnis heraus entstand auch die Rheinische Jugendhanse, ein Zusammenschluss aus Jugendlichen, die sich mit dem Thema Hanse beschäftigen und sich untereinander zu verschiedensten Themen austauschen.

Gemeinsam mit den Partnerstädten der Rheinischen Hanse beteiligt sich Emmerich am Rhein an einem INTERREG-Projekt zur grenzübergreifenden Zusammenarbeit von 14 deutschen und niederländischen Hansestädten. Das Projekt „Grenzüberschreitende Zusammenarbeit: Hansestädte – damals und heute“ zielt darauf ab, die Erfahrungen der Hanse durch grenzüberschreitende Kooperationen zu fördern und weiter zu entwickeln. Die Wandmalereien sind ein Projekt von Hanzesteden Marketing in Zusammenarbeit mit Niederrhein Tourismus, Toerisme Veluwe Arnhem Nijmegen und dem Netherlands Bureau for Tourism & Congresses. Im Rahmen dieses Projektes wurden bereits zahlreiche größere und kleinere Projekte realisiert, wie z.B. auch der Hanse-Radweg.

Der neue Hanseradweg ermöglicht das Radfahren entlang der Hansestädte, inklusive einem zusätzlichen interaktivem Erlebnis. Dies ist nun mit dem grenzüberschreitenden Radweg und den Wandmalereien, in denen Augmented Reality angewendet wird, möglich. Augmented Reality ist die virtuelle Erweiterung der Realität um dreidimensional-registrierte und in Echtzeit-interaktive Elemente, die durch das Einscannen von QR-Codes auf den Wandmalereien möglich wird. Der Hansestädte-Radweg  in der Grenzregion Niederrhein, Gelderland und Overijssel ist ein gutes Beispiel für grenzüberschreitende Zusammenarbeit: Entlang von vier deutschen und zehn niederländischen Hansestädten führt der Radweg Radfahrer in deutsche und niederländische Hansestädte. Die gesamte Strecke umfasst von Neuss (D) über 12 weitere Hansestädte bis Harderwijk (NL) insgesamt 450 km und ist in acht Etappen unterteilt. Neben diesen acht Etappen gibt es auch 16 Hanserunden, die durch das Hinterland der Hansestädte führen. Um dieser Route ein zusätzliches Erlebnis zu verleihen, sind in den 14 Hansestädten nicht nur meterhohe Wandmalereien einer alltäglichen historischen Szene mit einem Witz in die Gegenwart versehen, sondern auch durch Augmented Reality in Szene gesetzt und so zum Leben erweckt. So sieht man die Welt der Wandmalerei mit einer zusätzlichen Informationsschicht. Es wird zum Beispiel ein zusätzlicher Händler aus dem Bild auftauchen und die Geschichte der Hansestadt Emmerich am Rhein erläutern.

Das aktuelle Projekt ist die Realisierung von 14 Wandgemälden zum Thema Hanse. Jede der am Projekt beteiligten Hansestädte wird in den kommenden Wochen ein Wandbild erhalten, welches eine Szene aus der Hansezeit darstellt. Bereits im November 2020 begann die Suche nach einer geeigneten Hauswand in Emmerich am Rhein. Dies stellte sich als deutlich schwieriger heraus als gedacht. Es wurde dann die Wand des Gebäudes Steintor Nr. 3 ausgewählt. Die Eigentümerfamilie Huven war sofort begeistert von der Idee und stimmte zu, dass Ihre Wand für das Projekt genutzt werden darf.

Nun ist es auch in Emmerich so weit. Die Wand wurde verputzt, grundiert und mit einem Motiv aus der Hansezeit bemalt. Doch bis dahin war es ein langer Weg – denn das Motiv ist nicht willkürlich gewählt. Hinter der Szenerie steckt eine Geschichte: Hansekaufmann und damaliger Bürgermeister Johann Berck handelt in der Szene mit einem weiteren Kaufmann und Kauffrau um Handelsgut. Handelsgüter waren damals z.B. Fisch, Holz, Wein, Kaffee, Tee oder Wolle. Man denkt dabei z.B. an den Fischerort oder die Wollenweberstrasse.  Abgebildet ist Johann Berck, der im Strandkorb Platz genommen hat, dargestellt von Monika Wirtz, der ehemaligen hauptamtlichen Stadtführerin von Emmerich am Rhein. Monika Wirtz hat viele Jahre lang die Stadt- und Themenführungen in Emmerich geleitet, darunter auch die Hanseführungen als Kaufmann Johann Berck, und sich ganz besonders für die Hanse eingesetzt.

Die Familie Berck zählte um 1500 zu den angesehenen Familien der Stadt. Sie waren Kaufleute und Schiffer und haben dadurch Vermögen und Ansehen erlangt. Der Schöffe Johann Berck wurde 1499 Bürgermeister von Emmerich und gab aufgrund seines Reichtums und knapper Stadtkasse der Stadt ein Darlehen von 1100 Rheinischen Gulden. Heute erinnert noch der Zugang zur Berck‘schen Kapelle in der Martinikirche an den ehemaligen Bürgermeister.

Der zweite Kaufmann auf dem Bild wird dargestellt von Emmerichs Bürgermeister Peter Hinze, der schon einige Hansetage besucht hat und sich der Hansegeschichte Emmerichs bewusst ist. Die Hansekauffrau wird dargestellt von Frau Dr. Manon Loock-Braun, seit mehr als 20 Jahren zuständig für die Tourismusförderung in Emmerich am Rhein und hansebegeistert seit der ersten Stunde.

Aber was haben ein Strandkorb und die moderne Rheinpromenade in einer historischen Handels-Szene zu suchen? Der Standort ist selbstverständlich nicht zufällig gewählt. Die heutige Promeniermeile war zur Hansezeit Warenumschlag- und Handelsplatz. Bei der Realisierung der Wandmalereien war es wichtig, dass die alte Hanse mit der neuen Hanse verknüpft wird, sodass eine lockere, aber doch sichtbare Verbindung zwischen der Hanse-Vergangenheit und der Gegenwart entsteht.

Das Motiv wurde durch ein Fotoshooting gefunden. Dazu wurden zahlreiche Requisiten auf der Promenade in Szene gesetzt und die drei Akteure spielten die Handelsszenen von damals nach. Im Anschluss wurden Fotos gesichtet und zuletzt eines der über 600 Bilder ausgewählt und in eine Malvorlage umgewandelt. Die niederländischen Agentur De Strakke Hand hat dann die Figuren durch ihre Malerei zum Leben erweckt. De Strakke Hand ist ein niederländisches Malerkollektiv von Künstlern, die sich zusammen geschlossen haben, um in allen 14  Hansestädten die großen Wandgemälde zu realisieren.

Die Akteure rund um das Hanseprojekt freuen sich mit der neuen Wandbemalung die Hanse im Stadtbild ein klein wenig sichtbarer zu machen und das Hansebewusstsein der Bevölkerung zu stärken.

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