Azizul mit Karla Heisterkamp: Die Mitarbeiterin der Caritas Kleve war damals für die Integrationsarbeit in der Stadt zuständig. Bis heute hält sie Kontakt zu dem – wie sie findet - begnadeten Koch (Foto: privat)
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Kleve. Azizul Sohag (25) ist als minderjähriger, unbegleiteter Flüchtling 2015 nach Deutschland gekommen. Heute begeistert er als Koch die Menschen. Die Geschichte einer erfolgreichen Integration.

Wenn Azizul Sohag keine Zeit für seinen Käsekuchen hat, dann gehen die Kunden des Klever Biomarktes schon einmal auf die Barrikaden. Azizuls Käsekuchen ist fest und cremig zugleich. Er ist weniger süß, schmeckt ein bisschen nach Zitrone und hat – wie mancher Kunde findet – einen guten und weichen Boden. Doch Konsistenz und Geschmack sind es nicht, die den Kuchen so besonders machen. Es ist wohl vor allem Azizul selbst, der die Menschen fasziniert. Er und seine Geschichte. Wer ihn trifft, der weiß wenig später: Es ist nicht nur alles schlecht in dieser doch so unruhigen und ungewissen Welt.

Rückblick: Es ist Flüchtlingskrise in Deutschland. Tag für Tag strömen Tausende Menschen ins Land. Sie kommen zu Fuß. Sie kommen mit dem Boot. Mit dem Bus. Mit der Bahn. Es sind viele. Sehr viele. Später wird man schreiben, dass in den Jahren 2015 und 2016 mehr als zwei Millionen Menschen in die Europäische Union geflüchtet sind. Diese Massen, diese vielen Bilder, sie machen was mit den Deutschen. Angst. Als Antwort darauf entgegnet Angela Merkel, damals CDU-Bundeskanzlerin, folgenden Satz: „Wir schaffen das.“ Ausgesprochen am 31. August 2015 auf einer Bundespressekonferenz. Unvergessen bis heute.

Azizul Sohag – ja, so kann man es sagen – hat es geschafft! Als 17-Jähriger floh er von Myanmar, das frühere Burma, nach Bangladesch. Von dort aus führte ihn seine Schicksalsreise über sechs, sieben weitere Flüchtlingscamps nach Deutschland. „Ich hatte nichts“, sagt Azizul, der in seinem Heimatland zu einer ethnischen Minderheit gehört. Er berichtet von Plastikhütten, in denen er schlief. Von Fleisch, das er höchstens ein bis zweimal im Monat aß. Er konnte nicht lesen, nicht schreiben. Wenn er all das mit dem Hier und Jetzt vergleicht, kann er sein Glück kaum in Worte fassen. „Ich bin unglaublich dankbar. Ich liebe es, hier zu sein.“

Hier zu sein, das begann im August 2015. Als unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling kam er in der Sporthalle des Berufskollegs des Kreises Kleve an. Dort traf er auch zum ersten Mal auf Karla Heisterkamp. Die Mitarbeiterin des Caritasverbandes Kleve war zu dieser Zeit für die Integrationsarbeit in der Stadt zuständig. „Ich leitete unter anderem eine Kochgruppe mit 33 jugendlichen Flüchtlingen im Kontaktcafé. Azizul stach schon damals sofort heraus“, sagt sie. Er habe schnell Deutsch gelernt, perfekt gekocht. Auch sein späterer Ausbilder, Franz Vierboom vom Caféhaus Niederrhein, denkt noch gerne an die Zeit mit Azizul zurück: „Er ist ein leidenschaftlicher Handwerker. Und es ist wirklich erstaunlich, wie er sich über die Jahre entwickelt hat.“ Franz Vierboom spricht von deutschen Tugenden. Von Fleiß, von vorbildlicher Arbeit. „Und er wusste um seine Probleme, die Sprache, hat Unterstützung eingefordert.“ Noch heute denke sein Team oft an die gemeinsame Zeit zurück. „Kartoffeln fertig” bedeutet seitdem im Caféhaus Niederrhein: Es sind keine mehr vorrätig.

Von der Sporthalle des Berufskollegs zog Azizul Sohag drei Monate später in eine Wohngruppe vom SOS-Kinderdorf Niederrhein. Und er ging zur Schule. „Meine Lehrerin hatte es schwer mit mir“, sagt Azizul. Er konnte kein Englisch, nicht lesen und schreiben. Aber er gab nicht auf, lernte das ABC, die deutsche Sprache. 2017 folgte die Ausbildung zum Koch. Ein Jahr später zog er in seine erste eigene Wohnung. Seit April 2021 – nach einem „kurzen Hickhack“ mit der Ausländerbehörde – arbeitet er als festangestellter Koch für den Biomarkt im Bistro und BioBuddy in der Klever Ober- und Unterstadt. Dort ist er der Chef, kann sich ausprobieren, verwirklichen. Dort gibt er all seine Liebe und Dankbarkeit an die Menschen der Stadt zurück.

„Wir wollen, dass er für immer bei uns bleibt“, sagt auch Lara Jacobs, Inhaberin des Biomarktes in Kleve. Sie schwärmt. Azizul sei ein Schmuckstück, ein herzensguter Mensch, fleißig, lieb und dankbar. Und er sei dazu auch noch ein hervorragender Koch, bei den Kunden wie Mitarbeitern gleichermaßen beliebt. „Man möchte einfach mit ihm befreundet sein“, sagt Lara Jacobs. „Azizul ist das beste Beispiel für eine erfolgreiche Integration“, meint auch Karla Heisterkamp, die in all den Jahren den Kontakt zu dem jungen Mann gehalten hat. „Vier Jahre lang habe ich mit ihm bei der Caritas gekocht. Anschließend habe ihn während seiner Ausbildung besucht und nun freue ich mich, wenn er im Food-Truck vor dem Biomarkt steht.“

Azizul – körperlich keine 1,60 Meter groß, menschlich aber ein Riese – hat sich an jenem Tag herausgeputzt. Weiße Kochmütze, dunkelrotes Halstuch, weißes Kochhemd und Hose. Immer ordentlich auszusehen – so hat er es von seinem damaligen Chef Franz Vierboom gelernt. Zurück in seine Heimat möchte Azizul nicht. „Mein Herz hängt an Kleve.“ Und die Menschen an ihn.

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