Sie stellten den Leitfaden vor (v. l.): Maria Papaderou, Andrea Vogt und Regine Bonse-Bott (Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, A. Bischof)

Krefeld. Expertinnen sprechen über ein Instrument für mehr Kinderschutz

Es ist ein neues Instrument zum Schutz der Krefelder Kinder: Der „Krefelder Leitfaden” soll Kinderärzten, Hausärzten und sowie Psychotherapeuten helfen, Verdachtsfälle von häuslicher Gewalt gegen Kinder besser aufzuspüren und aufzuzeigen. Konkret handelt es sich bei diesem Leitfaden um ein 20-seitiges Dokument, in dem Ärzte und Psychotherapeuten anhand festgelegter Kategorien Ereignisse dokumentieren können. Entstanden ist er in der Arbeitsgruppe „Häusliche Gewalt und Gesundheit” der Kommunalen Gesundheitskonferenz der Stadt Krefeld. Im Interview sprechen Maria Papaderou, Krefelder Kinder- und Jugendärztin, Andrea Vogt von der Beratungsstelle der Diakonie und Regine Bonse-Bott, Leiterin des Teams Kindeswohl der Stadt Krefeld, über die Bedeutung des Leitfadens und wie er Hilfe bieten kann.

 

Frau Papaderou, warum entstand dieser Leitfaden zur Risikoeinschätzung von häuslicher Gewalt an Kindern? Wie kann dieser Leitfaden Ihnen als Kinder- und Jugendärztin eine Hilfe sein?

Maria Papaderou: Es bedeutet für uns Mediziner in der täglichen Arbeit eine Herausforderung, Fälle von häuslicher Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aufzuspüren und zu dokumentieren. Wenn bei einem Kind eine Verletzung vorliegt, muss ich im Praxisalltag überlegen, wie diese entstanden sein kann und darf – allein schon zum Schutz der Kinder – eine mutwillig herbeigeführte Verletzung nicht ausschließen. Hilfreich ist dann, wenn es einen konkreten Leitfaden mit Dokumentationsmöglichkeit und festen Ankreuzmöglichkeiten gibt, in dem ich eine systematische Risikoeinschätzung vornehmen kann. Die Informationen im „Krefelder Leitfaden” helfen mir, Gefährdungen besser aufzuspüren, frühzeitig Hilfebedarf zu erkennen und auch frühzeitige, möglichst präventive Maßnahmen zu ergreifen. Der Leitfaden wurde unter Mitarbeit von Dr. Uta Rössler vom Kinder- und Jugendärztlichen Dienst der Stadtverwaltung erstellt und von den kommunalen Präventionsketten finanziert. Viele Akteure haben bei der Erstellung ihre Expertise eingebracht.

 

Wie häufig kommt Gewalt gegen Kinder in Krefeld vor, gibt es bestimmte Risikofaktoren?

Andrea Vogt: Natürlich gibt es diese, aber wichtig ist zunächst zu wissen: Gewalt gegen Kinder in unterschiedlicher Form betrifft alle sozialen Schichten, ganz gleich, welcher Bildungsstand, welcher gesellschaftliche Status, welches Einkommen oder welche Kultur. Risikofaktoren sind, wenn zum Beispiel die Eltern noch sehr jung sind und die Erziehung des Nachwuchses eine große Herausforderung bedeutet. Ein Risikofaktor ist auch, wenn ein Elternteil selbst eine Gewalterfahrung gemacht hat. Es soll aber durch diesen Leitfaden keine Stigmatisierung vorgenommen werden. Die behandelnden Ärzte und Therapeuten sind stets wachsam. Der neue Leitfaden kann ihnen eine sehr gute Unterstützung bieten.

 

Eine Einschätzung ist mitunter schwierig. Als Arzt oder Psychotherapeut hat man das Kindeswohl im Blick, will gleichwohl auch nicht zu schnell einen Verdacht gegen die Eltern aussprechen.

Regine Bonse-Bott: Das stimmt, allerdings ist es wichtig, dass auch bei einem nur sehr vagen Verdacht alle Eventualitäten ausgeschlossen werden können. Gerade deshalb ist dieser Leitfaden wichtig, weil eine Erfassung dort systematisiert erfolgt. Gerade durch die festen Kategorien gibt er den Kinderärzten und Therapeuten eine zusätzliche Sicherheit. Das 2012 in Kraft getretene Kinderschutzgesetz des Bundes gibt Ärztinnen und Ärzten sowie Psychotherapeutinnen und -therapeuten die Befugnis, auch bei Verdacht auf eine Gefährdung des Kindeswohls und darüber hinaus, selbst bei dem Risiko einer Gefährdung prophylaktisch aktiv zu werden. Es geht um größtmöglichen Schutz für das Kind.

 

Wie konkret können Sie diesen Leitfaden in ihrer Arbeit anwenden, wie ist er aufgebaut, Frau Papaderou?

Maria Papaderou: Der Leitfaden gibt mir die Möglichkeit, Seite für Seite nach einem festen Katalog die wichtigen Daten aufzunehmen. Wo lebt das Kind, welche Kita besucht es, wer lebt mit im Haus? Auf der zweiten Seite können sozioökonomische Risikofaktoren angekreuzt werden. Auf der dritten Seite wird die medizinische Vorgeschichte des Kindes erfasst: Gibt es eine lückenhafte Versorgung mit Impfungen, wurden immer wieder verschiedene Kinderärzte aufgesucht, gab es häufige Verletzungen, gibt es Entwicklungsverzögerungen oder Störungen des Sozialverhaltens? Im weiteren Schritt kann man auf den nächsten Seiten etwa den aktuellen Hergang einer Verletzung dokumentieren. Auf einem Untersuchungsbogen im Leitfaden kann man dazu einfach ankreuzen, welche Verletzungen vorliegen. Es gibt dann einen konkreten Körper-Schemabogen mit Zeichnungen, an denen man als behandelnder Arzt entsprechende Stellen markieren kann. All dies dient beim späteren Austausch mit entsprechenden Stellen als wichtiges Dokument. Die Notizen helfen dem behandelnden Arzt natürlich bei einer Vielzahl von jungen Patienten auch bei der langfristigen Bearbeitung eines Falles, denn so behält man den Überblick. Kommen Verletzungen häufiger vor, gibt es wiederkehrende Auffälligkeiten? Der Leitfaden ist darüber hinaus sehr praxisnah gestaltet. Am Ende findet sich Raum für Notizen, sogar ein gedrucktes Zentimetermaß, mit dem die Größe von Verletzungen gemessen werden kann und das als Maßband zum Vergleich für die Fotodokumentation dient. Ferner sind alle Ansprechpartner zum Thema Kindeswohl genannt. Ich dokumentiere in diesem Leitfaden, seitdem ich ihn anwende, alle Auffälligkeiten. Dann halte ich Rücksprache mit meinem Netzwerk.

 

Was ist, wenn eine Gewalteinwirkung vermutet wird, welche weiteren Schritte folgen?

Andrea Vogt: Auch hier gibt der Leitfaden Auskunft, indem konkrete Vorschläge zum weiteren Prozedere gemacht werden. Es sind auch die Stellen aufgeführt, mit denen eine weitere Beratung erfolgen kann, das Team Kindeswohl der Stadtverwaltung, der Deutsche Kinderschutzbund, der Katholische Beratungsdienst, die Evangelische Beratungsstelle sowie der Psychologische Dienst der Stadt Krefeld. Bei konkreten medizinischen Fragen bezüglich einzelner Fälle zum Thema Kinderschutz kann man sich außerdem an das Kompetenzzentrum Kinderschutz im Gesundheitswesen NRW oder die bundesweite medizinische Kinderschutzhotline 08 00 / 19 21 00 0 wenden. Welche Hilfe in Krefeld angeboten wird, ist übrigens auch auf einem Aufkleber dargestellt, den die Eltern beim Kinderarzt erhalten. Dieser Aufkleber ist ebenfalls in der Arbeitsgruppe der Gesundheitskonferenz entstanden. Er listet alle Kontaktadressen auf und kann direkt auf das Heft zu den U-Untersuchungen geklebt werden. So sind alle Kontakte für Eltern schnell griffbereit.

 

Wie geht die Staatsanwaltschaft mit der Dokumentation in diesem Leitfaden um? Es handelt sich um Straftaten, die begangen werden.

Regine Bonse-Bott: Wir haben der Staatsanwaltschaft den Leitfaden zur Ansicht übermittelt. Dort besteht Kenntnis über dieses Instrument.

 

Wer hat den Leitfaden erhalten?

Maria Papaderou: Er wurde verteilt an alle Kinderärzte und -ärztinnen, Hausärzte und -ärztinnen und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten und -therapeutinnen. Auch für Chirurgen, Gynäkologen und weitere Stellen kann er hilfreich sein. Bei einem vagen Verdachtsfall wird man sicherer, was die Einschätzung angeht, wenn man diesen Leitfaden verwendet. Ärzte werden anhand des Leitfadens dabei unterstützt, strukturiert noch genauer hinzuschauen und bereits beim ersten Erkennen von Risikofaktoren frühzeitig die Eltern anzusprechen und auf passende Hilfe hinzuweisen.

 

Frage: In Krefeld ist schon 2008 das Team Kindeswohl gegründet worden. Krefeld hat sich früh auf den Weg gemacht.

Andrea Vogt: Es gibt Kommunen, die ein solches Team nun auch einrichten. Das zeigt: Wir waren in Krefeld schon früh auf dem richtigen Weg. Und auch der Leitfaden bedeutet eine weitere Verbesserung. Die Tatsache, dass es den Leitfaden gibt, wird mehr Fälle ans Tageslicht befördern. Letztlich bedeutet das aber hoffentlich auch mehr Kinderschutz, schnelleres Aufspüren von Taten, also am Ende das Verhindern weiterer Taten. Wenn jetzt übrigens berichtet wird, dass die Fallzahlen bei Kindeswohlgefährdung in Corona-Zeiten gesunken sind, dann halte ich das jedenfalls für kaum aussagekräftig. Es ist eher zu befürchten, dass lediglich weniger Fälle gemeldet wurden, weil weniger Kontakte bestanden, in Coronazeiten weniger auffallen konnte.

 

Welche Folgen haben die Einschränkungen der Coronazeit für die Familien gehabt? Welche Beobachtungen machen Sie da?

Maria Papaderou: Die Corona-Zeit hat insbesondere in den Familien zu großen Herausforderungen für Kinder, Jugendliche und Eltern geführt. Was wir feststellen ist, dass während der Corona-Zeit Eltern, die psychisch schon vorher angeschlagen waren, manifest krank geworden sind. Das führt oft dazu, dass sie auch ihre Kinder nicht adäquat betreuen konnten. Es fehlt dann manchmal die emotionale Nähe, die Fürsorge, die Geduld. Auch viele Jugendliche haben während der Corona-Pandemie psychische Auffälligkeiten entwickelt, die besondere Beachtung erfordern. Es ist deshalb wichtig, wenn solche Probleme auftauchen, dass das Umfeld mit reagiert, wachsam ist, Hilfestellung leistet. Gibt es Oma oder Oma, Tante oder Onkel, die zur Seite stehen können? Wer kann konkret helfen? Die regelmäßigen Besuche beim Kinder- und Jugendarzt sind dabei wichtig, um solche Probleme zu besprechen. Ich sehe es für mich als Ärztin als meine Aufgabe an, Gespräche zu führen und gute Wege aufzuzeigen.

Andrea Vogt: Die Gesellschaft wird wachsamer, es gibt mehr präventive Angebote, es gibt in Krefeld ein funktionierendes Netzwerk. Das ist die gute Botschaft, die von der Erstellung des Leitfadens ausgeht.


Die Broschüren sind – ausschließlich für Ärzte und Therapeuten – bei der Geschäftsführung der AG Häusliche Gewalt und Gesundheit erhältlich per E-Mail an Birgit.Paas@krefeld.deJeanette.Drees@krefeld.de oder Martina.Bergmann@krefeld.de. Die Aufkleber mit den Kontaktadressen liegen für Ärzte, die Vorsorgeuntersuchungen anbieten, beim Kinderschutzbund in Krefeld, Dreikönigenstraße 90-94, aus.

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