Krefeld. „US-Großangriff an der Rur auf breiter Front”, titelt eine Krefelder Tageszeitung am 24. Februar 1945. In den frühen Morgenstunden des Vortages beginnt an der Rur bei Düren die alliierte „Operation Granate”. Es dauert keine Woche, dann stehen die US-amerikanischen Einheiten vor Krefeld. Das Grollen des Geschützfeuers aus dem Westen kann bereits am 28. Februar keiner mehr in der Stadt überhören. Von einer echten Verteidigungsmöglichkeit Krefelds mit seinen noch rund 116.000 Einwohnern kann nicht mehr die Rede sein. Vom Süden rückt die US-Armee an die Stadt heran.
Sie streben einem Ziel entgegen: die noch intakte Rheinbrücke in Uerdingen. Schon seit Tagen wälzt sich ein Strom über den Fluss. Fremdarbeiter, Kriegsgefangene, Parteifunktionäre und Zivilisten müssen oder wollen ans rechte Ufer. Deutsche Wehrmachtssoldaten ziehen sich aus Richtung Hüls und St. Tönis zurück und bewegen sich auch zur Flussquerung. Der deutsche Rückzug hat längst keine Ordnung mehr.
Kaum noch Widerstand
Die US-Soldaten sammeln sich vor dem Angriff im Süden von Krefeld, an der Hückelsmay, um ihren Angriff auf die Stadt vorzubereiten. Im Spätsommer 1944 haben alte Männer, die Hitlerjugend, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter um Krefeld mit dem Ausheben von Panzergräben begonnen – sie bleiben ohne nennenswerte Wirkung. Über Hüls, St. Tönis und Fischeln nähern sich die amerikanischen Truppen in einer Zangenbewegung der Stadt. Gegen 6 Uhr morgens formieren sich Sherman-Panzer und Infanterie nördlich von Osterath und Willich an der Krefelder Stadtgrenze. Seit dem Morgen liegt das Stadtgebiet um den Hauptbahnhof unter Artilleriefeuer. Amerikanische Flugzeuge kreisen über der Stadt. Die US-amerikanischen Truppen stoßen am 2. März Straße für Straße in das Zentrum vor.
Der Kampfkommandant der Stadt, Oberstleutnant Walter Weiß, verfügt über rund 600 Volkssturmmänner, etwa 50 Schreibstubenbedienstete und eine Polizeikompanie sowie Hitlerjugend-Einheiten. Der spärlich bewaffnete Volkssturm ist in der Kaserne an der Kempener Allee untergebracht. Jeder erhält eine Panzerfaust und jeder Zehnte ein Gewehr mit acht Schuss Munition. Der Widerstand aus Volkssturm, Hitler-Jugend und versprengten Soldaten hielt sich in Grenzen. Bei dem Vorrücken der Amerikaner gibt es nur vereinzelt, dafür teils verbissene Gefechte wie in Fischeln oder bei Tackheide. Zurückweichende deutsche Einheiten haben auf einem Ziegelsteinvorbau des Bunkers „Auf der Scholle” – zwischen Forstwald- und Gladbacher Straße – ein Maschinengewehr aufgebaut. Die US-amerikanische Artillerie feuert auf den Bunker, woraufhin die dort untergekommenen Zivilisten die weiße Fahne hissen, was die Wehrmachtssoldaten allerdings nicht davon abhält weiter zu schießen, bevor sie flüchten.
Am Nachmittag des 2. März stehen die US-Panzer der neunten Armee schon am Hauptbahnhof, auf dem Westwall und der Rheinstraße. Die deutschen Soldaten erhalten um 17.30 Uhr den Befehl, von Hüls, Verberg, Linn bis Gellep eine neue Verteidigungslinie zu bilden. In der Nacht vom 2. auf den 3. März war der wesentliche Widerstand gebrochen. Die Kämpfe setzen sich fort, die Front rückt weiter Richtung Rhein vor. Um 12 Uhr mittags des 3. März wird Krefeld offiziell als erobert erklärt. Noch immer passieren deutsche Truppen die Uerdinger Rheinbrücke. Ein Krefelder hielt in seinem Tagebuch für den 3. März fest: „Heute bei Tagesanbruch rollen fortgesetzt feindliche Panzer und Geschütze durch die Straßen. Die Häuser werden nach deutschen Soldaten durchsucht.” Ein Tabakhändler verkauft auf dem Südwall derweil schon wieder Zigaretten, während in Uerdingen der Kampf um die Rheinbrücke beginnt.
Die große Schlacht um Krefeld hat es zwar nicht gegeben. Um die Rheinbrücke sollte allerdings noch heftig gekämpft werden. Die Wehrmacht stellt auf dem Marktplatz unweit des Rheins ein Geschütz auf. Bis zum letzten Augenblick soll die Brücke für den Abzug von Soldaten und Flüchtlingen gehalten werden. Ohne Pause feuern die US-Soldaten in die Rheinstadt, unzählige Menschen flüchten sich in den Bunker am Röttgen. Anwohner der Dammstraße versuchen derweil, einen Geschützführer zur Aufgabe zu bewegen. „Ich habe Befehl bis zur letzten Granate zu feuern”, meint der Soldat und feuert dann die letzte Munition Richtung Flussbett ab, um seinen Befehl zu „erfüllen”.
Rheinbrücke soll gesprengt werden
Die Vorbereitungen für eine Sprengung der Brücke laufen indes schon frühzeitig an. Die Brücke hätte jederzeit in die Luft gejagt werden können. Bereits am Vormittag des 2. März schlagen die ersten alliierten Geschosse links und rechts neben der Brücke ein. Die Brücke beschädigen diese nicht, wohl aber die Zündleitung. Als schnell ein neues Kabel installiert wird, verzögert ein Befehl die Sprengung. Erst müssen 100 russische Kriegsgefangene über den Strom gebracht werden. Danach wird das Zündkabel durch weiteren Beschuss erneut durchtrennt. Die Amerikaner erreichen an diesem Tag zwar die intakte Rheinbrücke, doch dem deutschen Brückenkommando gelingt am Abend des 3. März die Sprengung eines Munitions-Lkw, der ein gut 100 Meter langes Stück aus der Brücke reißt. Das Getöse soll bis nach Krefeld zu hören gewesen sein. Es folgen weitere Sprengungen, so dass die Brücke am 4. März komplett zerstört ist.
Krefeld ist buchstäblich vom Krieg abgenabelt, der noch zwei Monate andauern soll. Die Kämpfe am Rheinufer gehen allerdings weiter: Die US-Armee bereitet ihre Rheinquerung vor. Die gesamte Bevölkerung muss Uerdingen verlassen. Die Rheinstadt bleibt zwischen dem 16. und 19. März komplett geräumt. Erst am 20. April dürfen die Einwohner in ihre teils schwer zerstörten Wohnungen zurückkehren.
Befreit ode besiegt?
Die Erinnerung an die letzten Kriegstage haben einige Krefelder wohl auf Wunsch des ehemaligen Archivar Karl Müller festgehalten, die sich heute im Bestand des Stadtarchivs befinden. Angst, Ungewissheit und Chaos sowie die Sorge um Familienangehörige prägen diese Schilderungen. Von einer „Befreiung” ist in diesen Quellen, die in den Jahren 1946 bis 1949 entstanden sind, jedoch nichts zu lesen. In den Unterlagen finden sich aber noch Bezeichnungen wie „Terrorangriffe” für die Bombardierung, die in den NS-Sprachjargon gehören. Das Gefühl einer tatsächlichen Befreiung hatten wohl direkt nach dem Krieg nur die Opfer des NS-Regimes.
Das Stadtarchiv Krefeld wird vom 1. März bis 30. Mai in den Sozialen Medien eine Reihe zum Ende des Zweiten Weltkriegs veröffentlichen.



















