
Krefeld. Zehn Personen haben sich um einen großen ovalen Konferenztisch herum versammelt. Es ist Ende Mai und vor ihnen liegt jeweils ein kleiner Papierstapel mit drei Fallskizzen. Die Meldebögen sind akkurat ausgefüllt: mit biographischen Details, gesundheitlichen Einschränkungen und, das ist besonders wichtig, dem gegenwärtigen akuten Problemkern. Hinter jedem dieser Dokumente steckt ein Härtefall. Und hinter jedem Härtefall verbirgt sich zumindest eine temporär äußerst ernste Lebenssituation. Die zehn Expertinnen und Experten schicken sich an, hierfür Lösungen zu finden. Sie bilden die Clearingstelle Schulabsentismus, einen Zusammenschluss aus interdisziplinären Akteuren der Jugendhilfe, des Schul- und Gesundheitswesens. Mit ihren unterschiedlichen Kompetenzen werfen sie neue Schlaglichter auf die verzwickte Situation von schulabsenten Kindern und koordinieren ein unbürokratisches, schnelles Unterstützungsangebot.
Schon seit 2021 schaltet sich die Clearingstelle einmal im Monat zu dieser kollegialen Fallberatung zusammen. Aus einer anfänglichen Pilotphase entfaltete sich rasch ein dauerhaftes Interventionsinstrument. „Wir haben damals beobachtet, dass sich vom Schulabsentismus betroffene Familien bei der Bewältigung dieser Problemlage oft einem Marathon durch die Institutionen gegenübersehen. Indem wir all die verschiedenen Expertisen bündeln, erreichen die Hilfsmaßnahmen die Familien und Kinder aber deutlich schneller und auch wirksamer”, sagt Matthias Finken.
Er ist Sachgebietsleiter bei der Kommunalen Zentralstelle für Beschäftigungsförderung und koordiniert die Clearingstelle. Verwaltungsseitig wirken neben dieser Zentralstelle die Familienberatung des Fachbereichs Jugendhilfe und Beschäftigungsförderung, der Psychologische Dienst des Fachbereichs Schule, der Fachbereich Gesundheit sowie der Fachbereich Migration und Integration mit. Psychologinnen der LVR-Tagesklinik ergänzen diesen Pool ebenso wie die jeweiligen Schulsozialarbeitenden oder Beratungslehrkräfte.
Clearingstelle berät pro Sitzung drei Fälle
Die Clearingstelle berät pro Sitzung drei Fälle. Schulen können sie vorab bei Matthias Finken melden. Häufig haben sie dann bereits alle verfügbaren Mittel ausgeschöpft. Das bedeutet auch: Bei der Clearingstelle landen schwerwiegende, besonders knifflige Fälle. Nicht selten geht es um tragische Schicksale, Lebensbrüche oder psychische Krankheiten. Der kompakte Meldebogen versorgt alle Mitglieder mit den wesentlichen Informationen des Einzelfalls, grundsätzlich anonym. Die von der Schule entsandte Bezugsperson erörtert in der Gesprächsrunde erst die Situation des schulabsenten Kindes. Dann entspinnt sich ein multiperspektivischer Dialog. Die Mitglieder beleuchten die Lage aus ihren Blickwinkeln, werfen Vorschläge ein, arbeiten sich gemeinsam voran. Ein Fall wird etwa eine halbe Stunde diskutiert. Dann sollen konkrete Handlungsoptionen feststehen.
Manchmal braucht es die zunächst auch gar nicht. Der erste Fall in der Sitzung Ende Mai erzählt die Geschichte eines Mädchens aus der sechsten Klasse. Es war immer überdurchschnittlich leistungsstark. Plötzlich mehrten sich im laufenden Schuljahr die Krankheitstage dahingehend, dass das Kind den Unterricht aktuell gar nicht mehr besuchen kann. Die Schule hat frühzeitig interveniert, das Mädchen zu Hause besucht, Lernmaterial verschickt und die Jugendhilfe zu Rate gezogen. Auch bei der Suche nach einer passenden klinischen Versorgung des Kindes war die Schule beteiligt. Nichtsdestotrotz, erklärt der Lehrer in der Runde, wollten er und das Kollegium unbedingt den Ratschlag der Expertenrunde einholen, um bei einem potenziellen nächsten Fall gegebenenfalls noch wirksamer einzugreifen. Die Clearingstelle ist sich einig: Mit all ihren Maßnahmen hat die Schule vorbildlich reagiert.
Schulabsentismus hat verschiedene Ursachen
Schulabsentes Verhalten ist gemeinhin äußerst individuell. Nicht in die Schule zu gehen, wurzelt in multikausalen Ursachen. Auch betrifft es alle Altersstrukturen: Von der Grundschule bis hin zum Abiturienten laufen sämtliche Fälle bei der Clearingstelle auf. Im Schnitt prüft sie etwa 25 Fälle pro Jahr. Nach drei bis sechs Monaten evaluieren die Mitglieder die Ergebnisse vergangener Fälle. Matthias Finken sagt: „Wir blicken auf eine Erfolgsquote von etwa 50 Prozent. Das bedeutet: Zur Hälfte konnte die Clearingstelle konkrete Handlungsmaßnahmen bewirken, die die Kinder mittelbar oder unmittelbar zurück in den Schulalltag haben finden lassen.” Finken nennt ein zurückliegendes Beispiel: Ein Kind sperrte sich unter anderem wegen einer pathologischen Essstörung gegen den Schulbesuch. Die Clearingstelle hat diese Quelle als maßgeblich eruiert und konnte das Kind sodann erfolgreich an ein medizinisches Angebot anbinden.
Die Stadt Krefeld bemüht sich seit Jahren, das Problem des Schulabsentismus weiter einzudämmen. So ist beispielsweise die kommunale Schulsozialarbeit personell aufgestockt worden. Ein fachbereichsübergreifender Zusammenschluss aus Jugendamt und dem Regionalen Bildungsbüro im Fachbereich Schule hat im November das Handlungskonzept Schulabsentismus als Leitfaden für alle Krefelder Bildungsinstitutionen veröffentlicht. Dem schloss sich ein erster Fachtag im Februar an. Seit diesem Jahr unterstützt die Schulverwaltung das Lehrpersonal zudem mit der technischen Ausstattung eines digitalen Klassenbuchs. Daraus soll eine belastbare Datengrundlage zum hiesigen Schulabsentismus entstehen, um die Hilfsstrukturen künftig weiter zu präzisieren.
Fälle werden nach Monaten evaluiert
Der abschließende Fall der Clearingstelle Ende Mai befasst sich mit einem Mädchen im Teenager-Alter. Eine Lehrerin beschreibt die Lebenssituation der Jugendlichen als orientierungs- und perspektivlos. Sie rutscht von einem Konflikt in den nächsten. In diesem Schuljahr haben sich bereits über 200 Fehlstunden angehäuft. Die Experten der Clearingstelle kommen überein, dass sie hier schnell handeln müssen. Als Interventionsgrundlage vereinbaren sie zunächst ein möglichst zeitnahes Krisengespräch zwischen allen Beteiligten. Nach rund 90 Minuten ist die Sitzung vorbei. Die drei Fälle sind für den Moment bearbeitet. In wenigen Monaten kommen sie nochmal auf den Tisch, um die Maßnahmen rückwirkend zu prüfen. Dann, so die einhellige Hoffnung am großen ovalen Tisch, sollen aus den Härtefällen längst wieder regelmäßige Schulbesucher geworden sein.





















