Symbolfoto (Foto: Pixabay)
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Kreis Wesel. Die AWO-Mitarbeitenden im Bereich Flucht, Migration, Integration baten die Redaktion um Veröffentlichung ihres Offenen Briefes als Reaktion auf die insolvenzbedingte Entscheidung des AWO KV Wesel, ihre entsprechenden Facheinrichtungen zu schließen. Die Redaktion bat auch den Vorstandsvorsitzenden des AWO Kreisverband Wesel e.V., Jochen Gottke, um eine Stellungnahme zu diesem Brief, der ihm bis zur Anfrage von LokalKlick nicht bekannt war.

Offener Brief der Mitarbeitenden des AWO-Bereiches Flucht, Migration und Integration

„In ihrer mehr als 100 – jährigen Geschichte stand die AWO immer für den Schutz der Schwächeren und fürs Empowerment. In diesem Jahr wird der AWO KV Wesel 50 Jahre alt, seit seinen Anfängen hat sich der Verband der Migrationsarbeit verschrieben. Heute verabschiedet er sich von manchen seiner Leitbilder.

Ende letzter Woche ist bekannt geworden, dass der AWO KV Wesel alle Dienste im Bereich Flucht, Migration und Integration insolvenzbedingt zum Jahresende aufgibt.

Betroffen sind die Flüchtlingsberatungsstellen in Moers, Wesel, Kamp-Lintfort und Xanten, das Psychosoziale Zentrum für Geflüchtete, die Migrationsberatungsstellen in Dinslaken und Moers, die Integrationsagenturen in Kamp-Lintfort und Moers, die Antidiskriminierungsservicestelle und das Projekt „Refugees into work“. Das Quartiersprojekt in der Kamp-Lintforter Altsiedlung wird ebenfalls eingestellt. Ein starkes, multiprofessionelles und multikulturelles Team aus 23 Kolleg:innen.

Die nicht ausreichende finanzielle Ausstattung dieser Programme von Seiten des Staates haben wir seit Jahren bemängelt. Das politische Klima und Entscheidungen der Politik der letzten Zeit hat die Lage weiter enorm verschlechtert. Wirtschaftliche Fehler des AWO KV Wesel in anderen Bereichen, die zur Insolvenz geführt haben, haben die weitere Finanzierung unserer Arbeit unmöglich gemacht.

Aus unserer Sicht ist es ein herber Schlag für den Kreis Wesel und für alle Menschen, die hier leben.

Eine heterogene Gesellschaft besteht aus Menschen, die viele Sprachen, Kulturen, Werte, Gewohnheiten und Bedürfnisse in diese Gesellschaft transportieren.

In vielen Fällen sind wir die ersten Anlaufstellen, „Übersetzer:innen“, Aufklär:innen, Krisenmanager:innen und Schlichter:innen. Oft ist unsere Arbeit nach außen nicht sichtbar, da wir in individuellen Beratungen täglich mit Einzelpersonen diskret arbeiten. Unsere Flüchtlings- und Migrationsberatung hinterlässt eine große Lücke. Der Wegfall der psychosozialen Beratung für Geflüchtete schadet unserer Region unbeschreiblich. Zusätzlich haben wir in der letzten Zeit den Bereich Arbeits- und Ausbildungsvermittlung für Geflüchtete ausgebaut und professionalisiert, hier haben wir gute Vermittlungsquoten vorzuweisen. Unsere Arbeit basiert auf Vertrauen – einem Gut, das sich nicht erzwingen lässt, sondern über Jahre hinweg aufgebaut werden muss. Wir bauen Brücken zwischen Systemen, stärken Selbstwirksamkeit und fördern gesellschaftliche Teilhabe.

An anderen Stellen sind wir und unser Engagement für eine offene und friedliche Gesellschaft öffentlich sehr präsent. Unsere interkulturellen Veranstaltungen, Buchveröffentlichungen, Ausstellungen, Workshops, Kurse und Aktionen sind vielerorts bekannt. Damit bauen wir Ängste und Missverständnisse ab, wecken Interesse und Respekt für Menschen untereinander.

Unser Team spricht 15 Sprachen, wir bilden uns ständig fort und haben in all den Jahren einen Schatz an Kompetenzen und Erfahrungen angesammelt. Wir reagieren schnell in Krisen, scheuen uns nicht vor schnellen Entscheidungen und Handlungen. Es ist nicht einfach uns zu ersetzen.

Wir appellieren an alle im Kreis Wesel lebenden Menschen. Lassen Sie sich nicht von der Politik der Ausgrenzung und Abwertung führen! Abschiebungen, Abschreckungen, Einstellung jeglicher Unterstützung sind nicht die Mittel, die zu einer erfolgreichen, florierenden Gesellschaft führen.

Es gibt keine „guten“ und „schlechten“ Migrant:innen. Wenn wir uns als Gesellschaft um die schwächeren nicht mehr kümmern, sie im Stich lassen, warum sollten die „guten Migrant:innen“, z.B. die besonders Qualifizierten, uns noch attraktiv finden?

Wir lösen jetzt alle Stellen bei der AWO auf, die für Geflüchtete und Migrant:innen viel bedeuten. Wir lösen unseren großen 50-köpfigen Sprachmittler:innen-Pool auf, der in ca. 30 Sprachen Zugewanderte und Ämter unterstützt hat, wir lösen alle Kurse für zugewanderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf. Hier haben wir gesellschaftliche Werte vermittelt, hier haben viele Zugewanderten ihren einzigen sozialen Anschluss, hier konnten viele ein neues Selbstbewusstsein schöpfen und sich gebraucht fühlen.

Wer fängt es auf?

Namentliche Auflistung von 20 Unterzeichnern

Statement des Trägers

“Wir begrüßen ausdrücklich das Engagement unserer Mitarbeitenden, auf die Herausforderungen und Probleme aufmerksam zu machen. Auch zahlreiche andere Träger sehen sich derzeit durch gekürzte Landes- und Bundesmittel gezwungen, ihre Angebote im Bereich Flucht und Migration einzuschränken oder teilweise ganz einzustellen. Die gegen uns geäußerte Kritik können wir jedoch nicht nachvollziehen und bedauern, dass es zu diesem Schritt gekommen ist. Aus unserer Sicht entsprechen sie nicht den tatsächlichen Gegebenheiten. Der betreffende Bereich ist seit vielen Jahren defizitär und musste in den vergangenen Jahren von uns regelmäßig mit sechsstelligen Beträgen subventioniert werden. Im vergangenen Jahr waren es hier 210.000 Euro. Wir haben inzwischen intern erneut das Gespräch gesucht und sind dabei auf Verständnis gestoßen. Den Frust und die Verärgerung über die von uns notwendigerweise getroffene Entscheidung können wir voll und ganz nachvollziehen.”

Linke Liste: Ein Schlag ins Herz der sozialen Infrastruktur

Die Nachricht über das Aus sämtlicher Migrations- und Flüchtlingsangebote des AWO-Kreisverbands Wesel hat die Linke Liste Moers tief erschüttert. “Was zum Jahresende bevorsteht, ist nicht nur die Schließung von Beratungsstellen – es ist der Verlust lebenswichtiger Unterstützung für Menschen, die auf Hilfe und Teilhabe angewiesen sind”, heißt es in einer aktuellen Pressemeldung.

Betroffen sind zentrale Angebote in Moers und der Region: psychosoziale Zentren, Quartiersprojekte, Sprachmittlungsdienste, Integrationsagenturen sowie das Projekt „Refugees into work“. Hier wurden Brücken gebaut, Menschen in Not aufgefangen, Perspektiven eröffnet. Die Linke Liste erklärt sich solidarisch mit den engagierten Mitarbeitenden, “deren Arbeit über Jahre hinweg das Rückgrat einer offenen Gesellschaft war – und mit den vielen tausend Betroffenen, die nun im Stich gelassen werden”.

Einsparungen kosten mehr, als sie bringen

Die Linke Liste warnt mit Nachdruck vor den politischen und gesellschaftlichen Folgen dieser Einsparpolitik: “Wer soziale Arbeit kürzt, spart nicht – sondern verlagert Probleme, verschärft Not und gefährdet den sozialen Frieden.” Die kommunalen Angebote dürfen nicht zusammenbrechen. Deshalb fordern sie: “Sofortige Übernahme der Einrichtungen durch die Kommunen und den Kreis Wesel” sowie die “Dauerhafte und verlässliche Finanzierung sozialer Arbeit der Sozialverbände durch Bund, Länder und Kommunen”.

Die Entscheidung, diese Einrichtungen zu schließen, sei mehr als nur ein finanzieller Einschnitt – sie sei ein Angriff auf das gesellschaftliche Miteinander. „Wer die Axt an das soziale Miteinander legt, sägt an den Säulen der Demokratie und befördert den Aufstieg des Rechtsextremismus“, warnt Friedhelm Fischer, Ratsmitglied für die Linke Liste Moers.

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