
Krefeld. Rost entsteht durch eine chemische Reaktion von Eisen und Stahl mit Sauerstoff und Wasser. Diese zersetzt das Metall und beeinträchtigt seine Festigkeit. Rost zeigt sich als eine rötlich, braune, poröse Schicht. Im Deutschen Textilmuseum Krefeld begegnen Besucherinnen und Besucher dem Thema Rost in Form von zwei bemerkenswerten Stücke: einem zeitgenössischen Kunstwerk und einer Regimentskasse aus dem 18 Jahrhundert. In der aktuellen Ausstellung „Quilt-Art – Layers and Narratives” treffen zwei Objekte aufeinander, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Der reizvolle Kontrast der nebeneinander platzierten Exponate verbindet der fragile Rost.
Mit Bajonetten zerstochen
Es ist zerbeult, Teile sind abgerissen und verborgen, alles verrostet – dennoch begeistert sich Stadtarchäologe Dr. Hans-Peter Schletter für dieses Exponat. „Archäologisch findet man sowas ganz selten”, freut sich Schletter. Dabei handelt es sich um die verrosteten Reste einer eisernen Regimentskasse aus dem 18. Jahrhundert. In ihr wurde der Sold, der Lohn für Soldaten aufbewahrt. In Museen finden sich solche Kassen nicht selten, aber in einem tadellosen Zustand, hier ist es ein Relikt, ein direktes Zeitzeugnis. Sie steht wohl im Zusammenhang mit der „Schlacht an der Hückelsmay”. „Im September 2020 meldete ein ehrenamtlicher Mitarbeiter des Museums Burg Linn den überraschenden Fund einer eisernen Truhe vom Gelände des Schlachtfeldes in der Nähe der Hückelsmaystraße im Südpark. Die Truhe fand sich also in einem Bereich, in dem die heftigsten Kämpfe dieser Schlacht stattfanden”, erklärt der Stadtarchäologe. Bislang seien nur wenige Spuren von dieser Schlacht mit rund 80.000 Soldaten entdeckt worden.
Der Siebenjährige Krieg (1756-1763) rückte auch Krefeld in den Mittelpunkt der europäischen Politik. In der Nähe der Stadt stießen preußische Truppen unter der Leitung des Herzogs Ferdinand von Braunschweig auf französische Streitkräfte. Die Schlacht am 23. Juni 1758 an der Hückelsmay am heutigen Stadtteil Forstwald beendeten die Preußen siegreich. Die Krefelder bereiteten dem Herzog nach dem Sieg einen triumphalen Empfang. Doch der preußische Erfolg war nur von kurzer Dauer, alsbald kehrten die Franzosen als Besatzer zurück in die Stadt.
Von dem unmittelbaren Schlachtzusammenhang und der gewaltsamen Öffnung berichten die Spuren an der Kasse. „Der Boden weist interessante Details der massiven Beschädigungen auf. Von außen nach innen wurde hier offenbar mit einer zweischneidigen flachen Klinge mit großer Wucht mindestens zwölfmal auf den Truhenboden eingestochen. Das Blech des Bodens weist davon neben Beulen auch sechs schmale Einstiche auf”, sagt Schletter. Dabei kann es sich um ein Bajonett gehandelt haben. „Doch erst durch das Überrollen mit einem Rad wurde sie geöffnet, regelrecht zum Platzen gebracht, was sich beim provisorischen Zusammenfügen der vorhandenen Bleche zeigt”, folgert der Stadtarchäologe.
Wrackteil als Vorbild
Der Rost spielt auch bei der Arbeit Chrysalis / Larvenstadium (2024) der Künstlerin Sue Hotchkis aus Schottland eine grundlegende Rolle. „Sie lässt sich von Dingen inspirieren, wie hier einem Schiffswrackstück aus Eisen, das sie in eine textile Arbeit umsetzt”, berichtet Dr. Annette Schieck, Leiterin des Deutschen Textilmuseums Krefeld. Sue Hotchkis spielt mit Form und Material: das Objekt diente als Vorlage. „Es ist durch und durch ein Textil mit drei Lagen, wie es für einen Qulit vorgesehen ist”, so Schieck. Die Künstlerin bearbeitete ihr Werk thermisch und versah es mit Freihand- und digitaler Maschinenstickerei. „Ich konstruiere abstrakte Formen, um die Schönheit hervorzuheben, die in den Prozessen des Alterns und Verfalls zu finden ist. Ich werde inspiriert von der Beziehung zwischen den natürlichen Elementen und den vom Menschen geschaffenen, wie sie beispielsweise durch Erosion und menschliche Nutzung entstehen”, so Hotchkis.
Durch intuitives Arbeiten mit Druck und Stich werden Markierungen, Texturen und Farben übertrieben und intensiviert, um die Details und die Komplexität der ursprünglichen Inspiration zum Vorschein zu bringen. Die Materialien wurden bedruckt und oft mit Hitze und Nadel bearbeitet. Es wurde viel Zeit in die Konstruktion investiert, um ein halb dreidimensionales Fragment zu schaffen, das zwischen Objekt und Bild schwebt. So entsteht eine einzigartige visuelle und taktile Landschaft aus Form und Textur.
Inspiration während einer Schiffsreise um Island
Die Inspiration für „Chrysalis” habe sie während einer Schiffsreise um Island gefunden, so Hotchkis. So entdeckte sie interessante und schöne Oberflächen in und um die Häfen, auf den Booten und Schiffen sowie auf den dort befindlichen Gebäuden und nautischen Ausrüstungsgegenständen. „Am Strand Djüpalönssandur am Fuße des Snaefellsjökull regten mich die alten, verstreuten Überreste eines Fischtrawlers an, die in viele kleine abstrakte, rostige Skulpturen zerfallen waren”, berichtet die Künstlerin. Sie habe das Werk „Chrysalis / Larvenstadium” genannt, weil es sich während seiner Entstehung auf ähnliche Weise entwickelt und verwandelt hat, wie sich die zerbrochenen Überreste des Trawlers noch immer in etwas Schönes verwandeln.
Das Deutsche Textilmuseum Krefeld am Andreasmarkt zeigt aktuell die Ausstellung „Quilt-Art – Layers and Narratives” (bis 28. Dezember). Eine Gruppe von Textilkünstlerinnen aus Europa hat sich vor 40 Jahren zur Quilt-Art-Gruppe zusammenschloss. Sie brachen die klassischen Formen der für den häuslichen Gebrauch bestimmten Quiltdecken auf und überführten die Technik in eine moderne Kunstform. Die Ausstellung wurde bereits in den Niederlanden und Belgien gezeigt, nach Krefeld reist sie nach Heidelberg, Ungarn und England. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren haben kostenfreien Eintritt in die Krefelder Museen. Weitere Informationen und zu den geänderten Öffnungszeiten ab November stehen unter www.deutschestextilmuseum.de.




















