Tanja Kröher (Cover: Verlag ; Foto: Dominik Bingel)
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Ratgeber/Kultur. Ein Gespräch mit Ernährungswissenschaftlerin Tanja Kröher über Achtsamkeit, Kontrolle und Genuss beim Essen      .

Frau Kröher, was macht die Adventszeit für viele zu einer emotionalen Stresszone und warum landen wir so schnell beim Essen?

Weihnachten aktiviert alles: Erinnerungen, Erwartungen, alte Muster. Essen wird dabei oft zum emotionalen Ventil für Nähe, Trost oder Zugehörigkeit. Das fehlt vielen Menschen, denn ich beobachte, sie leben häufig im Funktionsmodus.

Im Dezember kippt das dann in das andere Extrem: Wir kompensieren Erschöpfung mit Kontrolle oder Überfluss.

 

Sie schreiben in Ihrem Buch „Chill mal dein Essen“, dass Essen immer auch Beziehung ist. Inwiefern?

Essen ist nie nur Nahrungsaufnahme. Es ist Kommunikation mit uns selbst und mit anderen. Was wir essen, wann, wie und warum erzählt viel über unser inneres Erleben. Wer das Gefühl hat, „nicht genug“ zu sein, isst oft auch so: hastig, unbewusst und häufig mit Schuldgefühlen.

„Wenn wir nicht hören, was uns bewegt, fängt der Körper an, laut zu werden. Das tut er oft über das Essen.“

Sobald wir die dahinter liegenden Muster erkennen, können wir beginnen, das zu ändern. Beziehung statt Kontrolle auch beim Essen zu leben. Das ist gar nicht so schwer.

 

Warum verlieren wir gerade an den Weihnachtsfeiertagen so schnell die Balance?

Das ist die klassische Kollision zwischen Anspruch und Bedürfnis. Wir wollen funktionieren, alles richtig machen, allen und allem gerecht werden. Das erzeugt Druck. Und Druck – auch beim Essen- und ruft eine Gegenbewegung hervor: Heißhunger, Frustessen, Selbstvorwürfe. Und Druck endet häufig beim Schwarz-Weiß-Denkens bzw. “Alles oder nichts”: JETZT ist Weihnachten, da darf man ja mal reinhauen. Danach faste ich wieder”.

Der Wendepunkt kommt jedoch schnell, wenn wir verstehen, dass Essen kein moralisches Thema ist. Es darf ein Spiegel sein, aber kein Urteil.

 

Wie entkommt man dieser Spirale aus Kontrolle und schlechtem Gewissen, ohne in Gleichgültigkeit zu verfallen?

Indem man immer wieder die Zwischentöne wahrnimmt. Achtsamkeit ist kein „alles egal“, sondern ein „ich höre hin“.

Ich spüre, wann ich müde bin, wann ich Trost brauche und wann ich körperlich und emotional satt bin. Das ist keine Methode, sondern eine Haltung zu sich und letztlich auch zu anderen, die man sich erarbeiten kann. Das geht übrigens schneller als man denkt.

Die Ursachen lassen sich auch oft durch das Ernährungsverhalten erklären. Hier ist es sinnvoll, eine professionelle Ernährungsberatung aufzusuchen, um eine individuell passende Ernährungsweise zu erlernen – weg von Diäten, hin zu “ich esse das, was mein Körper benötigt und wie ich ihm das am idealsten gebe”. Dadurch kann man das Wissen erhalten, warum bestimmte Nährstoffe gut sind und welche nicht und so mehr selbstbestimmt essen.

 

Sie sagen, wir müssen lernen, unseren Körper wieder als Verbündeten zu sehen. Wie gelingt das praktisch?

Indem wir aufhören, ihn als wie auch immer geartetes Projekt zu behandeln. Unser Körper ist kein Gegner und erst recht kein Beweisstück für Disziplin. Er ist ein Resonanzraum, der uns zeigt, was wir fühlen.

Wenn man das versteht, wird aus Routine plötzlich Verbindung: Ein Tee in Ruhe, eine Mahlzeit ohne Ablenkung, langsames Kauen…Das sind dann nicht mehr nur Rituale, sondern richtige Beziehungspflege.

 

In einer Welt, die Selbstoptimierung feiert, klingt Ihr Ansatz fast rebellisch. Ist Achtsamkeit der neue Widerstand?

Ja, vielleicht der stillste, den es gibt. Achtsamkeit ist das Gegenteil von Effizienz. Sie braucht Zeit, Präsenz und ein gewisses Maß an Langsamkeit. Und genau das macht sie so heilsam. Sie holt uns zurück in eine innere Wahrheit, die ja längst in uns ist. Wir sollten aufhören, die beste, enthaltsamste Diät ever zu verfolgen, wenn unser Körper nach einer für ihn passenden Ernährung ruft, die ihm viel besser tut, als viele Verbote.

 

Wenn Sie Ihren Leserinnen und Lesern eine einzige Botschaft für die Feiertage mitgeben könnten, welche wäre das?

Seien Sie freundlich zu sich. Nicht diszipliniert, nicht perfekt, einfach freundlich und achtsam.

„Wenn Sie am Heiligabend eine Mahlzeit in Ruhe essen, mit echtem Genuss und ohne schlechtes Gewissen, dann ist das vielleicht die gesündeste Entscheidung des Jahres.“

 

Was wäre, wenn wir Ernährung nicht mehr als Lebensbereich, sondern als   begreifen würden?

Dann würden wir verstehen, dass es dabei nie nur um Essen geht, sondern immer auch um Bewusstsein. Wie wir essen, zeigt, wie wir leben: mit welchem Tempo und mit welchem Maß an Verständnis. Wenn wir das verstanden haben, wird Essen zu einer stillen Form von Selbstfürsorge.

 

Über Tanja Kröher

Ernährungswissenschaftlerin, Achtsamkeits-Coachin und Autorin von „Chill mal dein Essen“. Sie lebt in Schotten (Hessen-Vogelsbergregion) und begleitet Menschen dabei, Frieden mit ihrem Essverhalten ohne Diätregeln, dafür mit Bewusstsein, Körpergefühl und Klarheit zu schließen.

 

Buchhinweis

Tanja Kröher: „Chill mal dein Essen – Wie Achtsamkeit am Tisch Frieden bringt“ (2025, Softcover, ca. 200 Seiten) ISBN: 978-3759762368 und https://www.ernaehrungsberatung-schotten.de/mein-buch/mein-buch/

 

InfoKlick

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