
Krefeld. Krefelder fand über das 16i-Programm zurück ins Arbeitsleben
Ordnung muss sein. Der Schreibtisch von Christian Jäger im Krefelder Rathaus glänzt blitzeblank und ist dazu sorgsam aufgeräumt. Neben dem Computerbildschirm steht eine Papierablage. Jedes Sachgebiet des Fachbereichs Soziales und Senioren hat hier ein eigenes Fach. Den Hang zur Gründlichkeit hegt Christian Jäger von Haus aus: Seine zwei Hobbys, der Modellbau und das Sammeln von Eishockeykarten, erfordern eine ebenso akkurate Arbeitsweise. Unordentlich wird es auf Jägers Schreibtisch allerdings doch regelmäßig. Dreimal täglich. So oft beliefert die Deutsche Post die Stadt Krefeld mit Briefen. Solche, die den Fachbereich Soziales und Senioren betreffen, landen auf dem Tisch des 62-Jährigen. Er ist dafür verantwortlich, dass die schriftlichen Anliegen von Krefelderinnen und Krefeldern den verantwortlichen Mitarbeitenden an der richtigen Stelle erreichen. Soweit ein ziemlich gewöhnlicher Job, dem in Christian Jägers Fall jedoch eine besondere Note anhaftet. Vor dieser Tätigkeit war er 15 Jahre lang arbeitslos.
Heute ist er bereits seit über sechs Jahren für die Krefelder Stadtverwaltung tätig. Diese Erfolgsgeschichte gründet auf dem sogenannten 16i-Programm, das der Bund 2019 ausgerollt hat und seinen Namen vom Paragrafen 16 des SGB II ableitet. Das Teilhabechancengesetz gibt Langzeitarbeitslosen die Möglichkeit, sich in einem Job zu bewähren, für den sie qua Qualifikation eigentlich nicht infrage kämen. Sie werden für fünf Jahre unter tariflichen Bedingungen angestellt, wobei diese Beschäftigung einmal vertraglich unterbrochen werden kann. Das Ziel ist jedoch immer die Übernahme nach fünf Jahren. Auch für die Arbeitgeber birgt das Modell Vorteile: In den ersten beiden Jahren refinanziert das Jobcenter nahezu vollumfänglich die Lohnkosten.
Verwaltung beschäftigt aktuell 27 Teilnehmende aus 16i-Programm
„Das Programm richtet sich an Menschen mit wirklich sehr geringen Beschäftigungschancen. Mit Interesse und Arbeitswillen können sie die fehlende Qualifikation wettmachen und sich für eine dauerhafte Beschäftigung anbieten”, erklärt Stefan Voigt von der Kommunalen Zentralstelle für Beschäftigungsförderung. Hier koordiniert er die 16i-Kräfte der Stadtverwaltung, die aktuell 27 Teilnehmende über dieses Programm beschäftigt. Sie arbeiten in Schulmensen, als handwerkliche Helfer oder in Kitas. Bis dato hat die Stadt zehn ehemalige 16i-Kräfte als Vollbeschäftigte übernommen. Üblicherweise vermittelt das Jobcenter der Verwaltung neue 16i-Kräfte. Beim Jobcenter sind die Menschen meist über den Leistungsbezug angebunden. Häufig wechseln auch solche Personen in das Programm, die zuvor als Zusatzjobber gearbeitet haben.
So wie Christian Jäger. 2018 verdiente er sich als Sportplatzwart etwas Geld dazu. Weil er dies zuverlässig und einwandfrei erledigte, lotste ihn das Jobcenter zur Stadt. Nach einem einwöchigen Praktikum in der Postverteilungsstelle wagten beide Seiten den Versuch einer Festanstellung. Dieser Versuch glückte. Schon nach zweieinhalb Jahren, weit vor dem eigentlichen Programmende, wechselte Christian Jäger in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis. „Das Programm ist für mich ein Glücksfall gewesen”, erzählt Jäger. „Ich fühle mich hier sehr wohl, komme prima mit meinen Kollegen aus und habe einen sicheren Job mit geregeltem Einkommen.” Konkret bedeutet das für ihn zum Beispiel: „Ich muss nun schon sehr lange nicht mehr darauf achten, welche Produkte im Angebot sind oder nicht. Wenn ich auf etwas Lust habe, kaufe ich es mir. Das ist ein tolles Gefühl.”
Hunderte Bewerbungen ohne Erfolg
Das war über zehn Jahre lang anders. Der Krefelder ist gelernter Werkstoffprüfer, arbeitete lange bei einem großen Stahlunternehmen. Als er 2004 kündigte, bewarb er sich zwar sofort auf neue Jobs, verpasste aber aus vielerlei Gründen einen direkten Anschluss. Mit seinem Erspartem erfüllte sich Jäger eine Zeit lang Reiseträume. Doch irgendwann war das Geld aufgebraucht. Die Bewerbungen liefen ins Leere. Christian Jäger war nach fünf Jahren zum ersten Mal in seinem Leben auf Sozialleistungen angewiesen. Er schrieb Hunderte Bewerbungen, besuchte Jobtrainings, absolvierte Weiterbildungen. Allein es fehlte der Erfolg. „Mit meiner Ausbildung war ich nirgends mehr gefragt”, erzählt Jäger. In dieser Zeit habe er die Hoffnung zwar nicht aufgegeben. Doch: „Wenn man von rund 85 Prozent der angeschriebenen Unternehmen überhaupt keine Antwort bekommt, lässt einen das schon sehr zweifeln.”
Nunmehr hat Christian Jäger die Arbeitslosigkeit längst hinter sich gelassen. Seit sechs Jahren beginnt sein Tag um 7 Uhr im Krefelder Rathaus. Bis zu 200 Briefe täglich adressieren hier allein den Fachbereich Soziales und Senioren. Jäger öffnet die Post, sortiert sie nach Zuständigkeitsbereich und gibt sie in die verwaltungsinterne Verteilung. Er ist auch für den Postausgang verantwortlich, kümmert sich um „Datenmüll”, koordiniert neue Materiallieferungen und erledigt kleinere handwerkliche Arbeiten. Der 62-Jährige ist zum Allrounder avanciert und kennt sich in seinem Fachbereich aus. Meistens genügt ihm ein rascher Blick, um zu wissen, ob das Anliegen der Altenhilfe, Grundsicherung oder dem Bildung-und-Teilhabe-Paket gilt. „Die Aufgabe hier macht mir großen Spaß”, sagt Jäger. „Und ich vergesse nicht, dass ich bis heute super von allen aufgenommen wurde. Jeder war und ist mir eine große Hilfe.” Ein Urteil, das seine Kollegen unisono auch über Christian Jäger fällen.



















