Oberhausen. Auch nach bald 60 Jahren medizinischer Einzelfallhilfe bleibt dieser Kernbereich des Friedensdorfes sowohl in seiner praktischen Durchführung als auch in der Darstellung für Spendende und Interessierte komplex. Sehr viele Akteure sind beteiligt, wenn verletzte Kinder aus Zentralasien, Afghanistan und Angola bei groß angelegten Chartereinsätzen nach Deutschland geholt und wenige Tage zeitversetzt genesene Kinder heimgebracht sowie tonnenweise Hilfsgüter transportiert werden. Es braucht verlässliche Partner im In- und Ausland und eingespielte Routinen, die dafür sorgen, dass alles funktioniert. Im Friedensdorf gibt es sie – und es gibt ein Bewusstsein dafür, dass es notwendig ist, über diese Routinen hinauszugehen, sich flexibel an veränderte Bedingungen anzupassen, Hilfen auszuweiten. 2025 ist das wieder geschehen.
Neben zwei großen Hilfsflügen nach Angola und Afghanistan kombiniert mit Zentralasien, bei denen 150 Kinder neu aufgenommen und 77 Kinder zu ihren Familien zurückgebracht wurden, hat das Friedensdorf in zwei Bereichen aufgestockt: den Auslandsoperationen und der Soforthilfe.
„Wir freuen uns, dass die Einzelfallhilfe im letzten Jahr stabil geblieben ist, gleichzeitig registrieren wir drastisch steigende Bedarfe“, erläutert Friedensdorf-Leiterin Birgt Stifter. „Vor allem in Afghanistan sind unsere Kolleg*innen von hilfesuchenden Familien quasi überrannt worden.“ Um dem enormen Bedarf ein stückweit zu begegnen, hat das Friedensdorf mehr in Operationen im Ausland investiert. Seit Ende 2023 werden Kinder beispielsweise mit leichteren Knochenentzündungen in Kabul operiert, im letzten Jahr konnte eine dritte Klinik dazugewonnen werden, die auch urologische Operationen anbietet. Insgesamt wurden 2025 57 OPs in Kabul durchgeführt. Eine mobile Klinik, die erste ihrer Art in Afghanistan, ist darüber hinaus seit Ende des Jahres im Einsatz, untersucht und behandelt Kinder in allen Landesteilen und ist im Katastrophenfall zur Stelle. Auch in Dohuk (Kurdistan/Nordirak) finanziert das Friedensdorf Ärzte und Medikamente für eine mobile Klinik.
Auch in anderen Ländern wie Armenien, Usbekistan und im Nordirak/Kurdistan finanziert das Friedensdorf in enger Absprache mit den jeweiligen Partnern vor Ort und den Kliniken bzw. den behandelnden Ärzten Operationen für Kinder, die dann nicht ausreisen müssen. Die Projektarbeit, die auch über die Erträge der Friedensdorf Gemeinschaftsstiftung finanziert wird, wurde 2025 fortgesetzt und ausgebaut. Gelder flossen u.a. in die laufenden Sozialprojekte z.B. in Kambodscha wie auch in die Lebensmittelhilfen in den Partnerländern.
Freibettensituation in Deutschland bleibt schwierig
Dass Kinder in ihrer Heimat operiert werden können, ist für sie selbst und ihre Familien ein doppelter Gewinn. Durch die Finanzierung des Friedensdorfes ist eine OP möglich, für die die Familien selbst niemals aufkommen könnten, gleichzeitig bleibt ihnen die lange Trennung durch einen Aufenthalt in Deutschland erspart. „Aber wir müssen auch der Realität ins Auge blicken, dass sehr schwere Verletzungen z.B. in Kabul nicht operiert werden können – und auch nicht in Deutschland. Zum einen bekommen wir insgesamt zu wenige Freibehandlungen und zum anderen braucht man für derart komplexe und ausgeprägte Verletzungen Spezialisten, die es auch bei uns nicht im Überfluss gibt. Solche Verletzungen kommen im Alltag in Deutschland schlichtweg nicht vor“, resümiert Birgit Stifter.
Das Friedensdorf-eigene Medizin-Zentrum, in dem kleinere Eingriffe u.a. im (hand-)chirurgischen Bereich stattfinden, ist weiterhin im Betrieb. Ehrenamtlich tätige Ärzte haben dort 2025 105 Operationen durchgeführt.
Stabile Spendensituation
Die Oberhausener Kinderhilfsorganisation, die 2025 auf ein stabiles Spendenvolumen im Bereich der allgemeinen Spenden zurückgreifen konnte, tut, was sie kann. Dazu gehören neben dem medizinisch-operativen Bereich inzwischen immer mehr Soforthilfemaßnahmen, die betroffenen Menschen, darunter besonders vielen Kindern, unmittelbar nach Katastrophenfällen helfen. Allein in Afghanistan, das immer wieder von schweren Erdbeben, Überschwemmungen und zuletzt heftigen Schneefällen gebeutelt wurde, kamen 2025 13 Emergency Health Kits an. Jedes der nach WHO-Standard gepackten Hilfspakete hält medizinisches Material und Medikamente für bis zu 10.000 Personen bereit, ein Paket kostet im Schnitt etwa 30.000 Euro. In Afghanistan ist Friedensdorf International inzwischen weitestgehend allein auf weiter Flur, die meisten anderen Hilfsorganisationen haben das Land verlassen. „Afghanistan ist zerrüttet, aber die Menschen vor Ort, die Kinder, kämpfen so tapfer und hart für ihre Zukunft; wir wollen sie nicht im Stich lassen“, beschreibt Friedensdorf-Sprecherin Claudia Peppmüller die Motivation zum Weitermachen. „Inzwischen sind wir dazu übergegangen, gezielter als früher über unsere einzelnen Hilfsaktionen zu berichten und um Unterstützung aus der Bevölkerung zu bitten“, führt sie weiter aus. „Viele Spendende fragen heute kritischer nach, stehen oft selbst unter dem Druck, ihr Geld zusammenzuhalten. Wir verstehen das und möchten größtmögliche Transparenz schaffen.“
Neben den Health Kits gingen 2025 Lebensmittelpakete, Decken, Babynahrung und Hygieneartikel in verschiedene afghanische Provinzen. Hygieneartikel und Lebensmittel finanzierte das Friedensdorf noch im Dezember auch für flüchtende Familien in Kambodscha, wo der Grenzkonflikt mit Thailand wieder aufgeflammt war. Insgesamt hat die Hilfsorganisation im letzten Kalenderjahr 434 Tonnen Hilfsgüter in sechs verschiedenen Ländern verteilen lassen, um in akuten Notlagen zu helfen und möglichst viele verletzte Kinder so zu versorgen, dass daraus keine schwerwiegenden oder lebensbedrohlichen Zustände entstehen, aber auch um ehemaligen Patienten ihre benötigte Dauermedikation zu geben und um Familien, darunter vielen alleinerziehenden Müttern und ihren Kindern in Tadschikistan, mit Lebensmitteln über den Winter zu helfen.
Friedenspädagogik unvermindert fortgesetzt
Auch die friedenspädagogische Bildungsarbeit, für die das Bildungswerk verantwortlich zeichnet, lief im vergangenen Jahr erfolgreich weiter. Über 90 Gruppen, darunter viele Schulklassen, mit insgesamt gut 2.000 Teilnehmenden waren im letzten Jahr in der Begegnungsstätte zu Gast. Beim letzten Dorffest, dem Tag der offenen Tür im Friedensdorf, wurde zuletzt der Jugendfriedenspreis „Youth4Peace“ durch Mitarbeitende des Bildungswerkes verliehen. Nationale wie internationale Beiträge von Einzelpersonen und Gruppen begeisterten die Jury und zeigten auf vielfältige und kreative Weise, wie junge Menschen den Begriff Frieden interpretieren – und warum es Sinn macht, sich weiterhin dafür einzusetzen.






















