Teheran (Foto: Unsplash)
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Oberhausen. Ich lebe heute in Oberhausen. Mein Alltag hier ist ruhig, geordnet und geprägt von Routinen: Arbeit, Termine, Wege durch die Stadt. Von außen betrachtet unterscheidet sich mein Leben kaum von dem vieler anderer Menschen. Oberhausen ist für mich ein Ort der Sicherheit geworden – ein Platz, an dem ich meinen Alltag gestalten kann, ohne Angst vor Repression oder Verfolgung.

Dieses Leben ist jedoch das Ergebnis einer Entscheidung, die nicht freiwillig war. Ich habe meine Heimat Iran verlassen, weil politisches Engagement, kritisches Denken und öffentliche Meinungsäußerung dort mit realen Risiken verbunden sind. Für viele Menschen bedeutet dies Überwachung, Verhaftung oder Gewalt. Auch für mich war klar, dass ein Leben in Sicherheit nur außerhalb des Landes möglich sein würde.

Diese Risiken sind kein Zufall, sondern Teil eines staatlich organisierten Systems. In der Islamischen Republik Iran ist politische Gewalt institutionell verankert. Repression, Überwachung und Einschüchterung richten sich systematisch gegen Kritikerinnen und Kritiker, gegen Journalistinnen und Journalisten sowie gegen Menschen, die öffentlich abweichende Meinungen äußern. Viele von ihnen sitzen bis heute in politischen Gefängnissen – nicht wegen konkreter Straftaten, sondern wegen ihrer Worte, ihrer Texte oder ihres Engagements.

Exil ist kein Moment, sondern ein Zustand. Es bedeutet, physisch an einem sicheren Ort zu sein, während ein Teil des eigenen Denkens und Fühlens dauerhaft anderswo bleibt. Die geografische Distanz zur Heimat ist messbar, die innere Distanz jedoch nie vollständig. Besonders in Zeiten politischer Krisen wird diese innere Verbindung stärker spürbar.

In den vergangenen Monaten haben erneute Proteste in Iran gezeigt, unter welchem Druck viele Menschen dort leben. Forderungen nach Freiheit, Würde und grundlegenden Rechten werden häufig mit staatlicher Gewalt beantwortet. Diese Entwicklungen betreffen mich nicht nur politisch, sondern auch persönlich. Meine Familie, meine Freunde und viele Menschen, die ich kenne, leben weiterhin dort. Die Sorge um ihre Sicherheit begleitet mich täglich.

Diese Sorge ist kein lauter Schmerz, sondern eine konstante Präsenz im Hintergrund meines Alltags. Sie zeigt sich beim Lesen von Nachrichten, in Gesprächen, in Momenten der Stille. Während mein Leben hier in Oberhausen von Stabilität geprägt ist, bleibt das Bewusstsein für die Unsicherheit dort bestehen. Exil bedeutet in diesem Sinne Sicherheit für den eigenen Körper, aber keine vollständige Ruhe für den Geist.

Hossein Amjadi (Foto: Hossein Amjadi)

Gleichzeitig versuche ich, hier ein normales Leben zu führen. Ich arbeite, baue soziale Kontakte auf und finde langsam meinen Platz in einer neuen Umgebung. Viele Exilierte kennen dieses Spannungsfeld: Dankbarkeit für die Sicherheit hier und zugleich das Gefühl, innerlich zwischen zwei Welten zu leben.

Diese Erfahrung prägt auch meinen Blick auf Verantwortung. Die Möglichkeit, in Deutschland frei zu sprechen und zu schreiben, ist für mich keine Selbstverständlichkeit. Sie ist verbunden mit der Frage, wie man diese Freiheit nutzt – ruhig, reflektiert und ohne andere zu gefährden. Für mich bedeutet das, aufmerksam zu bleiben, Entwicklungen einzuordnen und zugleich die eigene Sprache bewusst zu wählen.

Exil ist kein Zustand, den man hinter sich lässt. Es ist eine Form des Lebens, die sich über Jahre verändert, aber nicht verschwindet. Oberhausen ist heute mein Lebensmittelpunkt. Iran bleibt Teil meines Denkens. Zwischen beiden entsteht ein Alltag, der nicht spektakulär ist, aber ehrlich – getragen von dem Versuch, Stabilität zu finden und verbunden zu bleiben.

Hossein Amjadi
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