Krefeld. Solch ein unglaubliches Spektakel erlebten die Krefelder wohl noch nie: die Samt- und Seidenstadt stand Kopf, als „Seine Majestät“ Kaiser Wilhelm II. vor 120 Jahren zu seinem zweiten Besuch kam. Der preußische Monarch brachte hoch zu Ross am 2. April 1906 unter Pauken und Trompeten die „versprochenen Tanzhusaren“ in die festlich geschmückte Stadt. Mehr als 100.000 Besucherinnen und Besucher lockte das mondäne Ereignis an, dessen Ausgangspunkt ein bis heute überliefertes Ereignis – vielleicht auch nur eine Legende – zugrunde liegt: Bei einem ersten Krefeld-Besuch 1902 fragte der Kaiser junge Ehrendamen: „Tanzen Sie auch schön mit meinen Leutnants?“ – „Nein, wir haben ja keine“, bekam er zur Antwort, worauf der Kaiser versprach: „Dann schicke ich Ihnen eben welche.“ Und tatsächlich verfügte er die Verlegung des 2. Westfälischen Husarenregiments Nr. 11 von Düsseldorf nach Krefeld. Dabei standen jedoch nicht die jungen Damen im Vordergrund, sondern in erster Linie wirtschaftliche Interessen.
Festzug durch die Stadt
Bereits am Vorabend des Kaiserbesuchs versammelten sich tausende Schaulustige in der Stadt. Am Festtag selbst fuhren Sonderzüge nach Krefeld, die neben den vollbesetzten regulären Zügen Menschenmassen beförderten. Die Straßen waren überfüllt: „Hurra, der Kaiser kommt.“ Um 12 Uhr fuhr der Sonderzug des Kaisers an einem provisorisch errichteten Bahnhof an der Oppumer Straße (Bereich Großmarkt) ein. Zur Begrüßung ertönten 101 Salutschüsse, und 1.000 Brieftauben flatterten in den Himmel. Nachdem der Kaiser die Front seiner Husaren abgeritten hatte, formierte sich das Regiment für den gut vier Kilometer langen Festzug. Bei „Kaiserwetter“ führte an der Spitze Wilhelm II. alle Mann an. Den Festweg vom Sprödentalplatz bis zur neuen Kaserne (heute Westparkstraße) hatten die Krefelder mit Fahnen, Toren, Säulen, Blumen und allerhand Grünzeug pompös geschmückt. Das Ereignis wurde sogar gefilmt. Die Aufnahmen existieren noch im Stadtarchiv.
Im Vorfeld des feierlichen Einzugs in Krefeld beauftragte die Stadt ein Ölgemälde beim Berliner Maler Karl Röhling. Das 12.000 Mark teure Monumentalbild misst 2,7 mal 1,9 Meter und hängt heute im Sitzungssaal des Rathauses Bockum. Der festgehaltene historische Moment zeigt den Kaiser am Ostwall Ecke Rheinstraße. Die aufgebauten Tribünen mit den Ehrengästen bildeten eine Art kleines Stadion. Oberbürgermeister Dr. Adalbert Oehler trug zu diesem Anlass zum ersten Mal die goldene Amtskette, die ihm zu diesem Tag verliehen worden war. Seine Tochter, Fräulein Ilse Oehler, begrüßte den Kaiser mit einem Blumenstrauß. Auf dem weiteren Weg zur Kaserne sangen am Friedrichsplatz 1.400 Kinder im Chor für seine Majestät. Abschließend gab es eine Parade an der Kaserne am Bissingplatz (heute Konrad-Adenauer-Platz).
Nachdem Wilhelm II. in der Kaserne eine kleine Mahlzeit zu sich genommen und sich umgezogen hatte, fuhr er mit einer Kutsche zum Theater an der Rheinstraße. Wieder säumten jubelnde Schaulustige die Straßen und versuchten, einen Blick auf ihn zu werfen. Dieser Theaterbesuch bot einigen Krefeldern die einmalige Gelegenheit, den Kaiser aus nächster Nähe zu sehen und eventuell sogar das eine oder andere Wort mit ihm zu wechseln. Die Karten für den Abend sollen sehr begehrt gewesen sein. Es wurde eine Aufführung des Lustspiels von Gustav von Moser „Das Stiftungsfest“ gezeigt. Danach verließ der Kaiser das Theater, fuhr mit der Kutsche via Ostwall zum Bahnhof, wo ihn sein Sonderzug erwartete.
Die Kaserne im Kempener Feld
Im Sommer 1902 besuchte Kaiser Wilhelm II. erstmals die Samt- und Seidenstadt, um mit den Krefeldern deren 200-jährige Zugehörigkeit zur preußischen Krone zu feiern. Dabei kündigte er an, die Stadt solle eine Garnison erhalten. Der Stadt war an diesem infrastrukturell bedeutenden Konjunkturprojekt angesichts der wachsenden Probleme in der Textilwirtschaft sehr gelegen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte sich Krefeld eine solche Investitionen durchaus auch noch leisten, verfügte man doch über das zweithöchste Pro-Kopf-Einkommen im Deutschen Reich. Im Reichstag hingegen wurde die Ankündigung als Skandal gesehen, da man glaubte, für eine Laune des Kaisers teuer bezahlen zu müssen – das Versprechen an die Ehrendamen, ihnen Tanzpartner zu senden.
Wenige Tage nach der kaiserlichen Ankündigung beschloss die Krefelder Stadtverordnetenversammlung vier Millionen Mark in die Hand zu nehmen, um außer einer Kasernenanlage im Kempener Feld einen Exerzierplatz auf dem Egelsberg und einen Schießstand im Hülser Bruch zu bauen. Im September 1904 erfolgte die Grundsteinlegung für die Husarenkaserne. Das patriotische Prestigeprojekt wurde schon 1906 weitgehend fertiggestellt. Die endgültige Abrechnung der Kosten, die die Stadt für die Verlegung des Regimentes nach Krefeld zu bestreiten hatte, belief sich auf die damals enorme Summe von 3,8 Millionen Mark (heute geschätzt etwa 32 bis 33 Millionen Euro). Davon entfielen 700.000 Mark auf den Grunderwerb und 3,1 Millionen auf die Baukosten für Kaserne, Kasino, Proviantamt und Lazarett. Dazu kamen noch „einige 100.000 Mark“ für die Errichtung der Zufahrts- und Verbindungsstraßen und des öffentlichen Platzes zwischen Kaserne und Kasino.
Denkmal am Grafschafterplatz
Die Zeit der Husaren in Krefeld sollte nicht lange andauern. Als der Erste Weltkrieg 1914 begann, rückte die Einheit zuerst nach Belgien aus und wurde später nach Russland verlagert. Die überlebenden Soldaten kehrten nicht mehr nach Krefeld zurück, sondern wurden in Düsseldorf kaserniert. An die über 300 gefallenen Husaren erinnert seit 1929 ein Denkmal auf dem Grafschafterplatz an der Moerser Straße, in der Nähe der Husarenstraße am Stadtwald. Ein Teil der ehemaligen Kasernengebäude und Ställe an der Westparkstraße, der Girmesgath und in direktem Umfeld wird heute noch genutzt.






















