Niederrhein/Stuttgart/Tübingen. Was nützt das viele Geld für Infrastruktur, wenn es an den notwendigen Rohstoffen fehlt und an den Genehmigungen, um sie zu gewinnen? Diese Frage stellt der neue Film „Was nützen Scheine ohne Steine“, den die Initiative zukunft niederrhein gemeinsam mit dem Bundesverband Mineralische Rohstoffe e.V. (MIRO) und der Initiative KiWi (Kieswirtschaft im Dialog) produziert hat.
Premiere und klare Worte zur Bürokratie
Der Film wurde vorletzte Woche in Stuttgart erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Für zukunft niederrhein war Geschäftsführer Sascha Kruchen vor Ort, der die Premiere auch zum Austausch nutzte, unter anderem mit dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der als einer der profiliertesten Kritiker überbordender Bürokratie gilt. Palmer machte dabei deutlich: „Der Film ist brillant, weil er die Kernthemen der Bürokratie in Deutschland herausarbeitet.“ Zugleich kritisierte er, dass viele der entscheidenden Probleme zu wenig öffentliche Aufmerksamkeit erhielten. Der Film leiste hier einen wichtigen Beitrag. Bei ihm habe er „zig Déjà-vus allein aus der letzten Woche“ ausgelöst.
Mitglied in der Initiative zukunft niederrhein sind:
GMG Sand und Kies GmbH & Co. KG / Gossens GmbH / Heeren-Herkener Kiesbaggerei GmbH / Holemans GmbH / Hülskens Holding GmbH & Co. KG / Kieswerk Grotendonk GmbH / Niederrheinische Dienstleistungsgesellschaft für Kies und Sand mbH / RMKS Rhein Main Kies und Splitt GmbH & Co. KG / Siemes Sand- und Kiesbaggerei GmbH & Co. KG / Teunesen Sand und Kies GmbH / Theo Kuypers Kiesbaggerei GmbH / Welbers Kieswerke GmbH / J. Klösters Kies & Beton GmbH / Frika-Kies GmbH & Co. KG
Kruchen betonte: „Was viele Menschen am Niederrhein als regionales Konfliktthema erleben, ist in Wahrheit ein bundesweites Problem.“ Ob Kies, Sand oder Naturstein, die Gewinnung mineralischer Rohstoffe wird durch langwierige und zu komplexe Genehmigungsverfahren zunehmend erschwert. Projekte verzögern sich über Jahre, teilweise Jahrzehnte. Der neue Film des Kölner Regisseurs Søren Eiko Mielke widme sich diesem Thema mit einer Mischung aus analytischer Schärfe und pointierter Leichtigkeit.
Rohstoffversorgung unter Druck, auch am Niederrhein
Dabei sei die Situation auch am Niederrhein ernst: Ohne neue Genehmigungen drohe die Produktion der unverzichtbaren Baurohstoffe Sand und Kies in der Region in den kommenden zehn Jahren weitgehend zum Erliegen zu kommen. Dabei attestiert der jüngst veröffentlichte NRW-Rohstoffmonitoring-Bericht einen weiterhin hohen Bedarf: „Die NRW-Industrie wird auch in den kommenden zehn Jahren noch in erheblichem Umfang auf die Gewinnung des Primärrohstoffs Kies und Sand angewiesen sein.“ Er wird für den Wohnungsbau, den Erhalt und Ausbau der Infrastruktur sowie die Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft gebraucht.
zukunft niederrhein ist sich bewusst, dass die Gewinnung von Sand und Kies in der Region ein emotional diskutiertes Thema ist. Gerade deshalb wolle die Initiative mit dem Film zur Versachlichung beitragen: Er zeige anhand zahlreicher Beispiele aus ganz Deutschland, wie komplex die Verfahren sind, wo konkrete Hürden liegen und warum dringend Lösungen benötigt werden.
Mehrere Filmversionen auf YouTube
Im Film kommen neben Menschen aus der Praxis auch prominente politische Stimmen zu Wort, darunter Bundes- und Landespolitiker, die den Handlungsdruck beim Bürokratieabbau unterstreichen. Ihre Botschaft ist klar: Wenn Deutschland seine Infrastruktur modernisieren will, müssen Planungs- und Genehmigungsverfahren deutlich schneller und effizienter werden. Mit „Was nützen Scheine ohne Steine“ will zukunft niederrhein gemeinsam mit seinen Partnern einen Impuls für diese Debatte setzen. Es gibt den Film in einer längeren Doku-Fassung und in einer rund 10-minütigen Kurzversion.
Stellungnahme #daspinkekreuz zum Film “Scheine ohne Steine”
„Was nützen Scheine ohne Steine?“ – ein hübscher Slogan für ein altes Lobby-Märchen
Der neue MIRO-Film ist kommunikativ geschickt gemacht. Er beginnt dort, wo fast alle nicken: marode Brücken, kaputte Schulen, schleppende Verfahren, frustrierende Bürokratie. Ein reales Ärgernis also. Und genau dieses breite Ärgernis wird dann elegant auf das eigentliche Ziel umgeleitet: schnellere Genehmigungen für immer neue Kies-, Sand- und Natursteinabbauflächen. Das ist nicht Aufklärung. Das ist Interessenpolitik mit Kamerafahrt.
Wir von #DasPinkeKreuz sagen klar: Ja, Deutschland braucht schnellere Verfahren. Aber eben schnellere Entscheidungsverfahren, nicht suggestiv beschleunigte Abbau-Genehmigungen. Der Unterschied ist nicht semantisch, sondern rechtsstaatlich. Ein echtes Entscheidungsverfahren ist ergebnisoffen. Es kann zu einem schnellen Ja führen. Es kann aber auch zu einem schnellen Nein führen. Genau das verschweigt der Film fast vollständig.
Denn was hier als lästige Bremse inszeniert wird, sind in Wahrheit oft genau die Prüfungen, die in einem Rechtsstaat notwendig sind: Umweltbelange, Grundwasser, Artenschutz, Flächenverbrauch, Landwirtschaft, Naherholung, archäologische Funde, Anwohnerinteressen. Wer das alles unter dem Schlagwort „Bürokratieabbau“ zusammenschiebt, betreibt begriffliche Flurbereinigung, bevor der Bagger überhaupt anrückt.
Besonders aufschlussreich wird es dort, wo der Film das Gemeinwohl gegen Einzelrechte in Stellung bringt. Das klingt erst einmal staatstragend. Tatsächlich ist es der alte Taschenspielertrick: Beteiligung, Einwendung und gerichtliche Kontrolle erscheinen plötzlich nicht mehr als Schutzmechanismen, sondern als Störung. Übersetzt heißt das: Wer widerspricht, stört den Fortschritt. Das ist bequem. Und unerquicklich.
Ebenso einseitig ist die Rohstofflogik des Films. Recycling wird erwähnt, aber nur pflichtschuldig, um es im nächsten Satz kleinzurechnen. Über Materialeffizienz, Ersatzbaustoffe, rohstoffärmeres Bauen, klügere Standards und eine echte Kreislaufwirtschaft verliert man lieber nicht zu viele Worte. Verständlich: Wer Primärabbau vertritt, spricht ungern darüber, wie man Primärabbau verringert. Gerade deshalb muss man es umso deutlicher sagen.
Ja, mineralische Rohstoffe werden gebraucht. Aber daraus folgt eben nicht, dass jede konfliktträchtige Fläche zur moralischen Pflichtveranstaltung für den Bagger wird. Nicht jede Lagerstätte muss erschlossen werden. Nicht jeder Widerstand ist ideologisch. Und nicht jede Verzögerung ist ein Skandal. Manchmal ist eine Verzögerung schlicht das Ergebnis davon, dass eine Fläche fachlich, ökologisch oder gesellschaftlich schlecht gewählt ist.
Was also wäre die ehrliche Konsequenz? Frühzeitige Beteiligung aller Betroffenen. Klare Zuständigkeiten. Digitale Verfahren. Harte Fristen. Gute personelle Ausstattung der Behörden. Und am Ende eine zügige, saubere, nachvollziehbare Entscheidung. Ja oder Nein. Nicht das politische Durchwinken unter dem freundlichen Etikett „Beschleunigung“.
Wer Schulen, Brücken und Energiewende sagt, darf nicht so tun, als führe der einzige Weg dorthin über erleichterten Primärkiesabbau. Das ist die zentrale Irreführung dieses Films. Er verkauft ein Brancheninteresse als alternativlose Daseinsvorsorge. Genau das ist die eigentliche Überdehnung.
Wir sind für weniger Bürokratie. Aber wir sind nicht dafür, dass man unter diesem populären Deckmantel die Abwägung entkernt. Was Deutschland braucht, ist nicht die schnellere Genehmigung um jeden Preis. Deutschland braucht den Mut zur schnelleren, ehrlicheren Entscheidung. Und dazu gehört ausdrücklich auch das schnelle Nein.
Denn ein Rechtsstaat ist keine Abkürzung für Lobbywünsche. Er ist dazu da, sie zu prüfen.
Die öffentliche Linie von #DasPinkeKreuz passt dazu sehr klar: Protest gegen Kiesabbau, Kritik an überholten betonorientierten Bauweisen, Forderung nach Rohstoffwende, Alternativen und konfliktärmeren Lösungen sowie der Anspruch, sachlich zu argumentieren und zugleich klar Position zu beziehen.
#DasPinkeKreuz
Aktionsbündnis
www.daspinkekreuz.de



























