Recklinghausen. “Warm greetings to you from a restless, weary, and wounded Iran. As we place these words beside one another, we do not even know whether – after 1,368 hours of living in darkness and without internet – this message will reach you at all.” Diese Nachricht der Shieveh Theater Company erreichte die Ruhrfestspiele am vergangenen Samstag.
Die Ruhrfestspiele müssen die geplanten Vorstellungen der iranischen Produktion „Das Kind (بچه)” der Shieveh Theater Company absagen. Die Inszenierung war als zentrale Schauspielproduktion der diesjährigen Ruhrfestspiele eingeladen und sollte das Schauspielprogramm Anfang Mai eröffnen. Aufgrund der aktuellen Situation im Iran hat das Ensemble keine Möglichkeit nach Deutschland zu reisen.
Die Künstler/innen der Shieveh Theater Company aus Teheran sind durch die aktuellen Ereignisse von der Welt abgeschnitten: kein Internet, oftmals kein Strom, keine Visa, keine zivile Luftfahrt. Ihr Alltag ist unsicher und ungewiss, ihre Arbeit und Existenzgrundlage sind infrage gestellt. Als Company, die überwiegend aus Künstlerinnen besteht, stehen sie zudem in einer Tradition des Widerstands, dem das Regime seit Jahren mit Repressionen begegnet. Die Ruhrfestspiele stehen in Kontakt mit der Company, der unregelmäßig und unkalkulierbar ist.
“In these days of darkness and war, a part of our lives has become like the story of ‘The Child’ – left behind, stranded beyond the borders … and yet, it does not matter, because our hearts are entirely with you. Even though we have not met you in person, we feel that we know you. We do not speak the same language, and yet we understand each other deeply. Because between us there is a powerful and unshakable feeling – one that crosses distances, transcends borders, and binds us together. And that force is nothing other than the art of theatre. (…) We believe, with all our being, that theatre is stronger than war.”
Das gesamte Statement der Shieveh Theater Company inkl. einer deutschen Übersetzung finden Sie hier.
Bereits bei der Programmvorstellung der aktuellen Festivalausgabe Anfang März hatte Ruhrfestspiele-Intendant Olaf Kröck angekündigt, dass im Falle eines Ausfalls kein Ersatz für die eingeladene Produktion gesucht wird. Ihr Fehlen soll sichtbar bleiben. Die entstehende Lücke wird bewusst nicht geschlossen.
Olaf Kröck: „Dass wir kurz vor dem Start der diesjährigen Ruhrfestspiele über das Ausfallen der Aufführungen sprechen, während die Menschen im Iran in einer Realität der Unsicherheit und Isolation leben müssen, ist kaum zu ertragen. Wir werden diese Produktion im nächsten Jahr erneut einladen, als Zeichen der Solidarität und als verbindliches Versprechen, dass ihre Stimmen auf unserer Bühne gehört werden. Doch heute gilt unsere ganze Aufmerksamkeit den Künstler/innen, die in dieser Zeit nicht nur um ihre künstlerische Position, sondern um ihre Zukunft kämpfen. Die Ruhrfestspiele stehen an ihrer Seite und hoffen, dass die Shieveh Theater Company so bald als möglich wieder sicher und selbstbestimmt arbeiten kann.“
Die Einladung an die Shieveh Theatre Company bleibt bestehen. In enger Absprache mit der Company planen die Ruhrfestspiele, die Produktion im Rahmen der Ruhrfestspiele 2027 zu zeigen.
Für die aktuell geplanten Vorstellungen hat das Publikum der Ruhrfestspiele bereits zahlreiche Tickets gekauft. Das große Interesse zeigt, wie sehr diese Produktion erwartet wurde. Besucher/innen können ihre Tickets ab sofort zurückzugeben und sich den Kartenpreis erstatten lassen.
„Das Kind“, geschrieben von Naghmeh Samini und inszeniert von Afsaneh Mahian, erzählt von drei Frauen, die an einer europäischen Grenze aufgehalten werden: eine Jesidin aus dem Irak, eine Afghanin und eine Libyerin. Bei ihnen ist ein Kind, geboren auf der Flucht. Doch keine der drei Frauen will die Mutter des Kindes sein. Warum? Nur als unbegleitetes minderjähriges Kind hat es eine Chance jenseits der Grenze, und damit in Europa, in Sicherheit zu sein. In der Begegnung mit einem Grenzbeamten entsteht ein eindringliches Stück über Verantwortung, Menschlichkeit und Überleben. Die vielfach ausgezeichnete iranische Schauspielerin Fatemeh Motamed-Arya verkörpert in der Inszenierung alle drei Frauenrollen. Jenseits der öffentlichen Debatten über Migration hierzulande richtet „Das Kind“ den Blick auf Einzelschicksale, auf die Angst, die Hoffnung und die Menschlichkeit hinter den Schlagzeilen.
Die Shieveh Theater Company gehört zu den profiliertesten freien Theatergruppen im Iran und arbeitet seit vielen Jahren international. Ihre Produktionen werden weltweit auf Festivals gezeigt und stehen für ein politisches, künstlerisch präzises Theater.
Kontakt Kartenstelle der Ruhrfestspiele: Tel. +49 2361 9218-0; E-Mail






















