Krefeld. In der Krefelder Lokalpolitik und Bürgerschaft zeichnet sich neuer Streit um das geplante Großprojekt am Elfrather See ab. Während die Stadtverwaltung den Weg für erste Erdarbeiten ebnen will und die Investoren an ihrem Zeitplan festhalten, formiert sich politischer und rechtlicher Widerstand gegen die bevorstehende Baugenehmigung.
Das Großprojekt „Surfpark“ am Ostufer des Elfrather Sees erreicht den nächsten formalen Meilenstein. In der anstehenden Ratssitzung am Mittwoch, den 3. Juni 2026, steht die Erteilung der ersten Baugenehmigung auf der Tagesordnung. Nachdem der vorhabenbezogene Bebauungsplan Nr. 836 bereits Ende Februar rechtskräftig wurde, geht es nun um die konkrete Freigabe für erste Fäll- und Erdarbeiten sowie Maßnahmen zur Altlastenbeseitigung. Laut Beschlussvorlage der Verwaltung besteht ein rechtlicher Anspruch auf die Erteilung, da die grundlegenden bau- und planungsrechtlichen Kriterien im Vorfeld geprüft wurden und das konkrete Bauvorhaben die Basis des Plans bildete. Bedingung ist lediglich, dass die eingereichten Unterlagen den Festsetzungen des Plans und den getroffenen Vereinbarungen entsprechen. Dennoch wird die Kommunalpolitik – gemäß einem Ratsbeschluss aus dem Juli 2025 – vor der endgültigen Erteilung erneut in das Verfahren eingebunden. Verläuft die Abstimmung positiv, könnten die Bodenarbeiten unter Berücksichtigung des Natur- und Artenschutzes bereits im kommenden Herbst beginnen.
Millioneninvestition und Masterplan Elfrather See
Hinter dem Projekt steht die in Krefeld ansässige Westsurf GmbH & Co. KG. Das Unternehmen plant ein Investitionsvolumen von mehr als 45 Millionen Euro, um eine künstliche Surfanlage mit der sogenannten „Wavegarden“-Wellentechnologie zu realisieren, die computergesteuert Wellen für unterschiedliche Leistungsniveaus erzeugt. Das gesamte Areal für den Surfpark und einen angrenzenden Campingplatz umfasst rund neun Hektar Fläche. Die Stadt Krefeld betont in diesem Zusammenhang, dass von den insgesamt 138 Hektar Fläche des Elfrather Sees nahezu 130 Hektar weiterhin in öffentlicher Nutzung verbleiben. Neben der Surflagune und einem Restaurant mit Blick auf die Anlage sind Beachvolleyball- und Beach-Soccer-Flächen, eine Skaterbahn, ein Kletterpark sowie Wellnessangebote vorgesehen.
Flankiert wird das Vorhaben durch den übergeordneten städtischen „Masterplan Elfrather See“, der die Sport- und Freizeitfunktion des gesamten Geländes in den kommenden Jahren stärken und ausbauen soll. Hierzu laufen bereits Arbeiten für fünf frei zugängliche Bewegungparks rund um den See sowie der Bau einer neuen Zuschauertribüne an der Regattastrecke. Langfristig soll im Zuge dieses Konzepts auch der traditionelle Badesee reaktiviert werden.
Investoren setzen auf Weltmarkttrend und Gerichte
Während die Stadt und die Investoren den nächsten Verfahrensschritt als konsequente Umsetzung eines rechtskräftigen Bebauungsplans betrachten, hält die gesellschaftliche Diskussion an. Die Betreiberseite zeigt sich jedoch zuversichtlich. In einer Stellungnahme erklärte die Westsurf GmbH & Co. KG, dass bei einem Projekt dieser Größenordnung unterschiedliche wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Bewertungen erwartbar seien und sich sachliche wie ideologische Differenzen in der Natur der Sache begründen. Projektleiter Andreas Niedergesäss äußerte den Wunsch nach politischer Unterstützung und vor allem nach rechtlicher Planungssicherheit, betonte jedoch, dass die Bewertung der laufenden Gerichtsverfahren Sache der Gerichtsbarkeit sei.

Das Unternehmen hält unverändert an dem Ziel fest, den Surfpark Ende 2028 zu eröffnen. Zur Begründung verweisen die Investoren auch auf die internationale Marktentwicklung: Wellenreiten fernab von Meeresküsten erfreue sich wachsender Beliebtheit und entwickle sich zu einem eigenständigen Freizeit- und Tourismussektor. Der Technologie-Marktführer Wavegarden betreibe global bereits 12 Anlagen, 10 weitere seien im Bau und über 44 Projekte befänden sich in unterschiedlichen Entwicklungsstadien.
Grüne kritisieren Prioritätensetzung und Klimabilanz
Auf politischer Ebene stößt die Verwaltungsvorlage bei den Krefelder Grünen auf heftige Ablehnung. Die Fraktion bemängelt insbesondere die finanzielle Prioritätensetzung der Stadt. Es sei den Menschen in Krefeld kaum zu vermitteln, warum rund 750.000 Euro an städtischen Mitteln für die Erschließung des privatwirtschaftlichen Surfparks bereitgestellt werden, während im Haushalt weiterhin das Geld für die dringend notwendige Ertüchtigung und Wiederherstellung des öffentlichen Badesees fehle.
Roxy Motte, sportpolitische Sprecherin der Grünen, forderte, dass der Elfrather See ein frei zugänglicher Freizeit- und Sportort für alle Bürgerinnen und Bürger bleiben müsse. Julia Müller, planungspolitische Sprecherin der Fraktion, verwies auf ökologische Bedenken und bezeichnete das Vorhaben angesichts der Klimakrise als „aus der Zeit gefallen“. Der Schutz und die Aufwertung natürlicher Freiräume seien wichtiger als zusätzliche Flächenversiegelungen für ein energieintensives Großprojekt. Die Grünen unterstützen daher explizit die juristische Überprüfung durch den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).
Vorwürfe der Übereilung und Hoffnung auf Baustopp
Noch deutlicher wird die Kritik aus den Reihen der Surfparkgegner. Die Klimaaktivistin und Ratsfrau Björna Althoff (LUKS) wirft der Stadtverwaltung ein intransparentes Verhalten und ein Fehlverhalten gegenüber dem Rat vor. Obwohl sich die Politik die Genehmigung ausdrücklich vorbehalten habe, erweckten bereits gestempelte und unterschriebene Unterlagen ohne Vorbehaltsvermerk den Eindruck, als sei die Genehmigung verwaltungsintern schon vor Wochen erteilt worden. Zudem seien relevante Daten wie das Antragsdatum im Dokument geschwärzt und entsprechende Nachfragen an die Verwaltung bislang unbeantwortet geblieben.
Andrea Weidig von der Bürgerinitiative BIENE kritisiert, dass die Stadtverwaltung trotz der laufenden Klage- und Eilverfahren Fakten schaffen wolle. Mit einer Baugenehmigung könnten bereits Baumaßnahmen eingeleitet werden, die unumkehrbare Fakten am See schaffen und später nicht oder nur schwer rückgängig zu machen wären. Dass Verwaltung und Investor nicht das laufende Gerichtsverfahren abwarten wollen, zeige eine Ignoranz gegenüber dem Prozess.
Die Kritiker, unterstützt von der Bürgerinitiative BIENE und der Ortsgruppe von Fridays for Future Krefeld, setzen nun große Hoffnung auf eine umfangreiche, 161-seitige Klagebegründung der Kanzlei Günther, die im Mai eingereicht wurde. Darin werden dem Verfahren zahlreiche Fehler bei der Bekanntmachung und Offenlage sowie Verstöße gegen den Umwelt-, Natur- und Klimaschutz vorgeworfen. Die Initiative verweist zudem auf ein ähnliches Projekt in Stade, wo unlängst ein gerichtlicher Baustopp zulasten von Verwaltung und Rat bestätigt wurde. Man rechne sich daher mindestens die gleichen Erfolgsaussichten aus, den Bau im Eilverfahren zu stoppen.

Ein umstrittenes Zukunftsszenario
Damit bleibt der Surfpark am Elfrather See eines der umstrittensten Stadtentwicklungsprojekte Krefelds. Während Befürworter auf private Millioneninvestitionen, neue Freizeitangebote, touristische Impulse und die Weiterentwicklung des gesamten Areals verweisen, sehen Kritiker erhebliche Risiken für das Klima, die Natur und die uneingeschränkte öffentliche Nutzung des Geländes. Mit der bevorstehenden Ratsentscheidung wird nun zunächst über den nächsten formalen Schritt auf dem Weg zur Realisierung des Projekts entschieden. Die endgültige rechtliche Bewertung der Argumente dürfte jedoch weiterhin vor den Gerichten erfolgen.





















