Mönchengladbach. Fast 23.000 Menschen sind schon ins Wickrath des Jahres 1800 gereist – ganz ohne Zeitmaschine. Möglich macht das kein Filmstudio, sondern der Heimat- und Verkehrsverein Wickrath. Seit einem Jahr erzählt er auf TikTok, Instagram und YouTube die Geschichte des Ortes mit kurzen Videos, historischen Fotos, Animationen und künstlicher Intelligenz. Was zunächst als Experiment begann, um auch jüngere Leute anzusprechen, hat sich inzwischen zu einem festen Bestandteil der Vereinsarbeit entwickelt.
Als die Social-Media-Kanäle am 13. Juli 2025 an den Start gingen, war keineswegs klar, ob sich überhaupt genügend lohnende Themen finden würden. „Ich hatte selbst keine Ahnung, womit ich die Kanäle dauerhaft füllen sollte“, erinnert sich Vorstandsmitglied Ulrich Schröders, der die Beiträge recherchiert, erstellt und veröffentlicht. Die Sorge erwies sich als unbegründet: Innerhalb eines Jahres entstanden bereits 55 Videos – und ständig kommen neue Ideen hinzu.
Die Themen reichen von historischen Gebäuden und Persönlichkeiten über außergewöhnliche Zeitungsberichte bis hin zu plattdeutschen Begriffen oder interaktiven Quizformaten. Dabei zeigt sich, dass jede Plattform ihre eigenen Vorlieben hat. Auf TikTok wurde die Zeitreise ins napoleonische Wickrath zum Hit. Auf Instagram stieß besonders ein Video über den im Krieg zerstörten „Wolkenkratzer“ mit einem KI-generierten Drohnenflug auf großes Interesse. Bei YouTube entwickelte sich dagegen ein Beitrag über plattdeutsche Tierbezeichnungen zum erfolgreichsten Video.
Bis ein Video veröffentlicht werden kann, steckt jedoch viel Arbeit dahinter. Von der ersten Idee über die historische Recherche bis zum fertigen Schnitt vergehen meist sieben bis acht Stunden. Hinzu kommen Vertonung sowie Untertitelung und das Hochladen auf die drei verschiedenen Plattformen. Das fertige Ergebnis ist dagegen nur zwei bis drei Minuten lang. „Viele Videos wären ohne die jahrelange Forschungsarbeit des Geschichtskreises überhaupt nicht möglich. Seine Mitglieder haben zahlreiche Quellen ausgewertet, Fotos gesammelt und historische Ereignisse dokumentiert. Diese Vorarbeiten bilden für viele Videos die Grundlage.“, betont Schröders.
Moderne KI-Bildgeneratoren helfen dabei, Geschichte lebendig werden zu lassen, ersetzen aber keineswegs die sorgfältige Recherche. Im Gegenteil: Manchmal sorgen sie sogar für unfreiwillige Komik. Für ein Video über die Einführung der Wickrather Straßenbahn ließ die KI die historischen Bahnen zwar eindrucksvoll durch den Ort rattern, allerdings hartnäckig neben den Schienen statt darauf. Erst nach zahlreichen neuen Versuchen entstanden schließlich überzeugende Szenen, die den eigenen Ansprüchen genügten. „Die KI ist ein faszinierendes Werkzeug“, sagt Schröders schmunzelnd. „Aber manchmal kostet sie einen auch ein paar graue Haare.“
Spannend bleibt die Arbeit auch nach der Veröffentlichung. Wie stark die Algorithmen der einzelnen Plattformen ein Video pushen, lässt sich selbst nach einem Jahr Erfahrung kaum vorhersagen. Manche Beiträge erzielen innerhalb weniger Tage mehrere Tausend Aufrufe, andere erreichen trotz gleicher Sorgfalt deutlich weniger Menschen. Welche Geschichte den Nerv der Zuschauer trifft, bleibt deshalb bis heute immer wieder eine Überraschung.
Besonders freut den Verein die Resonanz der Zuschauer. Inzwischen hat sich auf allen drei Plattformen eine treue Gemeinschaft gebildet, die regelmäßig kommentiert, Beiträge teilt und mit „Gefällt mir“ bewertet. Gleichzeitig stoßen ständig neue Follower und Abonnenten hinzu. Immer wieder ergänzen Zuschauer die Videos durch eigene Erinnerungen, Hinweise oder historische Fotos. So entstehen nicht nur kurze Filme über Wickrath, sondern auch ein lebendiger Austausch über die Geschichte des Ortes.
Auch nach dem ersten Jahr gehen die Ideen nicht aus. Bereits geplant sind unter anderem Beiträge über die frühere Lederfabrik Spier, den Weg Wickraths in die Diktatur 1933 sowie weitere Videos rund um die plattdeutsche Sprache. Daneben sind auch weitere satirische Formate in Vorbereitung. Für Beiträge wie „Der Wickrather“, die augenzwinkernd typische Eigenarten und kleine Missstände im Ort aufs Korn nehmen, gab es bereits viele zustimmende Reaktionen.
Der Verein möchte diesen Weg auch im zweiten Jahr weitergehen und zeigen, dass Heimatgeschichte zu spannend ist, um im Archiv zu verstauben. Wer nun Appetit auf Wickrather historische Häppchen bekommen hat, findet die Videos auf den Social-Media-Kanälen des HuVV Wickrath bei YouTube, Instagram und TikTok.




















