Ennepe-Ruhr-Kreis/Berlin/Kreis Borken/Kreis Steinfurt. Die öffentliche Diskussion um Jens Spahns Familiengründung durch eine Leihmutterschaft im Ausland bewegt derzeit viele Menschen. Dabei geht es längst nicht mehr nur um die private Lebensentscheidung eines einzelnen Politikers. Es geht um Glaubwürdigkeit, politische Verantwortung und die Frage, wie wir als Volkspartei mit unterschiedlichen Überzeugungen umgehen.
Zunächst ist eines wichtig festzuhalten: Leihmutterschaften sind in Deutschland nach dem Embryonenschutzgesetz verboten. Erst auf dem CDU-Bundesparteitag im Februar 2026 wurde auf Initiative der Frauen Union beschlossen, das Verbot ausdrücklich auch für sogenannte alt-ruistische Leihmutterschaften zu bekräftigen. Die CDU begründete dies mit dem Schutz von Frauen vor Ausbeutung, gesundheitlichen Risiken und einer möglichen Kommerzialisierung von Schwangerschaft und Geburt.
Die Partei hat ihre Position auch nach Bekanntwerden der Familiengründung von Jens Spahn nicht verändert. Aus seinem Umfeld wurde erklärt, er leite aus seinem Privatleben keine politischen Forderungen ab. Auch das verdient Respekt. Nicht jede private Lebensentscheidung eines Politikers ist automatisch ein politisches Programm.
Gerade als Vorsitzende der Frauen Union der CDU Ennepe-Ruhr stehe ich selbstverständlich hinter demokratisch gefassten Parteitagsbeschlüssen. Sie bilden die Grundlage unserer gemeinsamen politischen Arbeit. Gleichzeitig lebt eine Volkspartei davon, dass Mitglieder unterschiedliche persönliche Überzeugungen haben dürfen. Niemand muss jede Position seiner Partei in jeder Gewissensfrage persönlich teilen. Wer anderer Auffassung ist, hat die Möglichkeit, auf einem Parteitag für seine Position zu werben und gegen Anträge zu argumentieren. Genau davon lebt innerparteiliche Demokratie.
Dennoch bleibt für mich eine Frage offen, die viele Bürgerinnen und Bürger derzeit bewegt: Glaubwürdigkeit.
Denn keine Übereinstimmung zwischen dem, was man sagt, und dem, was man tut, zerstört Vertrauen. Dies führt langfristig zu Demokratieverlust und Politikverdrossenheit.
Jens Spahn selbst hat Leihmutterschaft in der Vergangenheit kritisch beschrieben und unter anderem den Begriff des „gemieteten Mutterbauchs“ verwendet. Vor diesem Hintergrund empfinden viele Menschen seine persönliche Entscheidung heute als Widerspruch. Diese Wahrnehmung sollte die Politik ernst nehmen und nicht vorschnell als bloße Empörung abtun.
Nach meiner persönlichen Auffassung hätten seine besondere politische Verantwortung und Vorbildfunktion es nahegelegt, spätestens auf dem Bundesparteitag im Februar dieses Jahres offen zu seiner abweichenden Haltung Stellung zu beziehen und sich gegen den Antrag der Frauen Union auszusprechen. Das wäre transparent gewesen und hätte eine ehrliche Debatte ermöglicht. Denn anderen Paaren in Deutschland durch einen politischen Beschluss etwas zu verwehren, was man selbst aufgrund der finanziellen Möglichkeiten im Ausland in Anspruch nimmt, hinterlässt bei vielen Menschen ein nachvollziehbares Unbehagen.
Gleichzeitig möchte ich deutlich sagen: Die politische Debatte darf niemals auf dem Rücken eines Kindes oder einer Familie geführt werden. Jens Spahn und seine Familie verdienen Respekt und Schutz ihrer Privatsphäre. Es geht nicht um persönliche Verurteilungen, sondern um die politische und ethische Dimension eines gesellschaftlich hochsensiblen Themas.
Auch meine eigene Haltung ist differenzierter, als es die öffentliche Debatte häufig zulässt. Für mich steht der Schutz von Frauen eine ganz besondere Bedeutung. Jede Form der wirtschaftlichen Ausbeutung, des Drucks oder der Instrumentalisierung von Frauen lehne ich entschieden ab. Schwangerschaft darf niemals zur Ware werden.
Gleichzeitig halte ich es für legitim, die Frage zu stellen, ob unter strengsten rechtlichen Voraussetzungen, vollständiger Transparenz sowie umfassender medizinischer, psychologischer und ethischer Begleitung Modelle denkbar wären, die Ausbeutung wirksam ausschließen. Deutschland verfügt über hohe medizinische Standards und einen leistungsfähigen Rechtsstaat. Diese Diskussion muss ergebnisoffen geführt werden dürfen, ohne dass diejenigen, die Fragen stellen, automatisch einem politischen Lager zugeordnet werden.
Diese persönliche Überlegung ändert nichts an meiner Loyalität gegenüber dem geltenden Parteitagsbeschluss. Solange dieser Bestand hat, ist er die offizielle Position der CDU. Zugleich wünsche ich mir, dass wir in unserer Partei auch künftig Raum für offene Debatten über schwierige ethische Fragen bewahren.
Die aktuelle Diskussion bietet die Chance, über mehr als nur einen Einzelfall zu sprechen. Sie fordert uns heraus, über Verantwortung, Transparenz und Glaubwürdigkeit in der Politik nachzudenken. Bürgerinnen und Bürger erwarten zu Recht, dass zwischen politischem Handeln und persönlichem Verhalten möglichst wenig Widerspruch besteht. Wo dieser Widerspruch entsteht, braucht es keine Empörung, sondern Ehrlichkeit.
Denn Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass alle dieselbe Meinung vertreten. Vertrauen entsteht dort, wo politische Entscheidungen nachvollziehbar sind, unterschiedliche Auffassungen offen ausgesprochen werden und Verantwortung übernommen wird. Genau darin liegt die Stärke einer demokratischen Volkspartei.
Ein KlarKlick von Sarah Kramer, Vorsitzende der Frauen Union der CDU Ennepe-Ruhr
Anmerkung der Redaktion: Unter KlarKlick versteht die LokalKlick-Redaktion Gastkommentare, die zur gesellschaftlichen Diskussion führen. Sie geben nur die Meinung des Gastkommentatoren wieder und sind nicht unbedingt die Meinung der Redaktion.





























