(Foto: Daniel Lagerpusch)
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Tecklenburg. Mit der Premiere von „Der Medicus“ haben die Freilichtspiele Tecklenburg ihrer Spielzeit 2026 am Freitagabend einen eindrucksvollen Schlusspunkt der Premierenserie gesetzt. Der minutenlange Applaus von rund 2.000 begeisterten Besuchern und die Standing Ovations waren keine bloße Höflichkeit – sie waren die verdiente Anerkennung für einen Musicalabend, der gleichermaßen unterhält, bewegt und zum Nachdenken anregt.

Noah Gordons Weltbestseller gilt mit seinen mehr als 800 Seiten als kaum bändigbarer Stoff. Regisseur Werner Bauer gelingt jedoch das Kunststück, die Geschichte auf ihren emotionalen Kern zu verdichten, ohne ihr die epische Größe zu nehmen. Entstanden ist keine bloße Historienerzählung, sondern ein bildgewaltiges Musiktheater über den unstillbaren Drang des Menschen nach Erkenntnis, über Mut, Identität und die Frage, ob Wissen stärker sein kann als Vorurteile.

Thomas Hohler überzeugt als Rob Cole mit großer Präsenz. Seine Entwicklung vom verwaisten Jungen zum wissbegierigen Heiler ist jederzeit glaubwürdig und berührt. Ebenso stark präsentiert sich Navina Heyne als Mary Cullen, die ihrer Figur Wärme, Stärke und Tiefe verleiht. Auch Wolfgang Höltzel als Avicenna und Gerben Grimmius als Schah setzen markante Akzente. Dass darüber hinaus das gesamte Ensemble auf höchstem Niveau agiert, ist einer der größten Vorzüge dieser Produktion. Niemand wirkt austauschbar – jede Rolle trägt ihren Teil zu einem stimmigen Gesamtbild bei.

(Foto: Daniel Lagerpusch)

Musikalisch entfaltet die spanische Originalfassung von Iván Macías und Félix Amador ihre ganze Kraft. Die sinfonischen, teilweise fast opernhaften Klänge verleihen dem Werk eine emotionale Wucht, die sich perfekt mit den eindrucksvollen Chorszenen und der präzisen Choreografie verbindet. Gerade unter freiem Himmel gewinnen die großen Ensemblebilder zusätzliche Wirkung und verschmelzen mit der historischen Kulisse der Tecklenburger Burg zu einem beeindruckenden Gesamterlebnis.

Besonders beeindruckend ist jedoch die Botschaft, die weit über das mittelalterliche Setting hinausreicht. Im Mittelpunkt steht das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen. Christen, Juden und Muslime begegnen sich in der Geschichte nicht nur als Gegner, sondern vor allem als Menschen, die voneinander lernen können. Die berühmte Medizinschule von Isfahan wird zum Symbol dafür, dass wissenschaftlicher Fortschritt dort entsteht, wo Neugier wichtiger ist als Herkunft und Dialog stärker wirkt als Ausgrenzung.

Gerade in einer Zeit, in der religiöse und gesellschaftliche Spannungen vielerorts wieder zunehmen, entfaltet dieser Gedanke eine bemerkenswerte Aktualität. „Der Medicus“ erinnert daran, dass medizinisches Wissen, Humanität und gegenseitiger Respekt keine Grenzen kennen. Die Inszenierung erhebt dabei keinen moralischen Zeigefinger, sondern erzählt diese Botschaft klug und emotional – und genau deshalb wirkt sie so nachhaltig.

(Foto: Daniel Lagerpusch)

Regisseur Werner Bauer vermeidet jede romantische Mittelalter-Verklärung. Stattdessen zeigt er die Härte der damaligen Welt ebenso eindringlich wie den Gegensatz zwischen dem düsteren London und dem weltoffenen Isfahan. Die Inszenierung macht den Konflikt zwischen Glauben und Wissenschaft, Dogma und Erkenntnis nicht nur sichtbar, sondern spürbar. Gerade dadurch gewinnt die Geschichte ihre zeitlose Kraft.

Dass sogar Michael Gordon, der Sohn des 2021 verstorbenen Autors Noah Gordon, sowie die Musicalschöpfer Iván Macías und Félix Amador die Premiere persönlich begleiteten, unterstreicht die besondere Bedeutung dieser Produktion.

Sehr empfehlenswert: Die Freilichtspiele Tecklenburg beweisen erneut, warum sie zu den führenden Musicalbühnen Deutschlands gehören. „Der Medicus“ ist großes Musiktheater mit Herz, Verstand und außergewöhnlicher visueller Kraft. Wer einen Abend erleben möchte, der packende Unterhaltung mit einer zeitlosen Botschaft über Menschlichkeit, Toleranz und die verbindende Kraft des Wissens verbindet, sollte sich diese Inszenierung keinesfalls entgehen lassen. Eine der eindrucksvollsten Produktionen der diesjährigen Freilichtsaison – und eine uneingeschränkte Empfehlung.

Christian Voigt/LokalKlick
25. August 2026

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