(Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation)
Anzeigen

Krefeld. In der Vorburg von Burg Linn in Krefeld steckt so manche Geschichte, die Besucherinnen und Besucher bei einem Rundgang entdecken können. Das Gelände ist jederzeit und kostenfrei zugänglich. Das Areal beherbergte einst den Wirtschaftshof der mittelalterlichen Festungsanlage. Dort standen Gebäude für den landwirtschaftlichen Betrieb und zur Vorratshaltung. Diese Häuser, Stallungen und Schuppen wurden bereits vor einigen Jahrhunderten abgebrochen, und nichts erinnert mehr an deren Existenz. Das heutige Pflaster liegt zudem gut eineinhalb Meter über dem Niveau des 14. Jahrhunderts, in dem die Vorburg entstand. Im Gegensatz zur eigentlichen Burg, die Anfang des 18. Jahrhunderts ausbrannte und bis ins 20. Jahrhundert als Ruine brachlag, blieb die Vorburg über viele Jahrhunderte immer bewohnt. Durch die Bewohner beziehungsweise durch die Nutzung als Museum hat sich das Erscheinungsbild immer wieder verändert. 

Vom Brauhaus zum Jagdschloss

Der Rundgang beginnt vor dem Jagdschloss. Bei dem Gebäude handelt es sich um das einstige Back- und Brauhaus (erreichtet um 1488). Erzbischof Clemens August (1700-1761, Kurfürst seit 1723) ließ es um 1740 umbauen. Wegen seiner Jagdaufenthalte erhielt das Gebäude schließlich den Namen „Jagdschloss“. Der katholische Landesherr wohnte dort jedoch nicht. Seine Gesellschaft wurde standesgemäß in Uerdingen einquartiert. Jeder Besuch in der Rheinstadt entwickelte sich zu einem gefürchteten, teuren und aufwändigen Spektakel. Uerdingen und Linn gehörte zu dieser Zeit zu Kurköln. Zwei kleine schwarze Kreuze im Krefelder Stadtwappen erinnern noch heute an diese einstige Zugehörigkeit. Kurköln war eines von sieben Kurfürstentümern im Heiligen Reich Deutscher Nation, deren Herrscher den deutschen König wählten. Die Residenzstadt von Kurköln war Bonn, Köln gehörte als Freie Reichstadt nicht dazu. Kurköln ist zudem ein geistliches Territorium, das bedeutet, an der Spitze regiert ein Erzbischof als Kurfürst. Und eine der schillerndsten Persönlichkeiten war Erzbischof Clemens August. Von seinen geistlichen Aufgaben und Pflichten hielt sich der Erzbischof aus dem Haus der bayerischen Wittelsbacher gerne fern. Sein Lebensstil entsprach dem eines weltlichen Fürsten mit allem Luxus und Prunk – und er liebte die Jagd. Wegen des zahlreichen Wildbestandes in den hiesigen Wäldern kam Clemens August öfter nach Linn und Uerdingen. Dann erklangen die Jagdhörner in den Wäldern, wo er Rehen, Hirschen, Sauen und auch Wölfen nachstellte. An der Spitze der bunten Gesellschaft die Hunde und daselbst der Landesherr. Da er die Falken- und Parforcejagd, eine Form der Hetzjagd, bevorzugte, reiste er mit vielen Spezialisten an, deren Gehalt manchmal höher lag als das seiner Minister.

Seltenes Meißener Glockenspiel

Im Jagdschloss ist auch ein seltenes Meißener Glockenspiel eingebaut, das täglich um 11 und 16 Uhr erklingt. Es stammt jedoch nicht aus der Zeit der Kurfürsten, sondern aus dem 20. Jahrhundert: Dem Krefelder Geschäftsmann Paul Lenzen, in der Stadt als „Klockebaas“ bekannt gewesen, demontierte man im Zweiten Weltkrieg ein Spiel aus Bronzeglocken an seinem Geschäft an der Königstraße. Das Metall sollte zu Kanonen verarbeitet werden. Nach dem Krieg besorgte Lenzen sich für den Wiederaufbau seines Geschäftes 24 Glocken aus Porzellan, weil er nicht mehr riskieren wollte, dass man ihm eines Tages seine Glocken wieder abnehmen würde. Zu dem Einbau kam es jedoch nicht mehr. Nach seinem Tod übergab seine Schwester die Glocken Mitte der 1960er-Jahre dem Museum Burg Linn. Erst in den 1980er-Jahren wurde dieser Schatz wiederentdeckt, und die Museumsfreunde bemühten sich um den Einbau ins Jagdschloss. Das harmonische Zusammenspiel von Porzellanglocken gestaltet sich jedoch als ein kompliziertes Unternehmen. Für die Melodien des Krefelder Glockenspiels konnten die Museumsfreunde erst in den 1990er-Jahren einen Musikprofessor aus Dresden gewinnen. Er arrangierte die zwölf Melodien für die 18 Glocken, die noch heute im Wechsel der Jahreszeiten erklingen. Zudem können zu besonderen Anlässen die Europahymne und für Brautpaare Hochzeitslieder gespielt werden.

Der „Pempel“ für die Menschen

Im kleinen Hof zwischen Jagdschloss und Remise, die der Unterstellung von Kutschen diente, stehen auch ungewöhnliche Exponate, deren Herkunft nicht sicher ist: Die Säulenelemente und die dortigen Grabsteine könnten vom ehemaligen Krefelder Friedhof, dem heutigen Stadtgarten an der St.-Anton-Straße, stammen. Unter den Grabsteinen fällt einer auf: Er wird einem Chirugus Schöffer zugeordnet. Der Mediziner hat – wohl im 18. Jahrhundert – nicht seinen Namen und Daten auf dem Stein verewigen lassen, sondern seine medizinischen Instrumente. Dort befindet sich zudem der Gedenkstein für Arzt Dr. Johann Gotthard Lorenz von Pempelfurt (1733-1812) – der Düsseldorfer Stadtteil geht auf diese Familie zurück. Die Krefelder Bevölkerung nannte ihn kurz „Pempel“. Sie bezeichneten mit diesem liebvollen gemeinten wie anerkennenden Kosenamen einen Mann, der für seine Taten zum Wohl vor allem der armen Bevölkerung bekannt war. Im 18. und 19. Jahrhundert verwendeten die Bürger „Pempel“ gar als Synonym für die gesamte Ärzteschaft in der Samt- und Seidenstadt.

In Krefeld und Umgebung sah man den patriotischen Preußen stets zu Pferde unterwegs. Neben der Bekämpfung von Krankheiten kümmerte er sich auch um Impfungen sowie um die allgemeinen hygienischen Verbesserungen in der Stadt. Nachhaltige Anerkennung erwarb sich Pempelfort bei der Bekämpfung von Epidemien. Wieso sein Gedenkstein heute in der Vorburg steht, ist nicht klar. Nach der Auflösung des Friedhofs wurden seine sterblichen Überreste in die Alte Kirche überführt, wo über einige Jahre ein Gedenkstein an den Mediziner erinnerte. Wer die Aufstellung des Steins dort veranlasst hat, ist nicht bekannt. Der Bildhauer Johann Heinrich Dannecker (1758-1841) erhielt Ende 1812 einen Auftrag für das Marmor-Rundbild von Maria von der Leyen.

Ein Rad für arme Hunde

Etwas versteckt links neben der Museumskasse findet sich ein Butterrad. Wie in einem Hamsterrad musste ein Hund in diesem für Bewegung sorgen. Im Rheinland galten die Vierbeiner nicht als Haus- sondern als Nutztier. Hunde bewachten den Hof, sie zogen kleine Karren oder liefen in einem Butterrad. Über eine Welle und Zahnräder drehte sich in einem Butterfass eine Vorrichtung, welche die Milch langsam, aber beständig in Butter schlug. Bis elektrische Motoren auf die Höfe kamen wurden solche Räder noch genutzt. Das Butterrad steht neben einem Turm der alten Burgbefestigung. Der untere, in die Mauer eingebaute Teil stammt aus dem 14. Jahrhundert, der obere Teil wurde im 16. Jahrhundert erneuert. Er diente der Deckung des alten Zugangs zur Vorburg, der einst zwischen Backhaus und Turm lag. Der heutige „halbe Turm“ besaß zur Innenseite eine Holzkonstruktion und war mit dem Wehrgang auf der Mauer verbunden. Aufgrund des torfhaltigen Bodens, der Mühlenbach floss früher an dieser Stelle durch die Vorburg, senkte sich der Turm über die Jahrhunderte, so dass er heute leicht geneigt steht.

Ein Haus für das Museumsdorf

Auf dem Rundgang folgt nun das von einem Garten eingerahmte Backhaus. Das kleine Fachwerkhaus ist das jüngste historische Gebäude in der Vorburg. Es wurde dort erst 1956 aufgebaut und ist vermutlich das einzige Relikt eines umfangreichen Freilichtmuseums, das der ehemalige Museumsleiter Albert Steeger (1885-1958) auf den Wiesen um die Burg Linn in den 1930er-Jahren plante. Er verfolgte dieses Vorhaben bis zu seinem Tod in den 1950er-Jahren. Kurze Zeit danach fiel bei der Standort-Entscheidung im Landschaftsverband Rheinland die Wahl dann nicht auf Krefeld, sondern auf Kommern in der Eifel. – Das Backhaus stammt aus dem Jahr 1788 und stand einst in Tönisberg. Backhäuser waren nichts Ungewöhnliches am Niederrhein, eines aus Fachwerk allerdings schon. Die originale Einrichtung sehen die Besucher jedoch nicht, diese trug Steeger museal zusammen. Erst seit den 1990er-Jahren lodert im kleinen Backhaus wieder einige Male im Jahr das Feuer, um Brot zu backen.

Am Burgtor vorbei führt der Weg zu einem Sammelsurium. Die Ackergeräte und Schlitten erwarb Steeger wohl für das Freilichtmuseum. Nur ein paar Schritte weiter befindet sich die „Wache“ der Historischen Feuerwehr. Die Blauröcke gründeten sich 2001 aus dem Linner Schützenverein heraus. Nicht nur ihre Uniformen wurden nach den Originalen des 19. Jahrhundert angefertigt, ihre Gerätschaften stammen aus der Zeit der Jahrhundertwende. Neben einer kleinen Spritze aus dem Museum Burg Linn haben die Vereinsmitglieder alles besorgt und funktionstüchtig gemacht. Die große Karrenleiter stammt beispielsweise aus dem Baujahr 1896. Vom Frühjahr bis Herbst öffnen die Wehrleute an jedem ersten Sonntag im Monat ihr „Feuerwehrhaus“ und erklären Besucherinnen und Besuchern die alten Gerätschaften.

Der Rundgang endet nun an der Zehntscheune. Sie stammt in ihrem Kern noch aus dem 15. Jahrhundert. Mit der Besatzung der Franzosen Ende des 18. Jahrhunderts stand auch die kurkölnische Burg Linn samt Jagdschloss zum Verkauf. Der Seidenhändler Isaak de Greiff erwarb diese am 11. August 1806, doch erst sein Sohn Phillipp de Greiff begann mit den Umbauten in den 1830er-Jahren. Dazu zählte auch die heutigen Außenfassaden der Zehntscheune. Ursprünglich besaß das Gebäude keine Fenster. Das heute so markante Tor mit seinem großen Bogen zum Innenhof der Vorburg wurde erst im 19. Jahrhundert vorgeblendet. Die Bewohner des Amts Linn haben dort ihren „Zehnten“ wie Naturalien, Heu und Brennholz abgeben müsse. Sie kamen aus Willich, Lank, Ossum und Düsseldorf-Heerdt, und auch Fischeln zählte zum Amtssitz. Erst mit der französischen Besatzungszeit seit 1797 wurde dieses Abgabensystem abgeschafft. Die Familie de Greiff nutzte die Zehntscheune wohl als Lager weiter. Heute wohnt dort der Museumshausmeister.

Beitrag drucken
Anzeigen