Köln/Gevelsberg/Bergheim/Dormagen/Eschweiler/Niederkassel/ Cottbus/Turnow-Preilack. Nach mehreren mutmaßlichen Sabotageakten an Anlagen der Stromversorgung laufen am Freitag in Nordrhein-Westfalen umfangreiche Polizeieinsätze. Nach Angaben der Staatsanwaltschaften Cottbus und Köln sowie der Polizeien Brandenburg und Köln werden dabei mögliche Zusammenhänge zwischen den Vorfällen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen untersucht.
Im Mittelpunkt steht inzwischen auch ein Wohnhaus in Gevelsberg. Dort ist nach Angaben der Ermittlungsbehörden ein Mann gemeldet, der als mutmaßlicher Verfasser von Bekennerschreiben in Betracht kommt. Einsatzkräfte aus Köln und Brandenburg durchsuchen das Gebäude. Parallel sind Polizeikräfte an mehreren Einrichtungen der kritischen Infrastruktur im Einsatz.
Nach Informationen der Polizei beziehen sich die aktuellen Ermittlungen auf die Sabotage am Umspannwerk beziehungsweise an Stromleitungen in Turnow-Preilack im Landkreis Spree-Neiße sowie auf Vorfälle in Nordrhein-Westfalen. Das brandenburgische Umspannwerk liegt in der Nähe des Kraftwerks Jänschwalde. Dort waren am 1. September mehrere selbstgebaute Vorrichtungen gefunden worden. Mit ihnen war offenbar versucht worden, leitfähiges Material in Hochspannungsleitungen zu bringen und dadurch Kurzschlüsse auszulösen. In zwei Fällen gelang dies. Die Stromversorgung der Bevölkerung blieb jedoch aufrechterhalten; ein Kraftwerksblock in Jänschwalde schaltete sich infolge der Störung ab. Die brandenburgische Polizei ermittelt unter anderem wegen des Verdachts der Störung öffentlicher Betriebe, des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion, der Zerstörung wichtiger Arbeitsmittel und der Bildung einer terroristischen Vereinigung.
Ähnliche Vorgehensweise in Bergheim
Noch am selben Tag kam es in Bergheim im Rhein-Erft-Kreis zu einer Störung an einem Umspannwerk. Auch hier schlossen die Ermittler einen technischen Defekt aus und gehen von einer vorsätzlichen Tat aus. Mehrere Leitungen fielen nach einem Kurzschluss aus. Die allgemeine Stromversorgung blieb allerdings stabil. In einem nahe gelegenen Maisfeld wurden mehrere Abschussvorrichtungen gefunden. Nach bisherigen Erkenntnissen sollten offenbar leitfähige Materialien mithilfe pyrotechnischer Vorrichtungen über Stromleitungen gebracht werden. Die Ähnlichkeiten zum Vorgehen in Brandenburg führten bereits früh zur Prüfung eines möglichen Zusammenhangs.
NRW-Innenminister Herbert Reul sprach bereits am Mittwoch von einem Anfangsverdacht auf verfassungsfeindliche Sabotage. Dabei würden sowohl eine mögliche fremdstaatlich gesteuerte Sabotage als auch ein linksextremistischer Hintergrund geprüft. Eine abschließende Bewertung der Täter oder des Motivs liegt bislang nicht vor.
Dormagen und Eschweiler ebenfalls im Fokus
Die Lage weitete sich am Donnerstagabend beziehungsweise Freitag aus. In Dormagen-Gohr entdeckte ein Spaziergänger in der Nähe eines Umspannwerks einen verdächtigen Gegenstand. Die Polizei rückte mit starken Kräften an und sperrte den Bereich ab. Nach Medienberichten ähnelte die aufgefundene Konstruktion den Vorrichtungen aus den zuvor untersuchten Fällen. Ob es sich tatsächlich um eine funktionsfähige Vorrichtung für einen Sabotageversuch handelte, war zunächst Gegenstand der kriminaltechnischen Untersuchung. Einen Stromausfall gab es nicht.
Am Freitagmorgen folgte ein Polizeieinsatz am Kraftwerk Weisweiler in Eschweiler. Dort suchten Einsatzkräfte das Kraftwerksgelände und den Bereich des Umspannwerks nach möglichen verdächtigen Gegenständen ab. Nach WDR-Informationen waren unter anderem mehrere Mannschaftswagen und eine Drohne im Einsatz. Ein konkreter Fund beziehungsweise eine konkrete Gefahrenlage wurde zunächst nicht bestätigt. Weisweiler war nach Informationen der ARD-Berichterstattung ebenfalls in einem inzwischen aufgetauchten Bekennerschreiben als möglicher Tatort genannt worden.
Bekennerschreiben als wichtiger Ermittlungsansatz
Besondere Bedeutung haben inzwischen zwei Bekennerschreiben. Die Polizei Brandenburg hatte zunächst ausdrücklich erklärt, die Authentizität eines Schreibens im Zusammenhang mit dem Anschlag in Turnow-Preilack sei noch nicht geklärt. Nach aktuellen Informationen der ARD halten die Ermittler die Schreiben inzwischen jedoch offenbar für authentisch, unter anderem weil darin umfangreiches technisches Täterwissen enthalten sein soll.
Der mutmaßliche Verfasser soll die Schreiben mit seinem vollständigen Namen unterzeichnet haben. Nach Medieninformationen handelt es sich um einen deutschen Staatsangehörigen, der in Gevelsberg lebt und 1977 geboren wurde. Ob der Mann tatsächlich für die Taten verantwortlich ist, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt. Die Polizei hatte seinen Wohnort bereits durchsucht und fahndet nach ihm.
Nach den bisher bekannten Angaben bezieht sich das zweite Schreiben unter anderem auf Bergheim, Dormagen, Niederkassel und Eschweiler. Damit könnte sich der Ermittlungsansatz auf mehrere Tatorte beziehungsweise geplante Ziele in Nordrhein-Westfalen erstrecken.
Polizei bittet Bevölkerung um Mithilfe
Die Polizei Köln hat inzwischen das Hinweisportal NRW freigeschaltet. Bürgerinnen und Bürger können dort Beobachtungen sowie Fotos und Videos übermitteln, die für die Ermittlungen relevant sein könnten. Von besonderem Interesse sind laut Polizei Personen oder Fahrzeuge, die im Umfeld von Umspannwerken oder anderen Einrichtungen der kritischen Infrastruktur aufgefallen sind.
Auch für den Fall in Brandenburg wurde ein eigenes Hinweistelefon eingerichtet. Die Nummer 0331 505950 ist rund um die Uhr erreichbar.
Die Polizei warnt zugleich ausdrücklich davor, verdächtige Gegenstände selbst anzufassen oder zu untersuchen. Bei entsprechenden Feststellungen soll unverzüglich die Polizei über 110 verständigt werden.
Was bedeutet eigentlich „Kritische Infrastruktur“?
Der Begriff Kritische Infrastrukturen – kurz KRITIS – bezeichnet Einrichtungen und Organisationen, deren Ausfall oder Beeinträchtigung erhebliche Folgen für die Bevölkerung und das Funktionieren des Staates haben kann. Dazu gehören unter anderem die Energie- und Wasserversorgung, Gesundheit, Verkehr, Ernährung sowie Informations- und Telekommunikationstechnik. Die Energieversorgung bildet dabei einen besonders wichtigen Bereich, weil zahlreiche andere gesellschaftliche und wirtschaftliche Bereiche von einer funktionierenden Stromversorgung abhängig sind.
Gerade Umspannwerke sind dabei neuralgische Punkte. Sie sind wichtige Knoten innerhalb des Stromnetzes und verbinden unterschiedliche Spannungsebenen. Ein gezielter Angriff muss deshalb nicht zwangsläufig einen flächendeckenden Blackout verursachen, um erhebliche Auswirkungen auf die Energieversorgung zu haben. Die jüngsten Fälle zeigen zugleich, dass Betreiber und Sicherheitsbehörden vor der schwierigen Aufgabe stehen, weitläufige und technisch komplexe Anlagen gegen sehr unterschiedliche Formen von Sabotage zu schützen.
Kein völlig neues Phänomen
Sabotage gegen kritische Infrastruktur ist in Deutschland allerdings nicht erst seit dieser Woche ein Thema. Bereits Anfang Januar 2026 führte ein Brandanschlag auf die Strominfrastruktur in Berlin-Lichterfelde zu einem großflächigen Stromausfall. Rund 45.000 Haushalte und mehr als 2.200 Betriebe waren zeitweise betroffen; auch Einrichtungen wie Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Schulen waren von den Folgen betroffen. Die sogenannte „Vulkangruppe“ hatte sich zu dem Anschlag bekannt. Das Bundesinnenministerium stufte die Tat als linksterroristisch ein.
Auch zuvor hatte es wiederholt Angriffe auf Infrastruktur gegeben. Die Bundesregierung verwies beispielsweise bereits 2022 nach dem Angriff auf das Kommunikationsnetz der Deutschen Bahn und den Sabotageakten gegen die Nord-Stream-Pipelines auf die besondere Verwundbarkeit kritischer Infrastruktur.
Die aktuelle Entwicklung unterscheidet sich allerdings durch die zeitliche Nähe mehrerer Vorfälle und die offenbar ähnlichen technischen Vorgehensweisen. Ob dahinter tatsächlich eine zusammenhängende Täterstruktur steht, ob es sich um einen Einzeltäter handelt oder ob möglicherweise Nachahmungstaten hinzukommen, müssen die laufenden Ermittlungen klären.
Ermittlungen unter hohem Druck
Die Sicherheitsbehörden stehen damit vor einer komplexen Aufgabe. Einerseits müssen die konkreten Vorfälle kriminalistisch aufgearbeitet und mögliche weitere Gefahren ausgeschlossen werden. Andererseits gilt es, einen möglichen Zusammenhang zwischen den Fällen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen zu klären.
Für die Bevölkerung besteht nach den derzeit vorliegenden Informationen keine generelle Gefahr eines unmittelbar bevorstehenden Stromausfalls. Die bisherigen Vorfälle haben jedoch deutlich gemacht, wie empfindlich zentrale Punkte der Energieversorgung sein können. Entsprechend konzentrieren sich die Einsatzkräfte aktuell nicht nur auf die bereits bekannten Tatorte, sondern auch auf Einrichtungen, die in den Bekennerschreiben genannt werden.
Die Ermittlungen dauern an.




















