Berlin/Magdeburg/Rhein-Ruhr. Am Wahlsonntag gegen 19.20 Uhr erhielt die Redaktion Politik & Umwelt von LokalKlick eine Mail vom SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf mit dem Titel “Solidarität mit Sachsen-Anhalt – auch nach der Wahl” (siehe unten). Herausgeber Christian Voigt antwortet gerne mit einem KlarKlick:
Lieber Tim (ich übernehme sehr gerne Deine persönliche Ansprache aus Deiner unerwarteten Mail),
Du schreibst in Deiner Mail vom Sonntag, 19.20 Uhr nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: „Es ist ein Satz, den ich nie schreiben wollte: Die Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt haben die AfD zur stärksten Kraft gemacht.“
Das ist richtig. Und genau hier beginnt das Problem.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht nur: Warum wählen Menschen AfD? Die entscheidende Frage muss auch lauten: Warum haben so viele Menschen das Vertrauen in die etablierten Parteien verloren?
43,8 Prozent für die AfD sind kein normales Wahlergebnis in den letzten zehn bis 15 Jahren. Es ist ein politischer Weckruf von historischer Dimension. Die AfD hat ihr Ergebnis von 2021 mehr als verdoppelt, während die CDU sich halbierte auf 17,2 Prozent und Deine SPD gerade einmal 9,3 Prozent erreichte. Gleichzeitig lag die Wahlbeteiligung bei rekordverdächtigen 77,8 Prozent.
Und trotzdem hört man nach der Wahl von den Landes- und Bundespolitikern in den Wahlsendungen der TV-Sender wieder vieles, was man nach anderen Wahlen auch schon von ihnen stereo-typ gehört hat: Erschütterung, Sorge, Angst, Spaltung, Demokratie verteidigen, Aufarbeitung und jetzt muss ein Ruck durch die Gesellschaft gehen.
Natürlich muss man über Rechtsextremismus reden. Natürlich muss man menschenfeindliche Positionen zurückweisen. Natürlich darf niemand eingeschüchtert, bedroht oder wegen seiner Herkunft, Hautfarbe, Neigungen oder politischen Haltung angegriffen werden.
Aber Demokratie besteht nicht darin, 43,8 Prozent der Wähler moralisch abzustempeln.
Vielleicht wäre es an der Zeit, ihnen zuzuhören.
Denn wer seit zehn oder fünfzehn Jahren immer wieder erlebt, dass seine Sorgen zwar in Wahlprogrammen auftauchen, aber im politischen Alltag nicht überzeugend beantwortet werden, der reagiert irgendwann mit seinem Stimmzettel.
Es geht um soziale Gerechtigkeit. Um bezahlbares Wohnen. Um vernünftige Löhne und Renten. Um eine funktionierende Infrastruktur. Um Bildung und Sicherheit.
Es geht um Migration – nicht darum, Menschen pauschal abzulehnen, sondern um die ganz konkrete Frage, wie Integration funktionieren kann, wie Kommunen die Belastungen bewältigen sollen und wie ein Staat gleichzeitig human und konsequent sein kann.
Es geht um innere Sicherheit. Und ja, dazu gehört auch, dass Menschen ohne Angst auf Stadtfeste, Weihnachtsmärkte, Volksfeste oder ins Freibad gehen können. Wer solche Sorgen anspricht, ist nicht automatisch „rechts“.
Es geht um Wirtschaft und Arbeitsplätze. Ein Industrieland kann auf Dauer nicht von der Substanz leben und gleichzeitig Unternehmen, Mittelstand und Beschäftigte mit immer neuen Belastungen konfrontieren.
Und es geht um Energiepolitik. Wer einen vernünftigen Energiemix fordert, Versorgungssicherheit und bezahlbare Energiepreise verlangt, ist deshalb noch lange kein Klimaleugner. Eine moderne Energiepolitik muss Klimaschutz, Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und technologische Offenheit zusammenbringen.
Vor allem aber geht es um die Frage: Welche Zukunft hinterlassen wir unseren Kindern und Enkeln?
Eine Zukunft, in der sie sich frei bewegen können? In der sie arbeiten, ein eigenes Haus oder eine Wohnung finanzieren und eine Familie gründen können? Und in der sie ihre Meinung äußern dürfen, ohne sofort in eine politische Schublade gesteckt zu werden?
Viele junge Menschen wachsen inzwischen mit den in SocialMedia als “Merkel-Lego” verspotteten Sicherheitssperren bei Stadtfesten, Weihnachtsmärkten und Großveranstaltungen wie z.B. CSD oder mit notwendiger Security in Freibädern als Alltagsgegebenheit auf. Begriffe wie “Messerverbotszonen” gehören heute zum Alltag und die wahren Probleme dahinter werden kaschiert. Auch die Wortneuschöpfung “Sondervermögen” ist eine politische Verschleierung und zu Recht Unwort des Jahres 2025 geworden.
Lieber Tim, Du schreibst weiter: „Das Wahlergebnis heute Abend zeigt aber auch: Wir sind nicht genug.“ Das ist vermutlich der ehrlichste Satz Deiner Mail.
Aber vielleicht sollte die Schlussfolgerung daraus nicht in erster Linie lauten: Wir brauchen mehr SPD-Mitglieder.
Vielleicht braucht es zunächst mehr Bereitschaft zuzuhören.
Denn wenn 43,8 Prozent eine Partei wählen, die von den etablierten Parteien als politischer Gegner bekämpft wird, reicht es nicht, diese Wähler immer wieder darauf hinzuweisen, was an dieser Partei falsch ist. Man muss ihnen auch zeigen, was die eigene Politik besser macht.
Und genau daran hapert es seit Jahren.
Die etablierten Parteien haben zu oft geglaubt, sie könnten gesellschaftliche Debatten dadurch lösen, dass sie die Sorgen der Menschen sprachlich umetikettieren. Wer Migration kritisch sieht, ist schnell „rechts“. Wer mehr Sicherheit fordert, gilt als „Law-and-Order“. Wer Energiepreise kritisiert, ist plötzlich gegen Klimaschutz. Wer sich gegen staatliche Bevormundung wehrt, gilt als unsolidarisch.
Das funktioniert nicht mehr.
Die Menschen lassen sich nicht vorschreiben, welche Sorgen sie haben dürfen.
Und noch etwas: Wer „aufklären“ will, darf nicht auf einem Auge blind sein. Gewalt, Extremismus und Menschenfeindlichkeit gibt es nicht nur dort, wo sie politisch gerade ins eigene Narrativ passen. Demokratie muss gegenüber Links- und Rechtsextremismus, religiösem Fanatismus, Antisemitismus und jeder Form politischer Gewalt gleichermaßen konsequent sein.
Du schreibst: „Sachsen-Anhalt ist mehr als Angst und Spaltung.“
Richtig.
Aber Sachsen-Anhalt ist auch mehr als die Angst vor der AfD.
Es ist ein Land voller Menschen, die sich fragen, ob ihre Politik sie noch versteht.
Und genau deshalb sollte das Wahlergebnis nicht nur die AfD erschüttern. Es sollte vor allem die etablierten Parteien erschüttern. Nicht, weil 43,8 Prozent automatisch Recht haben.
Sondern weil 43,8 Prozent zeigen, dass die bisherigen politischen Antworten für einen sehr großen Teil der Bevölkerung nicht mehr überzeugend sind.
Wer das erneut nur mit „Aufarbeitung“, „Kampf gegen rechts“ und der Aufforderung beantwortet, Mitglied der eigenen Partei zu werden, hat die eigentliche Botschaft dieser Wahl möglicherweise noch immer nicht verstanden.
Die Bürgerinnen und Bürger brauchen keine Belehrung darüber, warum sie anders wählen sollen. Sie brauchen endlich wieder überzeugende Gründe durch bürger-orientierte Politik, warum sie den etablierten Parteien vertrauen können.
Das wäre echte Aufarbeitung. Und vielleicht wäre das auch der beste Schutz der Demokratie.
Ein KlarKlick von Christian Voigt, Herausgeber von LokalKlick
Anmerkung der Redaktion: Unter KlarKlick versteht die LokalKlick-Redaktion Kommentare, die zur gesellschaftlichen Diskussion führen. Sie geben nur die Meinung der/des Kommentatorin/Kommentatoren wieder und sind nicht unbedingt die Meinung der Redaktion.
7. September 2026
Mail von Tim Klüssendorf mit dem Titel “Solidarität mit Sachsen-Anhalt – auch nach der Wahl” – 6. September 2026, 19.20 Uhr
Lieber Christian,
es ist ein Satz, den ich nie schreiben wollte:
Die Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt haben die AfD zur stärksten Kraft gemacht.
Das dramatische Ergebnis erschüttert uns und viele Menschen, die sich in den vergangenen Monaten für eine demokratische, soziale und offene Zukunft in Sachsen-Anhalt eingesetzt haben.
Ich weiß, dass viele von Euch Angst haben: vor weiterer Spaltung, Einschüchterung und Gewalt. Angst davor, dass Menschen, die sich engagieren, künftig noch stärker unter Druck geraten. Und Angst davor, dass nach der Wahl wieder alle wegschauen. Wir nehmen diese Angst ernst.
Unterzeichne den Solidaritätsaufruf mit Sachsen-Anhalt:
Jetzt unterschreiben (im Original verlinkt)
Doch wir werden Sachsen-Anhalt nicht auf dieses Wahlergebnis reduzieren.
Über 40 Prozent haben AfD gewählt. Das ist erschreckend. Doch fast 60 Prozent haben es nicht getan. Hinter dieser Zahl stehen Menschen: Nachbarinnen und Nachbarn, Vereinsmitglieder, Engagierte, Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, Kulturschaffende, Initiativen und Familien. Sie setzen sich für Zusammenhalt und ein freies, vielfältiges Land ein.
Das Engagement der vielen Menschen, die für unsere Demokratie eingestanden sind, hat dazu beigetragen, dass die SPD sicher in den Landtag einzieht und einen Beitrag für eine demokratische Koalition leisten kann. Es ist jetzt noch zu früh, um zu sagen, welche Koalitionen am Ende gebildet werden können.
Das Wahlergebnis heute Abend zeigt aber auch: Wir sind nicht genug. 3.000 SPD-Mitglieder in Sachsen-Anhalt sind nicht viel. Es braucht mehr Menschen, die sich dauerhaft einmischen: in Initiativen, in der Nachbarschaft und in demokratischen Parteien – in der gesamten Bundesrepublik.
Heute ist ein guter Tag, Mitglied in der ältesten demokratischen Partei Deutschlands zu werden:
Heute Mitglied werden (im Original verlinkt)
Die SPD kämpft seit über 163 Jahren für Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität.
In der NS-Zeit wurde unsere Partei verboten und unsere Mitglieder verfolgt. Doch mutige Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten haben im Widerstand für unsere Demokratie gekämpft. Sie haben damals nicht aufgegeben und wir tun es heute nicht. In der SPD kannst Du Deine Perspektive einbringen, vor Ort mitarbeiten und daran mitwirken, wie unser Land in Zukunft aussieht.
Ich würde mich freuen, wenn Du auch Mitglied wirst.
Unser Fokus gilt heute Sachsen-Anhalt. Gleichzeitig stellen wir uns dem menschenfeindlichen Programm der AfD bundesweit entgegen. Am 20. September wird in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gewählt. Auch dort kämpfen wir für jede Stimme für eine demokratische, soziale und offene Gesellschaft.
Sachsen-Anhalt ist mehr als Angst und Spaltung. Es ist auch ein Land voller Menschen, die sich kümmern, widersprechen und bleiben. “Jeder Einsatz zählt.” Deiner auch.
Solidarische Grüße
Tim Klüssendorf
SPD-Generalsekretär





























