KlarKlick - Der LokalKlick-Kommentar (Grafik: Gemini - KI generiert)

Berlin/Rhein-Ruhr. Wer derzeit tankt, braucht starke Nerven – der Blick auf die Tankrechnung wird für viele Autofahrer zum Schock: Super E10 kostete in Deutschland zuletzt rund 2,29 Euro, Diesel rund 2,41 Euro je Liter. Damit erreichte E10 einen neuen Höchststand. Für eine 50-Liter-Tankfüllung werden damit etwa 114 Euro für E10 und 121 Euro für Diesel fällig.

Für Pendler, Handwerker, Pflegedienste, Speditionen, Lieferdienste und Landwirte ist das mehr als eine Zahl. Die höheren Kraftstoffkosten landen über Transport, Dienstleistungen und Produktion letztlich auch bei den Verbrauchern.

Besonders ärgerlich ist für viele Autofahrer der Blick über die Grenze. Denn obwohl die internationale Ölkrise alle EU-Staaten trifft, unterscheiden sich die Preise erheblich. Nach den heutigen EU-Vergleichen kostet der Liter Super 95 in Polen 1,81 Euro, Luxemburg 1,79 Euro, Österreich zwischen 1,75 bis 1,93 Euro und Belgien 2,05 Euro – gegenüber 2,33 Euro in Deutschland. Noch günstiger ist es in Bulgarien mit etwa 1,57 bis 1,65 Euro.

Wer beispielsweise in Grenzregionen wie der StädteRegion Aachen oder in der Eifel wohnt, kann mitunter einige Kilometer fahren und im Nachbarland deutlich günstiger tanken. Der Sprit-Tourismus wird damit wieder attraktiv: Geld, das eigentlich an deutschen Tankstellen ausgegeben würde, fließt ins Ausland.

Fast schon prophetisch wirkte dabei ein Aprilscherz in diesem Jahr von LokalKlick: Unter der Überschrift „Opas gegen Spritpreiswucher“ wurde eine angebliche Klebe-Offensive vor Raffinerien, Tankstellen und US-Gebäuden angekündigt. Was damals als satirischer Kommentar auf die Spritpreis-Debatte gedacht war, wirkt angesichts von Preisen weit über zwei Euro je Liter inzwischen beinahe wie ein Blick in die Zukunft. Die Realität ist allerdings weniger lustig: Für viele Bürger wird die Frage, wie lange sie sich Mobilität noch leisten können, zunehmend konkret.

Warum ist der Sprit so teuer?

Die aktuelle Preisexplosion hat nicht nur eine Ursache. Die internationale Energiekrise trifft auf massive geopolitische Risiken und Engpässe bei Öl und Raffinerien.

Die Straße von Hormus ist weitgehend gestört. Gleichzeitig verschärft sich die Lage am anderen Ende der arabischen Halbinsel: Die vom Iran unterstützten Huthi im Jemen haben strategische Positionen am Bab al-Mandab eingenommen, der Meerenge zwischen Rotem Meer und Golf von Aden. Der Schiffsverkehr dort ist bereits deutlich zurückgegangen. Damit wird eine weitere wichtige Route für den weltweiten Energie- und Warenverkehr unsicher.

Hinzu kommt die East-West-Pipeline Saudi-Arabiens. Die rund 1.200 Kilometer lange Leitung soll Öl vom Persischen Golf zum Roten Meer transportieren und damit die Straße von Hormus umgehen. Nach einem Drohnenangriff wurde sie vorübergehend stillgelegt. Sie kann normalerweise mehrere Millionen Barrel Öl täglich transportieren.

Damit kommen mehrere Probleme zusammen: weniger sichere Transportwege, höhere Versicherungs- und Transportkosten, Sorgen um die Ölversorgung und gleichzeitig weltweit angespannte Raffineriekapazitäten.

Die hohen Preise sind deshalb nicht einfach mit „die Konzerne kassieren ab“ oder „der Staat ist schuld“ zu erklären.

Aber warum ist Deutschland teurer?

Hier kommt der deutsche Staat ins Spiel. Auf jeden Liter Benzin fallen derzeit 65,45 Cent Energiesteuer an, bei Diesel sind es 47,04 Cent. Dazu kommen CO₂-Kosten und die 19-prozentige Mehrwertsteuer.

Und genau bei der Mehrwertsteuer liegt der häufig übersehene Effekt: Die Energiesteuer ist grundsätzlich ein fixer Betrag pro Liter. Die Mehrwertsteuer dagegen wird prozentual auf den Preis berechnet. Wird Benzin wegen der internationalen Krise teurer, steigt deshalb auch der absolute Mehrwertsteuerbetrag je Liter.

Der Staat erhöht den Mehrwertsteuersatz also nicht – aber er nimmt bei einem höheren Verkaufspreis automatisch mehr Mehrwertsteuer ein.

Das erklärt einen Teil des Ärgers der Autofahrer: Der Staat ist nicht der Auslöser der internationalen Ölkrise, profitiert aber bei steigenden Preisen über die Umsatzsteuer von einem höheren Steueraufkommen.

Ein besonders anschauliches Beispiel lieferte die FDP Sachsen-Anhalt kurz vor der Landtagswahl: Bei einer Wahlkampfaktion in Eisleben senkte die Partei den Preis für Benzin und Diesel an einer Tankstelle für eine Stunde um einen Euro je Liter. Die Differenz wurde aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert. FDP-Spitzenkandidatin Lydia Hüskens verwies dabei auf die staatlichen Belastungen: Die Anzeige zeige, „was es kosten würde ohne die gesamten staatlichen Abgaben und Steuern“. Der Andrang war so groß, dass die Polizei die Aktion nach rund einer halben Stunde wegen des Verkehrsaufkommens beenden ließ.

Blick zu den Nachbarn

Andere EU-Staaten zeigen, dass politische Reaktionen möglich sind – und Deutschland hat in diesem Jahr selbst bereits zweimal versucht, in den Kraftstoffmarkt einzugreifen.

In Deutschland gilt seit April die sogenannte 12-Uhr-Regelung: Tankstellen dürfen ihre Preise für Benzin und Diesel nur noch einmal täglich erhöhen, und zwar um 12 Uhr. Preisreduzierungen sind jederzeit möglich. Ziel war mehr Preistransparenz und Wettbewerb. Tatsächlich stellte der ADAC anschließend allerdings deutlich größere Preisschwankungen im Tagesverlauf fest. Nach Einschätzung des ADAC reagierten die Mineralölkonzerne unter anderem mit Risikoaufschlägen.

Hinzu kam der Tankrabatt vom 1. Mai bis 30. Juni 2026. Die Energiesteuer wurde um rund 14 Cent je Liter gesenkt; einschließlich des darauf entfallenden Mehrwertsteueranteils ergab sich eine Entlastung von rund 16,7 Cent beziehungsweise knapp 17 Cent je Liter. Der Bund kalkulierte dafür mit Kosten von rund 1,6 Milliarden Euro.

Doch gerade beim Tankrabatt entstand bei vielen Bürgern der Eindruck, dass die staatliche Entlastung nicht vollständig an der Zapfsäule ankam. Beim Auslaufen des Rabatts erhöhten Mineralölunternehmen die Preise teilweise sogar stärker, als es allein durch das Ende der 17-Cent-Entlastung zu erklären gewesen wäre. Am letzten Tag des Tankrabatts stiegen die Preise für E10 bereits um 20,3 Cent und für Diesel um 24 Cent.

Das hat Folgen für das Vertrauen: Wenn der Staat die Steuern senkt, aber die Mineralölwirtschaft gleichzeitig ihre Preise erhöht, fragen sich viele Autofahrer zu Recht, ob eine staatliche Entlastung überhaupt vollständig bei ihnen ankommt. Genau deshalb reicht es nicht, lediglich Steuern zu senken. Auch die Preisbildung entlang der gesamten Kette muss nachvollziehbar bleiben.

Andere EU-Staaten gehen teilweise anders vor. Belgien arbeitet mit einem staatlichen Höchstpreissystem für Kraftstoffe. Der maximal zulässige Preis wird anhand internationaler Produktnotierungen und weiterer Kosten regelmäßig berechnet. Tankstellen dürfen günstiger verkaufen, aber nicht darüber. Das System berücksichtigt auch die Vertriebsmargen der Mineralölunternehmen.

Luxemburg hat dagegen für 2026 eine zeitlich befristete Entlastung beschlossen: Seit dem 1. Juli werden Benzin und Diesel bis Ende Dezember über eine Senkung der Verbrauchsteuern um fünf Cent je Liter entlastet.

Das sind keine Patentlösungen. Sie zeigen aber: Die Frage, wie stark der Staat Verbraucher in einer Energiekrise belastet oder entlastet, ist eine politische Entscheidung – ebenso wie die Frage, wie verhindert werden kann, dass staatliche Entlastungen durch andere Preisbewegungen zumindest teilweise verpuffen.

Was wäre für Deutschland sinnvoll?

Ein dauerhafter Tankrabatt nach dem Gießkannenprinzip wäre teuer und würde auch diejenigen entlasten, die es nicht nötig haben. Ein starrer Preisdeckel wiederum kann die tatsächlichen Kosten nicht verschwinden lassen – irgendjemand muss die Differenz bezahlen.

Sinnvoller wäre eine gezielte und zeitlich begrenzte Entlastung für besonders Betroffene: Berufspendler mit niedrigen Einkommen, Menschen im ländlichen Raum, Pflege- und Sozialdienste sowie kleine Unternehmen, für die Mobilität zum Geschäftsmodell gehört.

Gleichzeitig muss transparenter werden, wie sich der Preis an der Zapfsäule zusammensetzt. Denn neben Ölpreis und Steuern spielen auch Raffineriemargen, Großhandel, Transport und Vertrieb eine Rolle.

Kurz- und langfristige Ziele

Der Ärger vieler Bürger ist nachvollziehbar: Warum soll ein deutscher Autofahrer mehr bezahlen als wenige Kilometer weiter in Polen, Luxemburg oder Österreich?

Die Antwort lautet nicht allein „weil der Staat zu viel Steuern nimmt“. Internationale Ölpreise, Raffinerieengpässe, Hormus, die Huthi am Roten Meer und die gefährdete Pipeline in Saudi-Arabien treiben die Preise weltweit.

Aber Deutschland entscheidet selbst, wie stark diese internationale Krise über Steuern zusätzlich auf den Endpreis durchschlägt. Deshalb braucht es kurzfristig eine gezielte Entlastung der besonders Betroffenen und mittelfristig mehr Wettbewerb und Preistransparenz.

Langfristig bleibt die wichtigste Antwort ohnehin eine andere: Je weniger Öl Deutschland für seine Mobilität benötigt, desto weniger kann die nächste Krise im Nahen Osten direkt über die Zapfsäule in den Geldbeutel deutscher Bürger durchschlagen.

Das ist keine schnelle Antwort auf einen Spritpreis von über zwei Euro. Aber es ist die nachhaltigste Antwort auf die nächste Ölkrise.

 

Ein KlarKlick von Christian Voigt, Herausgeber von LokalKlick

 

Anmerkung der Redaktion: Unter KlarKlick versteht die LokalKlick-Redaktion Kommentare, die zur gesellschaftlichen Diskussion führen. Sie geben nur die Meinung der/des Kommentatorin/Kommentatoren wieder und sind nicht unbedingt die Meinung der Redaktion.

15. September 2026
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