Rhein-Ruhr. Manchmal braucht es offenbar einen Fußballtrainer, damit eine Debatte wieder dort ankommt, wo sie längst hingehört: mitten in unserer demokratischen Gesellschaft.
Jürgen Klopp hat bei seiner ersten Kadernominierung als Bundestrainer einen bemerkenswert einfachen Gedanken formuliert: Nationalstolz dürfe man nicht den „falschen Leuten“ überlassen. Er wolle die deutsche Fahne zurückholen und zeigen, dass man stolz darauf sein könne, deutsch zu sein – und gleichzeitig offen, vielfältig, freundlich und zugewandt.
Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Und doch ist es bemerkenswert, dass ein solcher Satz heute überhaupt erklärungsbedürftig erscheint.
Denn Heimatliebe, Patriotismus und die Freude am eigenen Land sind keine politischen Eigentumsrechte einer bestimmten Partei oder eines bestimmten Milieus. Sie gehören allen Bürgerinnen und Bürgern. Auch denen, die Deutschland kritisch sehen. Vielleicht sogar gerade denen.
Rommerskirchens Bürgermeister Dr. Martin Mertens bringt es in seinem Facebook-Beitrag sehr treffend auf den Punkt: Man könne gerne Deutscher, Rheinländer und Europäer sein. Man könne sein Land lieben und gleichzeitig wissen, dass längst nicht alles gut läuft. Man könne stolz auf die freiheitliche Demokratie sein und trotzdem deren Schwächen benennen. Und selbstverständlich könne Schwarz-Rot-Gold für eine demokratische Bundesrepublik stehen, ohne damit Nationalismus oder Ausgrenzung zu verbinden.
Genau diese Unterscheidung ist entscheidend. Patriotismus bedeutet nicht, Deutschland für besser zu halten als andere Länder. Patriotismus bedeutet auch nicht, andere Menschen nach Herkunft, Hautfarbe oder Religion zu beurteilen. Und schon gar nicht bedeutet er, die deutsche Geschichte zu verklären.
Patriotismus kann etwas viel Einfacheres sein: Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen, in dem man lebt. Sich über Erfolge zu freuen. Sich über Missstände zu ärgern. Seine Stadt, seine Region und sein Land nicht gleichgültig zu betrachten. Und den Anspruch zu haben, dass Deutschland auch für die nächste Generation ein freies, sicheres und lebenswertes Land bleibt.
Dazu gehört allerdings auch, die unangenehmen Fragen nicht auszuklammern.
Wie gut funktioniert unser Staat noch, wenn Verfahren jahrelang dauern, Kommunen bei der Unterbringung und Integration an Grenzen geraten und Bürger den Eindruck gewinnen, dass politische Entscheidungen an ihrer Lebensrealität vorbeigehen? Wie konsequent schützen wir Menschen vor Gewalt und Kriminalität? Wie gehen wir mit politischem und religiösem Extremismus um? Wie verteidigen wir die Freiheit derjenigen, die sich nicht dem jeweiligen Zeitgeist anschließen?
Das sind keine „rechten“ Fragen. Das sind demokratische Fragen.
Auch bei Migration darf man deshalb weder pauschalisieren noch Probleme schönreden. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Viele Menschen mit ausländischen Wurzeln gehören selbstverständlich zu unserer Gesellschaft und tragen zu unserem Land bei. Gleichzeitig hat der Staat die Pflicht, Migration zu steuern, geltendes Recht durchzusetzen, Schutzberechtigten Schutz zu gewähren und bei abgelehnten Asylanträgen rechtsstaatliche Entscheidungen umzusetzen.
Wer diese Fragen stellt, ist nicht automatisch gegen Zuwanderung.
Und wer auf Gefahren durch Islamismus hinweist, ist nicht automatisch gegen Muslime. Der Verfassungsschutz hat für 2024 ein Islamismuspotenzial von 28.280 Personen ausgewiesen und zugleich vor der erheblichen Gefahr des Islamismus gewarnt. Das ernst zu nehmen, ist keine Islamfeindlichkeit, sondern staatliche Sicherheitsvorsorge.
Ebenso wenig darf Kriminalität relativiert werden, nur weil ihre Ursachen politisch unbequem sind. Die Polizeiliche Kriminalstatistik liefert dafür umfangreiches Datenmaterial. Sie muss allerdings sachlich und differenziert ausgewertet werden – insbesondere bei Fragen nach Staatsangehörigkeit, Aufenthaltsstatus und tatsächlichen Ursachen von Kriminalität.
Und genau hier liegt ein Problem der vergangenen Jahre: Zu häufig wurde die Diskussion über berechtigte Sorgen der Bürger sofort auf die Frage reduziert, aus welchem politischen Lager eine Äußerung angeblich stammt.
Das führt in die falsche Richtung.
Auch die Diskussion über Robert Habeck gehört in diesen Zusammenhang. Sein viel zitiertes Buchzitat von 2010 lautet tatsächlich: „Patriotismus, Vaterlandsliebe also, fand ich stets zum Kotzen.“ Allerdings wäre es journalistisch falsch, diesen Satz isoliert als seine heutige Position darzustellen. Habeck erläuterte im selben Buch ausführlich sein Konzept eines „linken Patriotismus“ und und vertritt heute eine ganz ähnliche These wie Klopp und Mertens – nämlich dass Demokraten Symbole wie Fahne und Hymne nicht den Rändern überlassen dürfen.
Das ändert aber nichts daran, dass die damalige Formulierung zeigt, wie aufgeladen der Begriff Patriotismus in Teilen des politischen Spektrums lange war.
Und genau diese Aufladung sollten wir endlich überwinden.
Wer Schwarz-Rot-Gold zeigt, muss sich nicht dafür rechtfertigen.
Wer „Deutschland“ sagt, muss nicht im nächsten Satz erklären, dass er sich dafür eigentlich schämt.
Wer seine Heimat liebt, muss deshalb niemanden ausgrenzen.
Und wer stolz auf die Bundesrepublik ist, muss deshalb nicht behaupten, dass hier alles besser sei als anderswo.
Im Gegenteil: Ein demokratischer Patriotismus kann gerade bedeuten, sich mit den Fehlern des eigenen Landes auseinanderzusetzen. Wer sein Land liebt, kann nicht gleichgültig zuschauen, wenn Schulen marode sind, Infrastruktur verfällt, Unternehmen abwandern, Behörden überfordert sind, Kommunen finanziell ausbluten oder Menschen sich in Teilen ihrer eigenen Stadt nicht mehr sicher fühlen.
Das Grundgesetz liefert dafür den entscheidenden Maßstab. Artikel 1 stellt die Menschenwürde ins Zentrum. Artikel 20 bestimmt Deutschland als demokratischen und sozialen Bundesstaat und bindet die staatliche Gewalt an Gesetz und Recht. Diese Grundsätze gehören zu den besonders geschützten Verfassungsprinzipien.
Wer also von Patriotismus spricht, sollte nicht zuerst auf die Flagge schauen, sondern auf die Verfassung. Und wer von „zum Wohle des Volkes“ spricht, sollte sich daran messen lassen, ob politische Entscheidungen tatsächlich Freiheit, Sicherheit, Wohlstand, sozialen Zusammenhalt und Zukunftschancen der Menschen verbessern.
Das gilt für Regierung und Opposition. Für Konservative ebenso wie für Liberale, Sozialdemokraten, Grüne oder Linke. Und selbstverständlich auch für diejenigen, die sich selbst als besonders patriotisch verstehen.
Denn Patriotismus ist kein Freibrief für Nationalismus.
Aber ebenso wenig ist Nationalismusbekämpfung ein Freibrief dafür, Heimatliebe, nationale Identität oder berechtigte Sorgen von Bürgern unter Generalverdacht zu stellen.
Vielleicht ist deshalb genau jetzt der richtige Zeitpunkt, Jürgen Klopps Gedanken ernst zu nehmen.
Holen wir uns unser Land nicht von irgendwem zurück.
Es war nie weg.
Es gehört den Menschen, die hier leben – unabhängig davon, wo sie geboren wurden, welche Religion sie haben oder welche Partei sie wählen.
Schwarz-Rot-Gold ist keine Provokation.
Deutschland zu lieben ist keine Schande.
Europa zu lieben steht dazu nicht im Widerspruch.
Und Kritik an Deutschland ist kein Zeichen von Vaterlandslosigkeit.
Aber vielleicht sollten wir uns wieder erlauben, beides gleichzeitig zu sagen:
Wir sehen, was in diesem Land nicht funktioniert. Und wir wollen trotzdem, dass dieses Land gelingt.
Ein KlarKlick von Christian Voigt, Herausgeber von LokalKlick
Anmerkung der Redaktion: Unter KlarKlick versteht die LokalKlick-Redaktion Kommentare, die zur gesellschaftlichen Diskussion führen. Sie geben nur die Meinung der/des Kommentatorin/Kommentatoren wieder und sind nicht unbedingt die Meinung der Redaktion.





























