(Fotos: Privat und Freie Wähler)

Rhein-Ruhr. Was bewegt Menschen dazu, sich gerade jetzt politisch zu engagieren? Fünf Mitglieder unterschiedlicher Parteien haben für LokalKlick beschrieben, was sie antreibt, welche Veränderungen sie erreichen wollen und warum sie dafür nicht länger nur zuschauen möchten. Die Antworten zeigen erstaunliche Gemeinsamkeiten – aber auch deutliche Unterschiede bei den politischen Vorstellungen und den Wegen dorthin.

Politik steht derzeit vor erheblichen Herausforderungen. Das zeigt sich besonders unmittelbar in den Kommunen: Die finanzielle Situation vieler Städte und Gemeinden ist angespannt, Investitionen in Schulen, Straßen und andere Infrastruktur bleiben eine zentrale Aufgabe. Für 2025 weist der Kommunale Finanzreport der Bertelsmann Stiftung bundesweit ein kommunales Defizit von knapp 32 Milliarden Euro aus. Gleichzeitig steigt der Investitionsdruck. Auch Nordrhein-Westfalen diskutiert über die Finanzlage seiner Kommunen und deren Handlungsfähigkeit.

Hinzu kommt eine politische Stimmung, in der die Erwartungen an Politik hoch sind, während das Vertrauen in ihre konkrete Leistungsfähigkeit teilweise deutlich geringer ausfällt. Eine repräsentative Studie der Bertelsmann Stiftung kommt 2026 zu dem Ergebnis, dass die grundsätzliche Zustimmung zur liberalen Demokratie weiterhin sehr hoch ist, zugleich aber eine deutliche Lücke zwischen den demokratischen Ansprüchen und der Wahrnehmung ihres praktischen Funktionierens besteht.

Auch die jüngsten Landtagswahlen haben die politische Debatte erneut verschärft. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 wurde die AfD mit 43,8 Prozent stärkste Kraft; die Wahlbeteiligung lag mit 77,8 Prozent so hoch wie bei keiner Landtagswahl dort seit der Wiedervereinigung.

In dieser Situation stellt sich eine einfache, aber grundlegende Frage: Was bringt Menschen dazu, selbst politisch aktiv zu werden?

LokalKlick hat fünf Mitglieder unterschiedlicher Parteien um eine persönliche Antwort gebeten.

Mark Jopp: Politik als Frage von Wirkung und Verantwortung

Für Mark Jopp, der für die FDP in Krefeld für den Landtag Nordrhein-Westfalen kandidiert, beginnt politisches Engagement vor allem mit einer Frage: Wie lässt sich mit vorhandenen Ressourcen mehr erreichen?

„Der Streit beginnt beim Wie. Und genau das interessiert mich“, schreibt Jopp. Als Unternehmer bringe er einen Blick mit, der politische Entscheidungen stärker unter dem Gesichtspunkt von Management und Wirkung betrachten wolle. Sein Grundsatz lautet: „Nicht mehr Einnahmen. Mehr Wirkung.“

Das gelte für ihn etwa für die Verwaltung. Digitalisierung allein sei für ihn kein ausreichendes Ziel. Entscheidend sei vielmehr, ob Verwaltungsprozesse tatsächlich schneller, einfacher und kostengünstiger würden. „Digitalisierung ist ein Weg. Produktivität ist das Ziel“, formuliert Jopp.

Auch bei Bildung, Kinderbetreuung und Wohneigentum verbindet er politische Ziele mit der Frage ihrer Finanzierung. Kleinere Klassen, bessere Betreuung und beitragsfreie Kitas nennt er als Ziele, lehnt aber eine automatische Antwort über höhere Steuern ab. Stattdessen setzt er auf effizientere staatliche Strukturen und klare Prioritäten.

Sein politischer Einstieg beginnt deshalb ungewöhnlich unspektakulär: „Wenn mich jemand fragt, womit ich anfangen würde? Mit der Buchhaltung.“

Transparente und nachvollziehbare Haushalte seien für ihn die Grundlage politischer Entscheidungen. Und noch etwas gehört für Jopp zum politischen Engagement: Menschen sollten nicht nur demonstrieren oder sich über Politik ärgern, sondern selbst in demokratischen Parteien mitarbeiten. „Parteien wären weniger ‚die da‘. Parteien wären mehr ‚wir‘“, schreibt er.

Maximilian Eitner: Bürger nicht nur „abholen“, sondern beteiligen

Maximilian Eitner, Bundespressesprecher der Jungen Freien Wähler, Kreisvorsitzender der Freien Wähler Mülheim an der Ruhr und stellvertretender Landesvorsitzender der Freien Wähler NRW, setzt einen anderen Schwerpunkt.

Für ihn steht die Beziehung zwischen Bürgern und Politik im Mittelpunkt. Sein Ausgangspunkt ist die zunehmende Distanz, die viele Menschen gegenüber politischen Institutionen und Parteien empfinden.

Seine Kritik richtet sich dabei bereits gegen die Sprache der Politik. Bürger müssten nicht ständig „mitgenommen“, „eingebunden“ oder „abgeholt“ werden. Hinter solchen Begriffen stehe für ihn ein problematisches Verständnis: Der Bürger werde zu häufig als Empfänger politischer Entscheidungen betrachtet und zu selten als deren Auftraggeber. „Der Bürger ist nicht das Publikum der Politik. Er ist ihr Auftraggeber“, lautet einer seiner zentralen Sätze.

Eitner sieht deshalb gerade die kommunale Ebene als Ausgangspunkt politischen Engagements. Sein Prinzip: „Erst die Sache, dann die Struktur; erst kommunale Verantwortung, dann der politische Überbau.“

Die Freien Wähler versteht er in diesem Zusammenhang als Ausdruck einer politischen Bewegung von unten. Bürgerinitiativen und freie Wählergemeinschaften könnten eine Rückkopplung zwischen Bürgern und Politik herstellen.

Gleichzeitig nimmt Eitner auch die eigene politische Seite nicht aus der Kritik. Bürgernähe dürfe nicht lediglich ein Markenversprechen werden. Auch die Freien Wähler müssten sich daran messen lassen, ob sie tatsächlich dauerhaft Beteiligung ermöglichen.

Dirk Bachhausen: Nicht nur reden, sondern den ersten Schritt machen

Für Dirk Bachhausen, Volt-Direktkandidat im Landtags-Wahlkreis Köln IV, steht das persönliche Handeln im Mittelpunkt.

Seine Motivation beschreibt er zunächst mit einem Blick auf die aktuelle politische Situation: sinkendes Vertrauen, härtere Debatten und die Stärke extremistischer Kräfte. Daraus zieht er für sich eine Konsequenz: Zuschauen reicht nicht. „Wer Veränderungen will, muss bereit sein, selbst den ersten Schritt zu gehen“, schreibt Bachhausen.

Seine Entscheidung für Volt begründet er mit einem politischen Ansatz, den er als undogmatisch, pragmatisch und europäisch beschreibt. Lösungen sollten nicht allein aus traditionellen politischen Lagern heraus entwickelt werden. Vielmehr gehe es darum, auch zu schauen, welche Ansätze an anderen Orten funktionieren.

Dabei verweist Bachhausen ausdrücklich auf seine Erfahrungen vor Ort. Als gelernter Bankkaufmann arbeitete er als sachkundiger Bürger in Kölner Ausschüssen für Umwelt, Verkehr, Digitales und Wirtschaft mit. Außerdem engagiert er sich nach eigenen Angaben seit Jahren in Bürger-, Umwelt- und Kulturvereinen.

Gerade dort erlebe er, wie viel ehrenamtlich geleistet werde – aber auch, wie häufig gute Ideen an Bürokratie, fehlender Unterstützung oder unklaren Zuständigkeiten scheiterten. Seine politischen Schwerpunkte liegen deshalb unter anderem bei Bürgerbeteiligung, Vereinen, moderner Verwaltung und lebenswerter Stadtentwicklung.

Bemerkenswert offen beschreibt Bachhausen zugleich seine Ausgangslage als Kandidat: Er kandidiere, obwohl seine persönlichen Erfolgsaussichten gering seien. Denn politisches Engagement dürfe nicht davon abhängen, ob der Erfolg bereits sicher sei. „Ich möchte nicht nur sagen, was sich ändern müsste. Ich möchte Verantwortung übernehmen und daran mitarbeiten.“

Dominique Fietze: Verantwortung für die nächste Generation

Bei Dominique Fietze, stellvertretende Landesvorsitzende der WerteUnion NRW, steht dagegen stärker die Sorge um die Entwicklung Deutschlands und die Zukunft der eigenen Familie im Vordergrund.

Die Mönchengladbacherin nennt konkrete Alltagserfahrungen: ausfallende Kinderbetreuung, Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie Entwicklungen in Kitas und Schulen. Als Mutter und Großmutter beschäftigt sie dabei besonders die Frage, welche Zukunft die nächste Generation vorfindet.

Auch Migration und innere Sicherheit gehören für Fietze zu den Themen, bei denen sie einen handlungsfähigen Staat fordert. Ebenso stellt sie die Verwendung öffentlicher Gelder infrage und verbindet ihre Kritik an Infrastruktur, Bildung, Betreuung und Verwaltung mit der Frage nach staatlichen Prioritäten. Ihre politische Entscheidung sei aus dem Gefühl entstanden, als einzelne Wählerin zu wenig verändern zu können.

„Genau diese Entwicklungen waren für mich der Grund, nicht länger nur zuzuschauen“, schreibt Fietze. Vor mehr als zwei Jahren habe sie deshalb ihren Mann gefragt, was er davon halte, wenn sie sich politisch engagiere. Ihre Entscheidung für die WerteUnion begründet sie mit dem Gedanken mündiger Bürger, Eigenverantwortung und der Überzeugung, Bewährtes erhalten zu wollen.

Ihr persönliches Motiv fasst sie am Ende zusammen: „Für unsere Familien. Für unsere Kinder und Enkel. Für ein Land, in dem Eigenverantwortung wieder zählt.“

Herbert Einsiedler: Warum gerade eine kleine Partei?

Prof. Dr. Herbert Einsiedler aus Meerbusch wiederum beschäftigt eine andere Frage: Warum sollte man sich überhaupt in einer kleinen Partei engagieren, wenn größere Parteien mehr politische Macht besitzen? Seine Antwort fällt eindeutig aus: „Irrtum.“

Einsiedler engagiert sich in der ÖDP. Für ihn ist gerade die Größe einer Partei entscheidend für die Möglichkeit des Einzelnen, eigene politische Vorstellungen einzubringen. In einer großen Partei sei der Einzelne eher eine Nummer und müsse mehr inhaltliche Kompromisse eingehen. In einer kleinen Partei sieht er eine größere Übereinstimmung zwischen eigenen Überzeugungen und Parteiprogramm.

Im Mittelpunkt stehen für ihn Gemeinwohl, soziale Fairness, der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen und die Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen. Die von ihm zitierte „Goldene Regel“ der ÖDP verbindet diese Perspektive ausdrücklich mit der Verantwortung gegenüber Menschen und Natur.

Dabei versteht Einsiedler die ÖDP ausdrücklich nicht als reine Umweltpartei. Er verweist auf ein breites Programm und die Möglichkeit, sich unmittelbar in Kreis-, Landes- und Fachausschüssen einzubringen. Sein politischer Blick ist dabei langfristig ausgerichtet. Eine zentrale Frage lautet für ihn: „Was würden unsere Enkel dereinst zu unserer Entscheidung sagen?“

Als Beleg dafür, dass auch eine kleine Partei politische Wirkung entfalten könne, verweist Einsiedler unter anderem auf Volksbegehren wie „Rettet die Bienen“ in Bayern sowie auf kommunalpolitische Aktivitäten der ÖDP.

Fünf Menschen, fünf Parteien – und überraschend viele Gemeinsamkeiten

Fünf Menschen, fünf Parteien, fünf unterschiedliche politische Ausgangspunkte. Die Unterschiede sind deutlich.

Mark Jopp denkt stärker in den Kategorien Effizienz, Wirtschaftlichkeit, Verwaltung und Leistungsfähigkeit des Staates. Maximilian Eitner stellt Bürgernähe, kommunale Verantwortung und politische Beteiligung in den Mittelpunkt. Dirk Bachhausen betont Pragmatismus, neue Lösungswege, Europa und das persönliche Einmischen. Dominique Fietze verbindet ihr Engagement vor allem mit Familie, Sicherheit, Eigenverantwortung und der Zukunft Deutschlands. Herbert Einsiedler argumentiert aus einer Perspektive von Gemeinwohl, Ökologie, Generationengerechtigkeit und langfristiger politischer Einflussmöglichkeit.

Und doch gibt es einen gemeinsamen Nenner. Keiner der fünf beschreibt politisches Engagement als Karriereprojekt. Alle fünf begründen ihren Schritt mit einer persönlichen Beobachtung oder Erfahrung und mit dem Wunsch, etwas zu verändern. Mehrfach fällt – ausdrücklich oder sinngemäß – das Motiv, nicht länger nur zuzuschauen.

Auch die kommunale Ebene spielt bei mehreren Beiträgen eine zentrale Rolle. Verwaltung, Schulen, Kitas, Vereine, Infrastruktur, Bürgerbeteiligung und konkrete Lebensbedingungen sind Themen, bei denen Politik für die Autoren unmittelbar erfahrbar wird.

Ein zweiter gemeinsamer Punkt ist die Vorstellung, dass Demokratie vom Mitmachen lebt. Die Wege, die daraus gezogen werden, sind allerdings unterschiedlich: mehr Effizienz bei Jopp, mehr Bürgerverantwortung bei Eitner, pragmatisches Handeln bei Bachhausen, Eigenverantwortung und politische Veränderung bei Fietze sowie langfristige Gemeinwohlorientierung bei Einsiedler.

Vielleicht liegt genau darin die interessanteste Erkenntnis dieser fünf persönlichen Statements: Politisches Engagement beginnt nicht zwingend mit einer fertigen politischen Antwort. Es kann auch mit der Überzeugung beginnen, dass man selbst etwas beitragen muss.

Und so unterschiedlich die politischen Vorstellungen der fünf Autoren sind – in einem Punkt treffen sie sich: Demokratie besteht nicht nur darin, alle paar Jahre einen Stimmzettel auszufüllen. Sie lebt auch davon, dass Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sich einzumischen und ihre unterschiedlichen Vorstellungen in den politischen Wettbewerb einzubringen.

von Christian Voigt, Herausgeber von LokalKlick

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