Mülheim an der Ruhr/Venlo. Aus einer Familientragödie ist eine Geschäftsidee entstanden, die alte und junge Menschen wieder ins Gespräch bringen will – erdacht von fünf Erstsemestern der Fontys Venlo
Manche Geschichten beginnen mit einem Verlust, der erst im Nachhinein wirklich verstanden wird. Für Milena Lontzen war es der Abschied von ihrem Großvater. Nach dem Tod seiner Frau hatte er sich immer mehr zurückgezogen und war in Depressionen verfallen, die ihm die Lebensfreude genommen hatten.
Aus dieser Erfahrung wuchs bei Milena Lontzen der Wunsch, etwas zu verändern. Zusammen mit vier Kommilitonen des ersten Studienjahres der Fontys Venlo – Ben Goertz, Jahmar Stewart, Leon Grötzinger und Leni Ofiera – gründete sie das Start-up Bridger Games mit Sitz in Mülheim an der Ruhr. Ihr Ziel ist es, ein Kartenspiel zu entwickeln, das genau dort ansetzt, wo im Alter oft eine Lücke entsteht: im echten Gespräch zwischen den Generationen, das über Smalltalk hinausgeht.
Denn hinter der Geschäftsidee steckt für das Team eine tiefere Überzeugung: Mit jedem Menschen, der im Alter vereinsamt und dessen Erinnerungen niemand mehr hört, geht auch ein Stück gemeinsamer Geschichte verloren – Erfahrungen, Umwege und Lektionen, die nirgendwo anders festgehalten sind. „Wenn wir die Geschichten unserer Großeltern verlieren, verlieren wir alle etwas, das sich nie wieder zurückholen lässt“, sagt Leon Grötzinger. Genau das will Bridger Games verhindern: dass Lebensgeschichten für immer verstummen, nur weil niemand mehr fragt.
Ein Problem, das sich hinter geschlossenen Türen abspielt
Einsamkeit im Alter gilt vielen noch immer als Randthema. Die Zahlen sprechen jedoch eine andere Sprache. In den Niederlanden fühlt sich jede dritte Person über 75 Jahren einsam, bei jeder zehnten ist die Einsamkeit sogar extrem ausgeprägt. In Deutschland geben 8,3 Prozent der über 50-Jährigen an, sich einsam zu fühlen; bei den über 80-Jährigen liegt der Wert bei über 27 Prozent. Im Vereinigten Königreich gelten 1,2 Millionen ältere Menschen als chronisch einsam.
Mediziner warnen bereits seit Längerem davor, das Problem zu unterschätzen. Chronische Einsamkeit wird mit gesundheitlichen Risiken in Verbindung gebracht, die mit dem täglichen Konsum von 15 Zigaretten vergleichbar sind. Zudem steht sie in engem Zusammenhang mit Depressionen.
Fragen statt Floskeln
Genau hier setzt das Kartenspiel von Bridger Games an. Anstelle von oberflächlichem Smalltalk stellen die Karten Fragen, die zum Erzählen einladen, wie zum Beispiel „Was war einer der glücklichsten Momente deines Lebens?“ oder „Wer hat dich in jungen Jahren am meisten geprägt?“.
Die Fragen sind sechs Kategorien zugeordnet – Kindheit, Liebe, Beruf, Reisen, Ratschläge und gute Laune – und sollen nach und nach eine Brücke zwischen den Generationen schlagen. So wird dem Namen des Start-ups gerecht.
„Wir wollten kein weiteres Gesellschaftsspiel entwickeln, das nach zwei Runden in der Schublade verschwindet“, sagt Ben Goertz. „Uns geht es darum, dass Menschen zum ersten Mal seit Langem wirklich gehört werden.“
Das Spiel ist sowohl für den Einsatz am heimischen Esstisch als auch in Pflegeeinrichtungen, Mehrgenerationenhäusern und sozialen Projekten gedacht.
Mehr als ein Studienprojekt
Dass ausgerechnet fünf Erstsemester ein Unternehmen gründen, ist ungewöhnlich – ihre Motivation ist es nicht weniger. Sie sind durch eine gemeinsame Überzeugung verbunden, die weit über eine gute Semesternote hinausgeht: Soziale Verbundenheit sei kein Luxus, sondern ein Menschenrecht, sagt das Team.
„Wir sind Studierende. Aber wir sind auch Enkelkinder, Familienmitglieder – und werden selbst einmal ältere Menschen“, sagt Milena Lontzen. „Deshalb ist das für uns kein reines Geschäftsmodell, sondern eine Verantwortung, die wir alle teilen.“
Mit ihrem Ansatz ordnet sich Bridger Games bewusst in ein größeres Ziel ein. Das Team orientiert sich an den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen, konkret am Ziel Gesundheit und Wohlergehen.
Ob aus der Idee der fünf Studierenden ein tragfähiges Geschäftsmodell wird, muss sich erst noch zeigen. Der Anspruch dahinter bleibt jedoch bestehen: dass am Ende niemand allein am Tisch sitzen muss.
Das Kartenspiel ist Mitte September zum Preis von 14,99 Euro online erhältlich sein. Wer eines der ersten Exemplare sichern möchte, kann sich bereits jetzt per Direktnachricht über die Website bei Bridger Games melden.






















