Blick auf die Synagoge (Foto: Stadtverwaltung Schwelm / Heike Rudolph)
Anzeige

Schwelm. Mit zahlreichen Gästen und Nachfahren jüdischer Schwelmer Bürger

„Als ich vor zwei Jahren viel auf dem Jüdischen Friedhof an der Delle zu tun hatte, da wurde mir klar, wie viel Wissen über die jüdischen Bürger in Schwelm hier versammelt ist und dass dieses Wissen in die Mitte unserer Stadt gehört“: Mit diesen Worten erläuterte Marc Albano-Müller den Beginn eines in der Folge umfassend entwickelten Projektes, das jetzt zur Einweihung des Immanuel-Ehrlich-Platzes in der Kirchstraße führte – ein Ereignis, dem eine unvergessliche Feierstunde in der Christuskirche mit zahlreichen Teilnehmer/innen vorausging, die dann später auch die Kirchstraße säumten. Zur Feierstunde und zur Platzeinweihung hatten die Stadt Schwelm und der Verein für Heimatkunde herzlich eingeladen.

Unter den vielen Besucher/innen waren auch Nachfahren früherer jüdischer Schwelmer Bürger, so Dan Schockner, der Großneffe von Immanuel Ehrlich, und sein Sohn Reuven, sowie Renate Marcus mit ihrem Sohn Richard und dessen Frau Daniela Jochmann-Marcus und den Töchtern Leonie und Juliane, Nachfahren des Schwelmer Juden Jordan Marcus, der in jenem Haus lebte, in dem heute die Kaffeerösterei Rabenschwarz tätig ist.

Außerdem nahmen Wolfgang Polak teil, der Friedhofsbeauftragte vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Westfalen-Lippe, Dortmund, und Wilfried Hager, der, wie Immanuel Ehrlich, in Edelfingen geboren wurde und sich mit dem Leben jüdischer Bürger befasst. Den musikalischen Rahmen setzte wunderbar der Konzertgeiger Paul Rosner mit Stücken von Bach und Ernest Bloch. Für Schwelms Ehrenbürger Wilhelm Erfurt, der privat und mit seiner Stiftung die Forschung über Juden in Schwelm seit langer Zeit unterstützt, war es eine Selbstverständlichkeit, diesen wichtigen Tag zur Gänze zu begleiten. Mit den Ehrengästen hatten sich Anne Peter, Vorsitzende des Vereins für Heimatkunde, Marc Albano-Müller und Bürgermeister Stephan Langhard im Vorfeld auf einem Empfang im Schulhaus-Hotelrestaurants schon intensiv ausgetauscht.

Marc Albano Müller und der Verein für Heimatkunde Schwelm hatten die Idee für einen „Immanuel-Ehrlich-Platz“ gemeinsam vorangetrieben, um in einem Sinne an die früheren jüdischen Bürger zu erinnern, der das wichtige Leben der jüdischen Gemeinde über mehrere Jahrhunderte hinweg wieder sichtbar, nachvollziehbar vergegenwärtigen sollte. Stellvertretend für die früheren jüdischen Bürger sollte der letzte Religionslehrer der jüdischen Gemeinde in Schwelm stehen, Immanuel Ehrlich, der 1942 nach Theresienstadt deportiert worden war und dort verhungerte.

Der Rat der Stadt Schwelm, so Bürgermeister Stephan Langhard, „hat dem Bürgerantrag auf Widmung des Platzes seinerzeit nicht nur einstimmig zugestimmt, sondern ihn auch ausdrücklich begrüßt“. Für das Stadtoberhaupt ist die Einweihung des Immanuel-Ehrlich-Platzes „ein bedeutendes Ereignis über Tag und Stunde hinaus für unsere Stadtgesellschaft“. Es gehe darum, hinter dem Schrecken von Vertreibung und Ermordung der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus wieder einen Blick darauf zu gewinnen, wie reichhaltig das Leben der jüdischen Gemeinde in dieser Stadt war und wie selbstverständlich sie ein Teil des Schwelmer Stadtlebens war. Dies würde an diesem Platz wieder verstehbar. Es gelte unbedingt zusammenzustehen, sagte Stephan Langhard auch mit Blick auf wachsenden Antisemitismus in der Gesellschaft. Er dankte insbesondere Anne Peter und damit dem Verein für Heimatkunde sowie Marc Albano-Müller für ihr gelungenes Projekt.

Den Blick auf den individuellen Menschen hinter dem Begriff eröffnete Marc Albano Müller, als er in der Christuskirche auf großformatige Porträts von Schwelmer Juden verwies, deren Lebensläufe er skizzierte.

Darunter Erna Marcus, die die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Stutthoff überlebte und noch hochbetagt in New York „eine leidenschaftliche Schwelmerin“ war. Erinnert wurde u.a. an Ernst Rosendahl, Jurist, der Schwelms erste Ortsgruppe der Jungsozialisten gegründet hatte.

Vorgestellt wurden auch der Bankier und langjährige Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Schwelm – Joseph Meyer-, seine Schwägerin, die Soziologin und Buchautorin Helene Simon sowie die Arztfamilie Herz u.v.a. – lauter kluge, tüchtige Menschen, deren Vorfahren oftmals noch in die Berufe des Metzgers und Viehhändlers abgedrängt worden waren, die aber ihre Bildungschancen erkannten und sich den gesellschaftlichen Aufstieg erarbeiteten.

Durch intensive Recherche über Kontinente hinweg hatte Marc Albano-Müller herausgefunden, wann diese Schwelmer Juden in den 1930er Jahren die akute Gefahr für ihr Leben erkannten. Nicht allen gelang die Flucht, einige von ihnen erreichten direkt oder über Umwege am Ende die USA.

In der Weise, wie M. Albano Müller über sie sprach, machte er die Menschen fühlbar und verdeutlichte damit die Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens in Schwelm bis zu den Jahren, als es, politisch verordnet, verfolgt und zerstört wurde.

Indem das Augenmerk von Feierstunde und Platzeinweihung nicht auf dem Holocaust lag, sondern auf der Lebensschilderung des Schwelmer Judentums wurde eine neue Sichtweise eröffnet, übrigens auch auf die Kirchstraße, in der sehr viele Schwelmer Juden gelebt haben; an ihren früheren Häusern gehen die Menschen heute jeden Tag vorbei. Um die Bedeutung dieses Viertels nicht nur als Wohn-, Lebens- und Arbeitsort, sondern auch als religiöses Zentrum für die Schwelmer Juden hervorzuheben, wurde eine Bildmontage vorgestellt, die den Blick vom Immanuel Ehrlich-Platz in die Fronhofstraße hinein lenkt, wo einst die Synagoge stand.

Und dann war es soweit: Gemeinsam mit jüdischen Ehrengästen wurden die vom „Atelier 7“ genähten Stoffbahnen von drei Schildern gezogen, die Informationen zum jüdischen Leben im Herzen der Stadt geben. Die vielen Bürger/innen, die der Feststunde in der Christuskirche mit Eintrag ins Goldene Buch der Stadt und dann der Einweihung des Platzes beigewohnt hatten, spendeten langanhaltenden Applaus.

Beitrag drucken
Anzeigen