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Dr. Christian Tigges beim Verabreichen des Medikamentes (Foto: HELIOS)

Oberhausen. Der schwarze Hautkrebs, medizinisch malignes Melanom, steht weltweit an fünfter Stelle in der Häufigkeitsliste der Krebserkrankungen. Je später er entdeckt wird, desto schwieriger ist er zu behandeln.

Aus diesem Grund wurde in den letzten Jahren stetig an neuen, zielgerichteten Therapiemethoden gearbeitet. Eine der neuesten umfasst den Einsatz des genetisch veränderten Herpes-simplex-Virus‘ Typ 1, im Volksmund als Lippenherpes bekannt, der Krebszellen zerstören kann. In der HELIOS St. Elisabeth Klinik kommt diese hochmoderne Behandlungsmöglichkeit seit kurzem zum Einsatz und zeigt bei der ersten Patientin bereits Erfolge.

Der Herpes-simplex-Virus Typ 1 äußert sich normalerweise in schmerzenden Bläschen rund um Mund und Nase. Doch der unliebsame Erreger kann auch eine ganz andere Wirkung zeigen: Gentechnisch verändert und punktgenau injiziert wird er im Kampf gegen schwarzen Hautkrebs zur Waffe. Dr. Christian Tigges, leitender Oberarzt der Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie an der HELIOS Klinik in Oberhausen, wendete dieses neue Verfahren vor kurzem an einer Patientin an. Damit leistete er innerhalb der HELIOS Klinikengruppe Pionierarbeit. „Aktuell bieten vor allem Unikliniken diese Therapieform an. Als zertifiziertes Hauttumorzentrum fühlen wir uns jedoch auch dazu verpflichtet, stets die neuesten Behandlungsmöglichkeiten für unsere Patienten vorzuhalten“, so Dr. Tigges.

Die Therapie erfolgt ambulant. Sie eignet sich für Patienten, bei denen der Krebs schon in der Haut Metastasen gebildet, aber noch nicht die anderen Körperorgane befallen hat. Die Metastasen erscheinen als rote, manchmal bläuliche, fest zu ertastende Knötchen. Es gibt Betroffene, bei denen sich diese Hauterscheinungen eng aneinander liegend, teils wiederkehrend zeigen. „Irgendwann sind die Möglichkeiten der operativen Entfernung erschöpft, da zu große Wundflächen entstehen würden. Für diese Patienten bietet die neue Behandlungsmethode eine neue Chance“, sagt Oberarzt Dr. Tigges. Auch bei besonders kleinen Metastasen, bei denen ein Einsatz mit dem Skalpell nicht in Frage kommt, ist die Virus-Therapie sinnvoll. Im Fall der Oberhausener Patientin zeigten sich zur Freude aller Beteiligten schon die ersten Erfolge: Nach der ersten Verabreichung des Medikaments haben sich ihre Haut-Metastasen bereits deutlich zurückgebildet.

Doch wie genau wird der Herpes-Virus vom Erreger zum Heilmittel? „In der Genstruktur des Keims werden zwei Komponenten blindgeschaltet, so dass er im gesunden Gewebe keine Infektion mehr hervorruft“, erklärt der Mediziner. Eine besondere Eigenschaft bleibt dem Virus jedoch erhalten – er kann Krebszellen zum Zerfall bringen. Mit einer dünnen Nadel wird der veränderte Erreger punktgenau in die Tumorzellen gespritzt, hier entfaltet er seine positive Wirkung: Die Tumorzellen zerplatzen. Dieser Zersetzungsprozess wird medizinisch Lyse genannt, die wiederum eine gewünschte Kettenreaktion zur Folge hat. „Die Lyse führt zu einer Antwort des Immunsystems. Die Leukozyten, also die weißen Blutkörperchen, sind nachfolgend in der Lage, die Krebszellen, die sich bereits im Körper verbreitet haben, zu erkennen und zu bekämpfen. Das ist in der Behandlung des schwarzen Hautkrebses ein Durchbruch.“

Allerdings ist die Anwendung des Medikaments recht aufwendig. Zunächst müssen alle Metastasen, die behandelt werden sollen, ausgemessen werden. Aus einer vorgegeben Tabelle kann der Arzt die Medikamentenmenge ablesen, die er für die entsprechende Fläche benötigt. „Die vorbereitete Lösung wird aus den Niederlanden in Trockeneis gekühlt geliefert. Bei Erhalt des Medikaments müssen wir es entweder nach einer 30-minütigen Auftauzeit direkt verwenden oder in einer Tiefkühlung bei minus 70 bis minus 90 Grad lagern“, erklärt der Hautkrebs-Experte. Bei der Verabreichung muss er strikten Sicherheitsstandards befolgen. Bevor Dr. Tigges mit der Anwendung der Therapie beginnen durfte, musste er eine mehrstündige Schulung absolvieren. Zudem ist das Medikament recht kostspielig, die Behandlung wird jedoch von der Krankenkasse übernommen.

Die Therapie wird gemeinhin als gut verträglich beschrieben. Da der Erreger nach wie vor eine Immunreaktion hervorruft, kann es jedoch zu grippeähnlichen Symptomen wie Schüttelfrost oder Gliederschmerzen kommen, auch Rötungen oder leichte Schmerzen an der Injektionsstelle sind möglich. „Im Verhältnis zu der Chance, den schwarzen Hautkrebs zu besiegen, sind diese Nebenwirkungen für die Patienten in der Regel allerdings nicht der Rede wert“, sagt Dr. Tigges. 

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