Mohammed Ragy beginnt das zweite Lehrjahr seiner Ausbildung zum Elektrotechniker (Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation)
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Krefeld. Eine abenteuerliche Reise über Wien durch halb Deutschland hat Mohammed Ragy hinter sich gebracht, bevor er im März 2016 in die Traglufthalle nach Krefeld-Hüls kommt. Der 22-jährige Kurde flieht mit seinem Bruder und der Familie seiner Kusine vor dem Krieg in Syrien. Auf dem Weg durch München, Berlin, Hannover, Wolfsburg, Dortmund, Unna und Kerken verlässt Ragy eigenmächtig die Unterkunft in Berlin, wird in Hannover ohne Papiere aufgegriffen, zunächst verhaftet und dann nach Wolfsburg weitergeleitet. Dort bemüht er sich mit Unterstützung des Caterers, der die Unterkunft beliefert, um ein Gesundheitszeugnis, um in der Küche des Lagers helfen zu können. Durch seine Arbeit bei Unicef in Syrien spricht Mohammed Ragy sehr gut Englisch, knüpft überall Kontakte und engagiert sich, wo er nur kann, bietet sich für andere Geflüchtete als Übersetzer an. Gleichzeitig lernt er Deutsch, wann immer es ihm möglich ist.

„An der Bushaltestelle in St. Tönis gab es freies Internet. Dort habe ich mir immer die Deutsch-Apps auf das Handy heruntergeladen“, berichtet Mohammed Ragy lachend in fließendem Deutsch. Tatsächlich habe er zu lange trotzdem hauptsächlich Englisch gesprochen, da die meisten eben diese Sprache sprechen, sagt er. Sein Glück ist es, in Hüls auf eine Ehrenamtlerin zu treffen, mit der er sich nur auf Deutsch unterhalten kann. Das habe ihm wirklich geholfen, so Ragy. Er besucht in Hüls das von Ehrenamtlichen organisierte Begegnungscafé, engagiert sich in der Traglufthalle als Übersetzer und in einem Hülser Seniorenheim, wo er sich mit den Bewohnern unterhält. „Die haben vorher ja noch nie einen Flüchtling gesehen“, grinst er.

Durch seine offene Art findet Ragy in Hüls schnell Unterstützer, die ihm beim Deutsch-Lernen helfen und ihn zur Arbeitsagentur begleiten. Karl Heussen, Sprecher des Hülser Koordinierungskreises der Ehrenamtlichen, vermittelt dem engagierten jungen Mann und dessen Bruder über einen Bekannten eine Dachgeschosswohnung in Hüls. „In Krefeld hat sich das Ehrenamt inzwischen eingespielt. Es gibt nach wie vor die Begegnungscafés, das meiste funktioniert jedoch intensiv auf privater Ebene“, sagt Heussen. Er führt dies vor allem darauf zurück, dass die Stadt im Vorfeld viel richtig gemacht hat. Von Anfang sei man sehr offen mit der Situation umgegangen und habe die Krefelder Bürger in Veranstaltungen und mit möglichen Besichtigungen der Sammelunterkünfte, speziell der Traglufthallen in Hüls und Traar, über die Auswirkungen des großen Zustroms an Geflüchteten informiert, so Heussen. In Hüls haben mehr als 500 Interessierte die erste Informationsveranstaltung besucht, weiß er.

Nach wie vor steht den ehrenamtlichen Helfern das Team der städtischen Flüchtlingskoordination unter Doris Schlimnat als Servicestelle zur Verfügung. Die Mitarbeiter erteilen Auskünfte, vermitteln Ansprechpartner in Initiativen, Wohlfahrtsorganisationen und in der Stadtverwaltung und kümmern sich bei Bedarf um die Fortbildung und die Vernetzung der Ehrenamtler. „Wichtig ist auch, dass die Freiwilligen ihre Erfahrungen austauschen und gute Beispiele weiter verbreiten können“, sagt die Flüchtlingskoordinatorin.

Mohammed Ragys Asylantrag ist mittlerweile genehmigt, eine weitere Fürsprecherin aus Hüls motiviert und unterstützt ihn vor allem bei den Bewerbungen. Da der junge Syrer in seinem Heimatland vier Semester Elektrotechnik studiert hat, sucht er eine Beschäftigung in einem branchenähnlichen Unternehmen. Wegen fehlender Sprachkenntnisse vor allem im technischen Bereich funktioniert das erste Praktikum nicht. In dem kleinen Unternehmen hat man offensichtlich keine Geduld, sich mit dem Praktikanten zu befassen und sich vor allem bei sprachlichen Hindernissen mehr Zeit zu nehmen. Ragy merkt, dass er selbst ebenfalls Geduld haben muss und wie wichtig es ist, weiterhin Deutsch zu lernen: „Die Sprache ist eben der Schlüssel zu allem“, sagt er.

Im März 2017 beginnt Mohammed Ragy schließlich ein Praktikum bei einem Elektrotechnik-Betrieb in Hüls, der ihm nach vier Monaten einen von zwei Ausbildungsplätzen anbietet. „In der Berufsschulklasse sind wir insgesamt drei Flüchtlinge, und die Lehrer sind alle sehr geduldig mit uns“, berichtet er. Er selbst kommt gut zurecht, beim Lernen zu Hause kann er sich auch an einen ehemaligen Berufsschullehrer wenden, der ihm hilft. Sein erstes Lehrjahr schließt er in diesem Jahr mit der Bestnote 1,4 ab. „Das macht selbstbewusst“, sagt er und freut sich über die Anerkennung durch die Schulkollegen. Für ihn steht fest, dass er nach der dreijährigen Ausbildung Elektrotechnik studieren möchte.

Flüchtlingskoordinatorin Doris Schlimnat freut sich, drei von vielen wunderbaren Beispielen vorstellen zu können, die zeigen, wie Integration funktioniert. „Integration funktioniert am besten, wenn man sie als beiderseitigen Prozess begreift, sie ist eben keine Einbahnstraße. Alle guten Beispiele zeigen, dass sich nicht nur die Zuwanderer bewegen müssen, sondern auch die, die hier schon länger leben.“ Sehr große Bedeutung hat weiterhin die ehrenamtliche Begleitung. Deshalb bemüht sich das Team Flüchtlingskoordination die freiwilligen Helfer in ihrem Engagement weiter zu motivieren und vielleicht noch neue Helfer zu finden. Am 20. September soll es eine Dankeschön-Veranstaltung für alle Ehrenamtler in der Flüchtlingshilfe geben.

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