Didem Günel, Sozialarbeiterin der Mariannenschule (links) und Schulleiterin Miriam Fassbender (Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, A. Bischof)

Krefeld. In Krefeld führt die Kommunale Zentralstelle für Beschäftigungsförderung (Kom.ZfB) gemeinsam mit dem Internationalen Bund und dem Sozialwerk Krefelder Christen kommunale Schulsozialarbeit an fast allen Schulen in den Bereichen der Sekundarstufen I und II sowie an sieben Grundschulen und einer Förderschule durch. Die Schulsozialarbeiter unterstützen Schüler, bei denen soziale und individuelle Benachteiligungen ausgeglichen werden, um sie sozial, schulisch und beruflich zu integrieren. Seit dem 1. Juli konnten über die Integrationspauschale insgesamt fünf Stellen „Integrative Schulsozialarbeit”, an vier Grundschulen sowie einer Förderschule geschaffen werden. Die neu eingesetzten Sozialarbeiter kümmern sich vorwiegend um Kinder sowie deren Eltern, die einen Flucht-/Migrationshintergrund oder einen ungeklärten Aufenthaltsstatus besitzen. Am Beispiel der Mariannenschule berichten im Interview Schulleiterin Miriam Fassbender und Schulsozialarbeiterin Didem Günel über die bisherigen Erfahrungen.

 

Wie ist der Bedarf an integrativer Schulsozialarbeit an der Mariannenschule und im Sozialraum Stephanplatz?

Miriam Fassbender: Die Grundschule Mariannenstraße liegt in der Krefelder Innenstadt und wird von circa 300 Schülern aus unterschiedlichen Herkunftsländern besucht. Seit der Flüchtlingswelle 2015 steigt der Anteil an Kindern und Familien ohne deutsche Sprachkenntnisse kontinuierlich an. Ein Großteil der Kinder hat vor der Einschulung keine Kindertageseinrichtung besucht. Das Wohngebiet um die Schule herum ist gekennzeichnet durch schwierige soziale Bedingungen in den Elternhäusern: Migrationsproblematiken, geringe Deutschkenntnisse, Arbeitslosigkeit, finanzielle Probleme, Konfrontation mit Gewalt, Mangel an Konfliktfähigkeit. Als Schule in einem solchen Bezirk bedeutet der Schulalltag für alle Verantwortlichen eine ständige Konfrontation mit den sich daraus ergebenden Problemlagen. Die Familien und Kinder bedürfen häufig einer engen Begleitung sowie vielfältiger Hilfestellungen bei der Bewältigung ihres (schulischen) Alltags. Die Schule hat sich deshalb unter anderem folgende Leitziele gegeben: Demokratische Formen der Meinungsfindung, ein möglichst gewaltfreies Zusammenleben, Achten und Verstehen anderer kultureller Hintergründe, die Teilhabe aller an der Gestaltung des Zusammenlebens in der Schule und im Sozialraum sowie die Befähigung zur Übernahme an Verantwortung für sich selbst und das Ganze. Die integrative Schulsozialarbeit findet in diesem Kontext ihren festen Platz.

 

Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag an der Schule aus, und mit welchen Themen kommen die Kinder und Eltern zu Ihnen?

Didem Günel: In der Gestaltung meines Arbeitsalltags muss ich flexibel sein und situations- und bedarfsorientiert reagieren. Als „Anwältin” der Kinder und insbesondere ihrer Selbst- und Mitbestimmung, ist es mir besonders wichtig, meine Hilfsangebote an die Bedürfnisse und Wünsche der Kinder anzupassen und mit ihnen gemeinsam Ziele zu entwickeln. Konzepte und Pläne sind gut, doch kommt meist alles anders als man denkt – das finde ich aufregend. Der typische Arbeitsalltag existiert nicht. Vor und nach Schulbeginn stehe ich am Tor und begrüße die Kinder und Eltern. Häufig komme ich somit ins Gespräch mit den Eltern. Beratung ist eine Querschnittsaufgabe und zieht sich durch alle Bereiche meiner Arbeit. Beziehungsarbeit steht für mich an erster Stelle. In Eltern- und Kindergesprächen geht es sowohl um individuelle, als auch um familiäre Faktoren, aber auch das Umfeld und größere Systeme stellen sie vor hohe Anforderungen. Die Ursachen für die Herausforderungen sind vielfältig. Somit bedarf es einer Situationsanalyse und einem vorurteilsfreien Blickwinkel in erzieherischen und pädagogischen Gesprächen.

Weitere Aufgaben sind die intensive Einzelfallhilfe, offene Gruppenangebote (Meditation, Yoga, kreative Angebote), Konfliktbearbeitung und Netzwerkarbeit. Gerne weise ich auf Kunst- und Kulturangebote, sowie außerschulische Bildungsinstitutionen (Jugendzentren, das Programm der Jugendkunstschule des Südbahnhofs, Sportvereine) in Krefeld hin. Leider erschwert die Pandemie unsere Arbeit und somit sind größere Projekte momentan nicht möglich. Auch der Termin des geplanten einjährigen Waldprojektes musste vorerst verschoben werden. Gerade ist in Planung einen Demokratieführerschein für die Kinder einzuführen. Es ist zu beobachten, dass viele Eltern wenig Vertrauen in Staat und Behörden haben. Dies hängt womöglich mit wenig demokratischen Strukturen in den Herkunftsländern und daraus resultierendem Misstrauen zusammen. Umso wichtiger ist es, Bewusstsein für unseren Rechts- und Sozialstaat zu schaffen. Mit Einfühlungsvermögen und Empathie kann ich die Eltern an richtiger Stelle abholen und ihnen auf Augenhöhe begegnen. Eine weitere Aufgabe im Rahmen der Elternarbeit ist es, bei Bedarf die Eltern auf Sprachkurse, Angebote der Beschäftigungsförderung, wie die Erwerbslosenberatungsstelle, aufmerksam zu machen und den Weg in die Institute durch Aufklärungsarbeit und Kontaktherstellung zu erleichtern.

 

Frau Günel, was bewirkt die integrative Schulsozialarbeit kurzfristig in Zeiten von Corona aber auch langfristig hinsichtlich der Zielsetzung Integration?

Didem Günel: Jeden Tag ist es möglich, etwas im Leben der Kinder zu bewegen, sie in ihrer Person zu stärken und Mut zu machen. Als Krefelderin mit türkischem Migrationshintergrund kann ich das soziale Leben mit verschiedenen Kulturbrillen betrachten, wahrnehmen und bestenfalls vermitteln. Mir ist bewusst, dass es viele Herausforderungen mit sich bringt, zwischen den Kulturen aufzuwachsen. Doch betrachte ich den Zustand als sehr positiv, wenn ich in der Lage bin zu hinterfragen und kritisch zu reflektieren. Der Fokus meiner Arbeit liegt auf der Alltags- und Lebenswelt der Kinder und ihren Familien. So versuche ich mich an ihrem sozialen Leben zu orientieren und erst einmal die Strukturen und das Familiensystem zu verstehen. Langfristige Ziele sind unter anderem, Bildungsbenachteiligung zu vermeiden, positive Lebensbedingungen zu schaffen und die Kinder bei ihrer Identitätsentwicklung und Persönlichkeitsbildung zu fördern. Wichtig dabei ist die Heterogenität der Schüler zu erkennen und die Vielfalt als Ressource zu wertschätzen und zu nutzen.

 

Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Schulsozialarbeit und den Lehrkräften und wie ist die Akzeptanz im Kollegium?

Miriam Fassbender: Die Schulsozialarbeit im Rahmen der Landesschulsozialarbeit ist bereits seit vielen Jahren ein fester Bestandteil an der Mariannenschule und wird seitens der Lehrer, Kinder und Eltern sehr geschätzt und genutzt. Die integrative Schulsozialarbeit komplettiert und erweitert das bestehende Angebot und vergrößert somit das schulische Angebot Mariannenschule.

Didem Günel: Seit August arbeite ich an der Mariannenschule mit Lehrkräften und Erziehern des offenen Ganztags in Trägerschaft des SKF. Wir arbeiten alle für und mit der gleichen Zielgruppe. Aus diesem Grund ist es für den Ort Lebensraum Schule bedeutsam und notwendig unsere Kompetenzen, Fähigkeiten und Ressourcen zu bündeln. Als kommunale Schulsozialarbeiterin diene ich als Brücke zwischen Jugendhilfe, Schule, Eltern und Kindern. Mit der Zeit kommen immer mehr Kooperationspartner hinzu, insbesondere aus dem Sozialraum. Vom Kollegium bekomme ich positives Feedback. Eine Klassenlehrerin sagte nach guter Zusammenarbeit: “Didem es ist toll, durch deine Brille schauen zu dürfen. Du nimmst die Situation ganz anders wahr als wir.”

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